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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.12.2011

Kotzbrocken und Krypto-Nazi

William H. Gass: "Der Tunnel", Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 1094 Seiten

Der US-Schriftsteller William H. Gass (Joyce Ravid)
Der US-Schriftsteller William H. Gass (Joyce Ravid)

Ein fiktiver Historiker sinniert über die Nazis, sein Leben und das, was er den "Faschismus des Herzens" nennt. Seine Selbsterforschungen münden dabei in Tiraden von geistreicher Bosheit.

Dieses Buch des amerikanischen Literaturwissenschaftlers und Autors William Gass ist ein Brocken: Unförmig und schwer verdaulich. Ein Opus maximum, ein Buch der Superlative. Über 1000 Seiten dick und politisch weitgehend unkorrekt. Sexistisch, rassistisch und böse. Dabei schöngeistig und melancholisch. Furios, elend und von grauenhafter Aufrichtigkeit.

Der Historiker William Frederick Kohler hat sein großes Werk "Schuld und Unschuld in Hitlerdeutschland" vollendet und macht sich daran, das Vorwort zu schreiben. Doch befreit vom Zwang zur Wissenschaftlichkeit verliert sein Schreiben jede vorgegebene Form und gewinnt eine erschreckende Freiheit: Mit höchst unterschiedlichen Ausdrucksmitteln, von der Zote über alliterative Wortketten, Zitate, Wortspielereien und höchst unsauberen Reimen bis hin zu typografischen Tricks und Zeichnungen, beginnt er in sein Inneres hinabzutauchen, sinniert über die Nazis, sich selbst, sein Leben und das, was er so einprägsam den "Faschismus des Herzens" nennt.

Schon die Anrufung der Muse ("O Göttin der aufsteigenden Galle!") wird ihm zum Fluch, und im gesamten ersten Kapitel des Romans ist er vor allem damit beschäftigt, die ganze Klaviatur des Unerlaubten durchzuspielen.
Für die Leser ist es erst eine Zumutung, dann eine Herausforderung. Aber wer sie annimmt und die von typografischem Maschinengewehrfeuer durchschossenen Zeilen, die Tagebuchfetzen, fiesen Apercus und wirren essayistischen Ansätze durchquert, wird belohnt mit der Entdeckung eines Wunderlands der Sprache. Dass darin eine wenig schöne Seele haust, spricht für den Mut des Autors.

Kohlers Selbsterforschungen münden gewöhnlich in Tiraden von geistreicher Bosheit; für ihn selbst sind sie einfach nur ehrlich. "Ich habe die edlen Empfindungen zugunsten der Wahrheit aufgegeben." Seine inneren Entladungen bersten manchmal wie geschliffene Granatsplitter; manchmal münden sie in dumpfstes Ressentiment. Ja, William Kohler ist ein Kotzbrocken, ein Krypto-Nazi, eine einsame, widerwärtige, sexuell frustrierte Intelligenzbestie. Und er kann wunderschön schreiben. Man erliest ihn sich, man hasst ihn – und versteht ihn doch immer wieder allzu gut.

Gass hat fast 30 Jahre an diesem Text geschrieben (von Mitte der 1960er-Jahre bis 1994), die Übersetzung dauerte noch einmal ein Jahrzehnt. Nikolaus Stingl hat diese Herkulesarbeit, die wirklich immensen Erfindungsreichtum und sprachliche Virtuosität verlangt, bravourös bewältigt.

Man wünscht diesem Roman viele mutige Leser. Solche, die nicht einfach eine Geschichte erzählt bekommen wollen, sondern auch um der Sprache und der Erkenntnis willen lesen. Für diesen Roman ist die Schublade "Schöne Literatur" irgendwie verkehrt – und auch zu klein: "Schön" ist er nicht, sondern tollkühner schwarzer Existenzialismus in Vollendung.

Besprochen von Katharina Döbler

William H. Gass: Der Tunnel
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag, Reinbek 2011
1094 Seiten, 36,95 Euro

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