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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.06.2013

Krach des Krieges in Bildern

Ulli Lust / Marcel Beyer: "Flughunde", Suhrkamp, Berlin 2013, 364 Seiten

Die Comiczeichnerin Ulli Lust (Kai Pfeiffer)
Die Comiczeichnerin Ulli Lust (Kai Pfeiffer)

Mit dem Roman "Flughunde" hat der Lyriker und Schriftsteller Marcel Beyer 1995 sein Meisterwerk abgeliefert. Die Berliner Zeichnerin Ulli Lust hat daraus eine kongeniale Bild-Erzählung gemacht. Unablässig übersetzt sie Geräusche in Bilder - eine künstlerisch vielgestaltige Sensation.

Geräusche sind seine Lebensleidenschaft, Hermann Karnau ist Akustiker. Mit seinen technischen Kenntnissen steigt er in den 30er-Jahren zum Toningenieur der nationalsozialistischen Massenkundgebungen auf. Er richtet die Mikrofone für die Reden von Goebbels ein und konserviert die Stimme des Führers auf Schellackplatten. Aber Karnau will mehr, er will das "Ur-Geräusch" des Menschen erkunden. Aus dem gutmütigen, leicht weltfremden Ingenieur wird während des Kriegs ein brutaler Folterer im Dienst der "Wissenschaft".

In grausamen medizinischen Experimenten schneidet er Gefangenen die Kehlen auf und quält sie mit Stromstößen, um den "authentischen", noch nicht von der Sprache überformten Klang des Individuums zu entdecken. Die letzten Tage des Kriegs verbringt er schließlich im Führerbunker, um die letzten Äußerungen Hitlers zu dokumentieren. Die todgeweihten Kinder von Joseph und Magda Goebbels sehen ihn als väterlichen Freund. Fast 50 Jahre später treffen wir den alten Karnau noch einmal, als er sich die Tondokumente von damals anhört: Geisterklänge aus dem Bunker, von draußen das Dröhnen der Luftangriffe und drinnen die Stimmen der längst gestorbenen Kinder.

Sensationelle Adaption eines literarischen Meisterwerks

Mit dem Roman "Flughunde" hat der Lyriker und Schriftsteller Marcel Beyer 1995 sein Meisterwerk abgeliefert, einen gleichermaßen beklemmenden wie analytischen Text über Schall und Wahn, über Geräusche und Aufzeichungssysteme, über die Verführung durch Stimmen und die technische Manipulation von Gefühlen - und über die Schwierigkeit des Erinnerns.

Die Berliner Zeichnerin Ulli Lust hat daraus nun – in der bislang durchweg gelungenen Reihe des Suhrkamp-Verlags mit Comic-Adaptionen literarischer Werke – eine kongeniale Bild-Erzählung gemacht, die vom Krach des Kriegs handelt, von der Stille im Bunker und vom vergeblichen Beschweigen der Schuld. Unablässig übersetzt sie Geräusche in Bilder und macht aus dem literarischen Ereignis eine künstlerisch vielgestaltige Sensation.

2009 hatte Ulli Lust mit ihrem autobiografischen Comic "Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens" für Furore gesorgt. Ihre Beyer-Adaption ist sogar noch besser – so virtuos benutzt sie die Grammatik des Comic, um Hörbares sichtbar zu machen, um das Nicht-Sagbare ins Bild zu bringen. In den Sprechblasen, Geräuschworten und -bildern, mit denen sie ihre Zeichnungen überzieht, liest man nicht mehr nur, was die Figuren reden. Man sieht, wie sie flüstern und schreien, wie sie zornig sind oder traurig oder beglückt.

Die Form der Sprechblasen, die Größe und Farbe der Schrift, die Typografie, die Montage der Schrift in die Bilder: All diese grafischen Elemente nutzt Lust, um Synästhesien zu erzeugen. So zieht sie ihre Betrachter und Leser unmittelbar ins Geschehen hinein – und wirft zugleich immer wieder die Frage auf, ob sich im Gestöber all dieser Zeichen die Wirklichkeit zeigt oder doch nur eine Erinnerung, die sich selber allzu gerne betrügt.

Besprochen von Jens Balzer

Ulli Lust / Marcel Beyer: Flughunde
Graphic Novel
Suhrkamp, Berlin 2013
364 Seiten, 24,99 Euro

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