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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.12.2015

Kreativität in der KriseSchwere Zeiten für die Kultur in Ungarn

Von Stephan Ozsváth

Der ungarische Premierminister Viktor Orban nimmt am 23.09.2015 im Kloster Banz bei Bad Staffelstein (Bayern) als Gast an einer Pressekonferenz anlässlich der Herbstklausur der CSU-Landtagsfraktion teil. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)
Ungarns Ministerpräsident Orban greift durch - auch bei den Kulturinstitutionen. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)

Seit Regierungschef Viktor Orbán im Jahr 2010 die Macht übernommen hat, wurden die Leiter aller wichtigen Kulturinstitutionen in Ungarn ausgetauscht. Wer in eine Führungsposition strebt, braucht vor allem eines: die rechte Gesinnung.

Eklat auf der Sitzung der Ungarischen Akademie der Künste Anfang November in Budapest. Der Schauspieler Márton Gulyás versucht, dem Präsidenten der Einrichtung ein paar Fragen zu stellen. Vergeblich: Ordner führen ihn rüde ab, so rüde, dass er die Treppe des Podiums herabstürzt. Im Saal schimpft einer auf die "Judenbande", die die Veranstaltung störe.

Hintergrund der Affäre: Nach ungarischen Medienberichten soll Akademie-Präsident György Fekete künftig noch mehr Macht bekommen. Er soll auch bei der Nationalen Kulturstiftung der starke Mann werden, mit weitreichenden Vollmachten. Márton Gulyás:

"Wenn diese Vorschläge Wirklichkeit werden, wird der ideologische Zwang ein totaler sein. Es wird keine unabhängige Stelle geben, die Kultur in Ungarn mit Geld unterstützt. György Fekete wird das Recht haben zu entscheiden: Wer darf Geld verteilen und an wen? Und wieviel?"

Schon jetzt verfügt die Ungarische Akademie der Künste über beträchtliche Mittel: Mehr als 16 Millionen in diesem Jahr, der Etat des nächsten sieht mehr als 20 Millionen Euro vor. Und die werden nach Gesinnung vergeben. Ein Akademie-Mitglied kann nur sein, so György Fekete ...

"... wer ein gesellschaftlich und künstlerisch anerkanntes Lebenswerk vorweisen kann. Wer ein über das normale Maß hinausgehendes Interesse am öffentlichen Leben hat. Und Nationalgefühl."

Köpfe aller wichtigen Kulturinstitutionen wurden ausgetauscht

Vor allem letzteres spielt eine große Rolle, seit Regierungschef Viktor Orbán im Jahr 2010 die Macht übernommen hat. Die Köpfe aller wichtigen Kulturinstitutionen wurden ausgetauscht. An die Spitze des Nationaltheaters etwa kam vor zweieinhalb Jahren der aus der Ukraine stammende Attila Vidnyánszy, ein Orbán-treuer Theaterfunktionär.

"Es wird sich alles ändern: Der Tenor. Die Botschaft. Es wird in allem ein anderes Theater sein, kündigte er damals an."

Und Vidnyánszky liefert das Gewünschte: Nationalkitsch und EU-kritische Stücke. Und als Theaterfunktionär entschied er auch mit darüber, dass die kritische Konkurrenz, freie Theaterprojekte wie Krétakör, deutlich weniger Geld bekommen. Das bringt Künstler in eine moralische Zwickmühle, so Regisseur Árpád Schilling:

"Können wir konsequent sein, oder verraten wir unsere Prinzipien - um staatliche Förderung oder einen Staatspreis zu bekommen? Das ist eine Frage an mich und an die ungarische Intelligentsia."

Schilling gab eine entsprechende Antwort: Die staatliche Unterstützung für sein Theaterprojekt war so lächerlich, dass Schilling sie zurück gab. Überleben kann Krétakör nur dank internationaler Engagements. Nationalismus und Fußball, das fördert Regierungschef Orbán aktiv – und mit sehr viel Geld. So entsteht ein ungutes Klima, meint Schilling:

"Die Propaganda-Maschine der Regierung Orbán läuft auf 'volle Kraft voraus'. Seine Demagogie. Ich halte das für sehr schädlich aus Sicht des ungarischen Volkes, der ungarischen Bürger."

Mehr zum Thema:

Kreativität in der Krise: Türkei - Wie Kritik in der Kunst überleben kann
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 25.12.2015)

Kreativität in der Krise: Griechenland - Das Bedürfnis nach Kunst und Kultur wächst
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