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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 25.09.2011

Kraftwerk auf hoher See

Deutschlands erster Offshore-Windpark Alpha Ventus ist seit zwei Jahren am Netz

Von Dirk Asendorpf

Das Serviceboot "Emsstrom" legt von einem Windrad des Offshore-Windparks ab. (AP)
Das Serviceboot "Emsstrom" legt von einem Windrad des Offshore-Windparks ab. (AP)

Etwa 45 Kilometer nördlich der ostfriesischen Insel Borkum liegt Alpha Ventus, Deutschlands erster Windpark auf offenem Meer. Seit zwei Jahren ist er am Netz. Aufbau und Betrieb haben zwar für manch teure Überraschung gesorgt, Flora und Fauna aber weniger geschadet als befürchtet.

Der Besuch dieses Kraftwerks beginnt mit einer zweistündigen Schiffsfahrt. Bei Sommersonne und leichter Briese legt die "Windforce-One" vom Kai des ostfriesischen Hafens Norddeich Mole ab. In gemütlichem Tempo geht es hinaus in die mit Bojen markierte Fahrrinne. Direkt daneben lümmeln sich ein Dutzend Kegelrobben auf einer Sandbank.

"Wir sind ja hier im Nationalpark Wattenmeer und in diesem Bereich, der läuft bis zur Insel Norderney, da sind wir an Geschwindigkeitsbegrenzungen gebunden, was uns wieder ein bisschen Zeit kostet. Jetzt ist alles noch easy, wenn wir gleich an Norderney vorbei sind, dann werden die Hebel auf'n Tisch gelegt. So schlimm ist es nicht, aber es macht Spaß."

Mit bis zu 27 Knoten jagt der Katamaran die letzten 50 Kilometer über immer höhere Wellen hinaus zu Alpha Ventus, Deutschlands erstem Offshore-Windpark. Der Anlagentechniker Tjado de Groot hat ihn mit aufgebaut, jetzt ist er für den zuverlässigen Betrieb der zwölf gigantischen Windräder zuständig:

"Das Schiff kann bis zu einer signifikanten Welle von 1,50 fahren. Wenn wir eine Störung an den Anlagen haben, die dann zwingend behoben werden muss, dann können wir auch mit dem Heli die Leute da rausbringen und die dann auf den Anlagen abholen dann. Wenn schon auf der Anlage wegen Starkwinds nicht mehr gearbeitet werden darf, dann dürfte der Heli noch fliegen. Also die Limits liegen höher, da haben wir eigentlich keine Einschränkungen."

Im Winter kommt es vor, dass der Offshore-Windpark zwei Wochen lang per Schiff nicht erreicht werden kann. Jetzt, am Ende des Sommers, ist das Meer vergleichsweise ruhig, es ist die beste Zeit für all die vorgeschriebenen Wartungsarbeiten. Drei der zwölf Windräder stehen dafür still, dazwischen pendeln Schiffe mit Monteuren und Material. Auch weit von der Küste entfernt ist die deutsche Nordsee keineswegs einsam.

"Man hat hier überall Schiffsverkehr. Der Windpark liegt mitten zwischen den Verkehrstrennungsgebieten, nördlich, südlich laufen die großen Schiffsautobahnen, hier im Windpark. Gut, man hat mal Wartungsverkehr, aber es sind auch eher kleinere Schiffe so wie diese hier, so den ganz ungestörten Lebensraum gibt's eh nicht mehr, wo die Nordsee so industrialisiert wird."

Die Umweltwissenschaftlerin Kristin Blasche koordiniert die ökologische Begleitforschung rund um Alpha Ventus. Sie soll klären, welche Veränderungen Offshore-Windkraftwerke für das Leben im und über dem Meer mit sich bringen. Dutzende Messgeräte sammeln die nötigen Daten:

"An den Anlagen direkt selbst befinden sich Zugvogelkameras, Wärmebildkameras und Radargeräte zur Erfassung der Zugvögel. Und was man sonst hier noch sehen kann sind die Schweinswaldetektoren, da sieht man zum Beispiel da hinten einen, das ist so 'ne gelbe Boje, wo so'n graues Messgerät dann in der Wassersäule hängt, um die Geräusche der Schweinswale aufzuzeichnen und was jetzt diesen Sommer rausgebracht wurde, ist ein Fisch-Echolot, das direkt an den Fundamenten die Fischansammlungen erfassen soll. Das ist ein Gerät, eine Methode, die komplett neu entwickelt wurde, weil es eben recht schwierig ist, mit den herkömmlichen Schleppnetzen direkt an den Anlagen, direkt an den Fundamenten zu fischen."

Mit Unterwassermikrofonen, sogenannten Hydrophonen, messen die Wissenschaftler den Schallpegel, den die Windräder ins Wasser übertragen. Taucher müssen sie auf dem Meeresgrund verankern und mit den Computern auf der Umspannstation verbinden.

"Bevorzugt wird immer eine Kabellösung, weil man die Daten dann direkt über die Anlage ins Forschungsarchiv schicken kann wobei das auch logistisch sehr schwierig ist, erstmal so ein Kabel zu verlegen. Wenn man's erstmal draußen hat, läuft's wunderbar, aber bis dahin ist ein schwieriger Weg. Die Ausbringung der Fisch-Echolote: Letzten Sommer sollte es schon so weit sein, da wurden sie auch ausgebracht, da waren aber die Kabel innerhalb kürzester Zeit kaputt. Das muss natürlich dann erstmal wieder geborgen werden, da braucht man große Schiffe mit Kränen, das ist schon sehr schwierig, überhaupt hier draußen arbeiten zu können."

Tjado de Groot hat sich inzwischen in seinen knallgelben Sicherheitsanzug gezwängt. In der Hand hält er einen Hydraulikschlauch für die Wartungstechniker auf Windrad Nummer 12.

"Den brauchen die wirklich. Der sollte letzte Nacht eigentlich schon ankommen mit 'nem Overnight Express, sollte eigentlich gestern morgen schon rausgebracht werden, aber da kam der Express zu spät und somit lag das Ersatzteil noch im Büro bei uns, und das ist jetzt die Gelegenheit, das den Jungs zu bringen."

Auf dem Vorderdeck wartet Tjado de Groot ab, bis der Kapitän den dick mit Gummi überzogenen Bug der Windforce-One mit vollem Schub gegen das Windrad drückt. Genau in diesem Moment muss der Techniker sich auf die Stahlleiter hinüberhangeln und möglichst fix auf die 20 Meter höher gelegene Plattform hinaufklettern.

"Toi, toi, toi, einen schwerwiegenden Unfall hat's noch nicht gegeben. Ein Monteur, der da raus möchte, der braucht einmal das Überlebenstraining See. Dazu, wenn er mit dem Heli unterwegs sein will, braucht er noch dieses Huwet, das Helicopter Underwater Escape Training. Dann muss er 'ne allgemeinmedizinische Vorsorgeuntersuchung gemacht haben wo ihm dann vom Arzt auch bescheinigt wird, dass er topfit ist, die erste Hilfe ist vorgeschrieben, und wenn man auf den Anlagen ist, braucht man noch diesen Kletterschein, dieses PSAGA nennen wir das, das ist ein jährliches Training, das man machen muss, wo dann so Rettungsübungen dann auch geübt werden: retten aus der Leiter und solche Sachen."

All das macht die Windenergienutzung auf hoher See wesentlich teurer als an Land. Allerdings bläst hier draußen auch der Wind viel stärker und vor allem stetiger. Ob die höhere Ausbeute den großen Aufwand lohnt? Auch das ist ein Thema für die Forschung. Wilfried Hube ist beim Oldenburger Energieunternehmen EWE, einem der drei Eigentümer, für Alpha Ventus zuständig:

"Wir reden onshore im deutschen Mittel so von 2000 bis 2200 Volllaststunden, während wir hier draußen 4000 Volllaststunden erreichen, sodass wir nahezu die doppelte Energieausbeute haben. In diesem Jahr liegen wir sogar deutlich über dem Geplanten bis jetzt, aber knapp das Doppelte trifft auf jeden Fall die Realität."

Schwarze Zahlen schreibt Deutschlands erster Offshore-Windpark bisher trotzdem nicht. Zu teuer waren all die kleinen Fehler, die bei einem Pilotprojekt unweigerlich auftreten. Und auch die Genehmigungsauflagen waren sehr streng. Christian Dahlke vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hatte sie erlassen:

"Wir arbeiten natürlich schon eher mit 'nem Anspruch, dass wir erstmal sozusagen mehr Qualität haben wollen, weil wir eben in ein Feld reingehen, wo wir bisher keine Erfahrungen hatten, und versuchen schon dann letztendlich auch bestimmte Dinge zu reduzieren, sodass wir sagen: Einige Dinge können dann im Prinzip als abgehakt gelten. Sorgen, dass eventuell bei Stürmen Windenergieanlagen schnell umkippen, bei großen Unwettern die Anlagen gefährlich werden könnten, oder dass sich zum Beispiel Kabel sehr schnell freispülen, so was hat sich alles eigentlich nicht bewahrheitet."

Und auch die Meeresbewohner haben sich schnell mit den Windrädern arrangiert. Die schweren Stahlfundamente dienen ihnen sogar als künstliches Riff. Die Umweltwissenschaftlerin Kristin Blasche:

"Während der Bauphase, das mochten die Schweinswale nicht ganz so gerne, da war es sehr laut, da haben sie den Bereich auch gemieden. Das hat allerdings nicht so lange angehalten, die sind später wieder ins Gebiet zurückgekehrt. Und im Moment sieht's so aus, dass in diesem Jahr sehr viele Schweinswale hier nördlich von Borkum zu finden waren, weil es ein gutes Nahrungsangebot gibt. Wenn man sich mal den Bewuchs anschaut an den Anlagen, dick bewachsen mit Miesmuscheln und Flohkrebsen, wovon sich wiederum die Fische ernähren, die Schweinswale ernähren sich von den Fischen, da könnte man schon die Vermutung anstellen, dass die Schweinswale hier 'nen reich gedeckten Tisch vorfinden."

Naturschutzverbände sehen vor allem in der Bauphase noch Verbesserungsbedarf. Sie fordern die Erforschung leiserer Verfahren für die Verankerung der Fundamente und eine Verlegung der Starkstromkabel außerhalb aller Schutzgebiete. Und im laufenden Betrieb machen sie sich Sorgen um die Zugvögel. Nadja Ziebarth leitet das Projektbüro Meeresschutz des BUND:

"Es gab Vogelschäden bei Alpha Ventus, es wurden Tiere auf der Plattform gefunden, der Forschungsplattform. Ansonsten ist das natürlich sehr schwer zu sagen, weil wenn die Vögel dagegen fliegen, dann fallen sie ins Wasser, also sind erstmal nicht wieder auffindbar. Was man schon mal in den ersten Versuchen feststellen konnte ist, dass die Tiere ausweichen. Gerade bei Singvögeln, fast jeder Vogelart hat man andere Reaktionen feststellen können. Einige fliegen durch, sozusagen wirklich im Rhythmus der Anlagen, andere gehen drunter, drüber oder versuchen, den gesamten Park zu umfliegen."

Zurück nach Norddeich Mole. Für die Wartungstechniker geht ein normaler Arbeitstag zu Ende. Doch für Kristin Blasche war der Tag auf hoher See eine willkommene Abwechslung vom Büroalltag im Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie:

"Leider sitze ich nur – nicht nur – aber meine Hauptarbeit besteht darin, die Forschung zu koordinieren, Berichte zu schreiben, halt die Bedingungen so zu schaffen, dass die Forscher vor Ort gut arbeiten können. (lacht)"

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