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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.08.2012

Krank durch Sprühgift

Die Folgen des Sojaanbaus im argentinischen Rosario

Von Francisco Olaso

Sojabohnen haben Argentinien aus der Wirtschaftskrise geholfen. Die Pflanzengifte, die für den Anbau verwendet werden, machen aber krank.
Sojabohnen haben Argentinien aus der Wirtschaftskrise geholfen. Die Pflanzengifte, die für den Anbau verwendet werden, machen aber krank. (Stock.XCHNG)

Der Export von Sojabohnen, dem grünen Gold, half Argentinien aus der Wirtschaftskrise, die es vor zehn Jahren traf. Vom Soja-Boom profitieren heute vor allem Agrarkonzerne und -produzenten. Aber beim Sojaanbau werden Agrochemikalien auf den Feldern versprüht, die die Sprüher und Anwohner schwer krankmachen.

Ibarlucea ist ein verschlafenes Dorf mit nur zwei asphaltierten Straßen und etwa 1000 Einwohnern. Dreihundert Kilometer sind es von hier aus bis Buenos Aires, und zwölf bis Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens. Ein verregneter Sonntag in einer dörflichen Idylle, die aber so idyllisch nicht ist: Im verwahrlosten Dorfbahnhof, in dem der weiße Putz schon von den Wänden blättert, diskutieren 25 betroffene Einwohner von Ibarlucea über das langjährige und reichhaltige Versprühen von Chemikalien auf den benachbarten Sojafeldern. Eine der Teilnehmerinnen ist die 35-jährige Lucila Algraín. Sie rutscht unruhig auf ihrem Holzhocker herum:

"Als wir aufs Dorf zogen, wurde dreißig Meter von unserem Haus entfernt ein Feld mit Soja bepflanzt. Das war vor sieben Jahren. Damals wussten wir nicht, dass beim Sojaanbau gefährliche Chemikalien benutzt werden. Zwei Jahre später wurde ich schwanger, und nach der Geburt wurde bei meinem Sohn eine Missbildung des Gehirns diagnostiziert."

Lucila arbeitet als Dozentin für Erziehungswissenschaften an der Universidad Nacional de Rosario. Der Soja-Boom hat Rosario seit Ende der 90er Jahre in eine Metropole verwandelt. Achtzig Prozent der rund fünfzig Millionen Tonnen ölhaltiger Bohnen, die Argentinien pro Jahr erzeugt, werden von Rosarios Hafenterminals aus per Schiff in alle Welt exportiert, vor allem nach China und Europa.

25 Millarden Euro wurden damit allein 2011 argentinienweit umgesetzt. In die lebhaften Blicke von Lucila Algraín mit ihren langen schwarzen Haaren mischt sich eine Spur Trauer. Als die Behinderung ihres heute fünfjährigen Sohnes im Jahr 2007 diagnostiziert wurde, konnte kein Arzt die Ursache nennen:

"Als ich erfuhr, das alle Chemikalien, die beim Sojaanbau verwendet werden, Missbildungen während der Schwangerschaft verursachen, ahnte oder, besser gesagt, begriff ich, dass es gut möglich ist, dass es davon kommt. Es geht meinem Sohn soweit gut. Er wird regelmäßig behandelt. Aber er sitzt im Rollstuhl, braucht ein Hörgerät und spricht nicht. Er ist völlig abhängig von uns."

Im Jahr 1996 genehmigte die argentinische Regierung den Anbau von genmanipuliertem Soja. Heute bedecken die langstieligen Pflanzen mit den kleinen weißen Blüten eine Fläche so groß wie halb Deutschland. Sie verdrängten all das, was die Bauern hier vorher ernährte von Gemüse und Getreide bis hin zur Rinderzucht. Und der Staat half bei der Entscheidung für das Gen-Soja mit niedrigen Steuern nach. Erfolgreich.

Endlose grüne Sojafelder bedecken die Provinz Santa Fe rund um Rosario. Die Felder werden von Flugzeugen oder Traktoren aus mit einem starken Cocktail aus Unkraut- und Insektenvernichtungsmitteln besprüht, gegen den nur die Sojapflanzen dank genetischer Veränderungen resistent sind. Die Ernte wird in der Europäischen Union und in China zu Biosprit und Viehfutter verarbeitet.

"Erst Jahre, nachdem man begann, die Plantagen zu besprühen, ist uns im Dorf den Ernst der Lage klar geworden. Leute, die schon andernorts darüber gearbeitet hatten, warnten uns. Die gesundheitlichen Schäden sind enorm nicht nur auf dem Land sondern auch in den Städten, in die das versprühte Gift ja auch gelangt. Je mehr Flächen besprüht werden, je mehr Gift ausgebracht wird, desto höher ist die Zahl der Krebserkrankungen, Fehlgeburten oder Missbildungen. Das geht Hand in Hand."

Juan José Peralta ist einer der Koordinatoren des Workshops über Agrochemikalien im Dorfbahnhof von Ibarlucea. Der blonde Mitdreißiger mit den ausgebeulten Jeans ist Lehrer und Imker und gehört zur Universidad Trashumante. Das ist ein mobiles Bildungsnetz, dessen Mitglieder seit zwei Jahren in einem alten Bus kreuz und quer durch die Provinz fahren, um Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten:

"Das Sprühen bringt uns um. Es ist Teil einer landwirtschaftlichen Produktionsweise, die auf Gift und von Monopolunternehmen patentiertem Saatgut basiert und die dafür sorgt, dass Landwirte das Land verlassen und in die Großstädte abwandern müssen, weil es an Arbeit für Tagelöhner fehlt. Das alles wird von der Politik unterstützt. Wir sagen: "Stoppt die Sprühflugzeuge! Haltet den Sicherheitsabstand ein!" Aber wir wissen, dass das nicht reicht, es ist ein erster Schritt."

Auch der Toxikologe Francisco Aphalo bereist das Land. Er hält Vorträge vor Ärzten in Krankenhäusern über die Diagnose und Behandlung von Vergiftungen durch die in der Landwirtschaft eingesetzten Chemikalien. Aphalo ist Geschäftsführer des privaten Zentrums für Toxikologie TAS in Rosario. Die Unabhängigkeit dieses Instituts wird von Umweltaktivisten und Geschädigten angezweifelt, da es von der Unternehmerkammer, der die multinationalen Saatgut- und Agrochemiekonzerne in Argentinien angehören, mitfinanziert wird:

"Unseren Statistiken zufolge hatten wir im Jahr 2010 insgesamt 3900 Fälle von Vergiftungen. Davon waren Vergiftungen durch Agrochemikalien ... ich müsste die genaue Zahl nachschauen .... aber es waren rund 300. Die Nummer unserer Gratishotline steht auf allen Produkten, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Daher ist unser Service der wichtigste von allen. Und dass es in nur 300 von fast 4000 Fällen um Vergiftungen durch Agrochemikalien geht, liegt daran, dass es eine Dunkelziffer gibt. Denn Krankenhäuser registrieren solche Fälle gar nicht, obwohl sie dazu verpflichtet sind."

Das am weitesten verbreitete und meistgefürchtete Herbizid, also Unkrautbekämpfungsmittel, das im Sojaanbau verwendet wird, ist Glyphosat. Dieses vom US-Konzern Monsanto in den 70er Jahren entwickelte Entlaubungsmittel tötet alles außer gentechnisch verändertes Saatgut. Studien renommierter argentinischer und französischer Molekularbiologen ergaben, dass Glyphosat zum Absterben von Zellen bei menschlichen Embryonen führt oder die embryonale Struktur von Amphibien verändert. Aphalo schenkt dem keinen Glauben. Er hat sein Telefonat mit dem Angehörigen eines Patienten beendet und gießt sich einen Matetee ein.

"Ich glaube an das, was die Studien der Internationalen Agentur für Krebsforschung oder der US-Umweltschutzagentur EPA über Glyphosat aussagen, also die offiziellen Studien, die es bislang zu diesem Produkt gibt. Die Internationale Agentur für Krebsforschung zählt Glyphosat bis heute zu Gruppe 4: "Wahrscheinlich nicht krebserregend." Und bedenken Sie, dass keine Gruppe 5 "nicht krebserregend" existiert. Es gibt keine Studien, die beweisen, dass Glyphosat bei normaler Anwendung des Produktes als Ursache genetische Missbildungen verursacht. Aber natürlich, wenn Sie einem Embryo Glyphosat injizieren, werden die Ergebnisse völlig andere sein, als wenn sie es auf dem Acker benutzen."

Roberto Rios hat seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Zentrum für Toxikologie, auch er vertraut den Wissenschaftlern dort nicht mehr. Der 34-jährige ehemalige Landarbeiter und Sprüher wohnt in Ceres, einem Dorf vierhundert Kilometer nördlich von Rosario. Dass der Mann mit der gedrungenen Gestalt deutliches Übergewicht hat, liegt - wie er sagt - an einer hormonellen Störung, die die Agrochemikalien, mit denen er zehn Jahre gearbeitet hat, verursacht haben. Ríos erinnert sich nicht ohne Ironie daran, dass die Analyse, die er im Zentrum für Toxikologie TAS vornehmen ließ, keine Konzentration von Chemikalien im Blut ergab:

"Sie haben mich gar nicht ernst genommen, als ich ihnen die Untersuchungsergebnisse zeigte, die es gab, mit all den Problemen. Sie sagten mir, es liege nicht am Gift. Klar, hinter TAS steht der Unternehmerverband. Wir kamen immer vom Regen in die Traufe."

Wie sehr die Sojaproduktion die Dörfer der Region beherrscht, verdeutlicht eine Autofahrt durch Ceres, zusammen mit Roberto Ríos. Einige Sojafelder beginnen direkt am Dorfrand. Neben den Wohnhäusern sind mehrere Lager für Agrochemikalien. Die Sojaproduzenten fahren in neuen Landrovern mit Allradantrieb umher, wer ins Sojageschäft einsteigt, wird schnell wohlhabend.

Das höchste und imposanteste Gebäude ist nicht die Kirche, sondern sind die riesigen Silos, vor denen LKW beladen mit Sojabohnen darauf warten entladen zu werden. Roberto Ríos war in seiner aktiven Zeit seit dem Jahr 2000 in einer kleinen Agrarfirma beschäftigt. Dort musste er alle im Sojaanbau üblichen Agrochemikalien sprühen. An manchen Tagen achtzehn Stunden am Stück. Der Traktor, den man ihm zugewiesen hatte, verfügte nicht einmal über eine Kabine. Nach sieben Jahren musste er erstmals aussetzen:

"Ich weiß nicht, was an dem Tag mit mir los war. Angefangen hat es mit Bauchschmerzen, stechend, als hätte ich eine Bombe im Magen. Ich konnte nicht atmen, der Bauch war geschwollen. So was hatte ich noch nie gehabt. Ich bin noch selbst ins Krankenhaus gefahren. Ich wurde sofort aufgenommen, sie schoben mir zwei Sonden durch die Nase bis in den Magen, um ein Notoperation zu vermeiden. In dem Krankenhaus war ein Arzt aus Rosario und der sagte: "Der Mann hier arbeitet wohl mit giftigen Stoffen. Und so wie der Magen reagiert, kommt das nicht daher, dass er was Falsches gegessen hat." Da machten sie Augen in meiner Firma. Aber sie haben nie anerkannt, dass es am Gift lag."

Zwei Jahre später musste Roberto Rios die Arbeit aufgeben. Er wurde an Speiseröhre, Leber und Nieren operiert. Weder sein Unternehmen noch die Versicherung übernahmen die Kosten. Professor Damián Verzeñassi von der Universität Rosario hat täglich mit solchen Fällen zu tun. Seit der Einführung von Gensoja untersucht er Krankheits- und Todesursachen in der Region:

"Wir registrieren in den letzten Jahren eine Zunahme von Lymphdrüsenkrebs, Leukämie und genetischen Missbildungen, das heißt Anenzephalie, Myelomeningozele, Wasserkopf, Hasenscharten, Sirenomelie, also wenn Kinder nicht mit Beinen und Füßen, sondern einer Art Kaulquappenschwanz auf die Welt kommen. Dies sind Dinge, die wir bisher nur aus pathologischen Lehrbüchern kannten, weil so etwas hier in der Region nicht vorkam. Und jetzt sehen wir es."

2009 setzte die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner zur Beruhigung der öffentlichen Kritik am Gensojaanbau eine Kommission von Wissenschaftlern und Fachleuten ein. Diese sollte dessen Folgen für die 19 Millionen Hektar des betroffenen argentinischen Bodens untersuchen. Heute, drei Jahre später, herrscht absolutes Schweigen, Ergebnisse der Kommission liegen nicht vor. Dennoch kündigte Kirchner im vergangenen Jahr in ihrem landwirtschaftlichen Entwicklungsplan an, die Anbaufläche für Soja und Getreide erweitern zu wollen.

Mittlerweile ist auch die Justiz involviert: Seit April dieses Jahres müssen sich erstmals, ein Pilot und zwei Sojaproduzenten vor Gericht verantworten. Ihnen wird vorgeworfen, durch Sprühen nah an einem Viertel der Stadt Cordoba Krankheiten und sogar Todesfälle verursacht zu haben. Der ehemalige Sprüher Roberto Ríos hat sich mehr als einmal einen Verweis der Agraringenieure seiner Firma eingehandelt, weil er sich über Anordnungen hinwegsetzte. Der Vater von vier Kindern wurde am Ende durch seinen Job schwer krank. Dass die Chemikalien, mit denen er umging, hochgefährlich waren, ahnte er schon vorher:

"Mir ist im Laufe der Zeit bewusst geworden, dass es keine gute Idee ist, eine Schule zu besprühen. Ich habe mich geweigert. Das hat mich mehr als eine schlaflose Nacht gekostet. Zu meiner Tour gehörte es, Sojapflanzen direkt neben einer Schule mit starken Giften zu besprühen. Ich wusste, dass es starke Gifte sind. Ich wusste, dass es zwei, drei Stunden lang stark riecht, und ich habe mir das für abends aufgehoben oder für ganz früh im Morgengrauen."