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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 08.08.2007

Kosmische Wirkkräfte

Zander: Esoterische Anthroposophie kann sich nicht von ihrem Vordenker Rudolf Steiner lösen

Moderation: Tom Grote

Auch das Prinzip der Waldorf-Schulen basiert auf den Lehren von Rudolf Steiner
Auch das Prinzip der Waldorf-Schulen basiert auf den Lehren von Rudolf Steiner (AP)

Demeter-Tomaten, Homöopathie und Waldorf-Pädagogik fußen auf den Lehren von Rudolf Steiner, der Anthroposophie -und damit auch auf längst überholten wissenschaftlichen Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts. Deshalb sieht der Historiker Helmut Zander die moderne anthroposophische Bewegung in Gefahr. Mit seinem Buch "Anthroposophie in Deutschland" möchte er helfen, die Tradition kritisch zu hinterfragen und das Gute zu bewahren.

Tom Grote: Waldorf-Schulen, Demeter-Tomaten, Weleda-Salben oder auch dm-Drogeriemärkte – das ist alles gäbe es nicht ohne Rudolf Steiner. Er schuf mit der anthroposophischen Gesellschaft zwischen 1900 und 1925 die wichtigste esoterische Gemeinschaft der europäischen Geschichte. Der Historiker Professor Helmut Zander von der Humboldt-Uni Berlin, der hat nun die erste Geschichte der Anthroposophie vorgelegt und ist jetzt im Studio. Guten Morgen, Herr Zander!

Helmut Zander: Guten Morgen, Herr Grote!

Grote: Wie würden Sie Anthroposophie jemanden erklären, der noch nie davon gehört hat?

Zander: Ich müsste demjenigen erklären, dass das, was Sie gerade vorgestellt haben, einen gemeinsamen Grund hat, einen gemeinsamen Hintergrund. Und das ist Rudolf Steiners Überzeugung, dass es eine geistige Welt gibt, und diese Welt kann man erkennen, und vor allen Dingen deren Wirkung, die kann man auch erkennen und nutzbar machen. Also, wenn Sie von Waldorf-Schulen und Demeter-Tomaten und Weleda-Heilsalbe reden, dann ist der gemeinsame Hintergrund, dass Rudolf Steiner glaubt, dass in all diesen Institutionen oder Mitteln die geistigen Kräfte, die Mächte einer geistigen Welt wirksam sind. Und wenn man sie kennt, dann kann man sie einsetzen. Dann kann man Heilsalben so herstellen, dass sie eben mit geistigen Wirkungen versehen sind, oder man kann in einer Schule Unterricht so aufbauen, dass er nicht nur schlichten pädagogischen Prinzipien folgt, sondern eben auch einen Hintergrund hat, der mehr ist als schlichte normale Pädagogik, sondern eben diese geistige Konstitution des Menschen.

Grote: Was ist denn jetzt der geistige Hintergrund zum Beispiel bei Demeter-Tomaten?

Zander: Also Steiner glaubt, dass es kosmische Wirkkräfte gibt, die vom Himmel, vom Kosmos in die Erde kommen, die man auffangen kann, die man in Demeter-Tomaten sozusagen konzentrieren kann, und dann sind sie eben nicht mehr mit Stickstoff bearbeitet, sondern mit kosmischer Energie gewachsen.

Grote: Bei Anthroposophen gilt es als Gesetz, und Steiner hat’s ja auch immer selber behauptet, dass sein Wissen und seine Lehren aus einem geheimen Buch stammen, das in geheimer Schrift abgefasst worden sein soll, der sogenannten Akasha-Chronik. Die hat auch offenbar niemand gesehen außer ihm. Klingt das jetzt bloß für mich blödsinnig?

Zander: Das klingt für uns natürlich ziemlich weltfremd. Man versteht es, glaube ich, besser, wenn man einen Blick auf die Situation um 1900 wirft, in der Steiner groß wird. Da haben wir eine für die europäische Kultur dramatische Situation. Wir haben die Kritik historischer Quellen, und es droht, alles uns unter den Fingern zu zerrinnen. Beispielsweise wir merken, dass die Bibel babylonische Wurzeln hat, dass sie jüdische Teile hat, dass es gnostische Elemente im Christentum gibt. Und diese Schriften werden historisch kritisch untersucht, und damit hat man den Eindruck, wir haben eigentlich nichts mehr, worauf wir uns verlassen können. Und es gibt eine große Bewegung im 19. Jahrhundert, die sagt, wir brauchen neue Fundamente. Und einer davon ist Rudolf Steiner, der sagt, wir lesen nicht mehr in irgendwelchen Schriften, die gerade rumliegen und die gerade von der Wissenschaft zerpflückt werden, sondern ich bekomme meine Informationen unmittelbar aus der geistigen Welt. Das ist sozusagen eine Absicherung gegen die historische Kritik. Es gibt religionsgeschichtlich übrigens schöne Parallelbeispiele. Der Gründer der Mormonen, Joseph Smith, der behauptete, ein Buch von einem Engel bekommen zu haben, Steinplatten. Aus der hat er sein Buch "Mormon" gelesen, und der Engel hat dieses Buch dann wieder mit in den Himmel genommen. Strukturell ist das die gleiche Antwort auf die historische Kritik. Wir haben eine Quelle, in der sozusagen uns die Wissenschaft nichts streitig machen kann. Und das ist die starke Seite der Akasha-Chronik. Heute sehen wir das, glaube ich, anders.

Grote: Macht ja auch Steiner, er ist ja unangreifbar, dass er sein Wissen sozusagen von höherem Ort bekommen hat.

Zander: Das ist auf der einen Seite eine sozusagen Isolierung, wenn Sie wollen sozusagen eine feste Mauer, an die man nicht ran kann. Auf der anderen Seite macht man sich angreifbar in dem Augenblick, wo jemand kommt und sagt: Aber schau mal, das, was da in geistigen Welten vorhanden sein soll, steht aber punktgenau in der und der Schrift des 19. Jahrhunderts.

Grote: Was Sie ja nun genau gemacht haben. Woher kommt also das Wissen von Steiner, woher bezieht er seine Religion?

Zander: Sein Wissen ist definitiv zeitgebundenes Wissen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Grote: Also hat Steiner Verschiedenes abgeschrieben, zusammengerührt, und daraus ist dann die Anthroposophie entstanden?

Zander: Ja, Sie sagen das sehr kritisch, zusammengerührt. Er hat schon gesehen, was passt, was er verwenden kann, aber er hat sich aus dem Fundus seiner Zeit bedient.

Grote: Zum Beispiel?

Zander: Zum Beispiel Atlantis. Wir haben im 19. Jahrhundert die Theorie, dass es zwischen Europa und Amerika einen Kontinent gegeben habe, der Atlantis geheißen habe. Rudolf Steiner greift diese Theorie auf und sagt, das hat es wirklich gegeben, und er hat übrigens auch nahegelegt, das in den Schulen als Lehrstoff zu behandeln. Nun ist es so, dass man sich um 1900 gefragt hat, wie kommt die Kultur von Europa nach Amerika, und dann haben Amerikaner gesagt, da muss es eine Landbrücke gegeben haben, und die nennen wir Atlantis, und das steht schon bei Platon so. Dann hat aber Alfred Wegener 1912 die Kontinentaldrift entdeckt und hat dann rausgefunden, dieser atlantische Ozean kommt nicht dadurch zustande, dass ein Kontinent abgesunken ist, sondern dadurch, dass sich die Erde ausgedehnt hat. Das heißt, seit den 20er Jahren ist die Theorie von Atlantis geologisch vom Tisch, aber das konnte Steiner natürlich nicht wissen zu seiner Zeit. Und er hat eine Theorie stark gemacht, die nach seinem Tod ihre Plausibilität verloren hat. Das ist, glaube ich, ein gutes Beispiel dafür, wie er sich ein zeitgenössisches Wissen aufgreift, ohne zu wissen, dass die Wissenschaft irgendwann das ad acta legen würde.

Grote: Wenn sich Steiner so oft geirrt hat, wenn er so offensichtlich vieles übernommen hat, wieso wird er denn von den Anthroposophen trotzdem noch fast wie ein Gott verehrt und seine Lehren zum Alleingültigen erklärt?

Zander: Weil natürlich die Anthroposophie von ihren Stärken lebt. Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen. In der Medizin ist es so, dass die anthroposophische Medizin sich als Komplementärmedizin versteht, also auf der einen Seite Universitätsmedizin, auf der anderen Seite Alternativmedizin. Und diese Mischung, die ist stark. Und in diesen alternativmedizinischen Bereich fließt all das hinein, was Steiner gesagt hat. Darunter gibt es Dinge, die man heute ablehnt, Bleitherapien, andere, die man gut findet, Homöopathie, und man macht sozusagen selektiven Gebrauch von Steiners Erbe, versucht, die guten Seiten zu retten, versucht es, mit Universitätsmedizin zu verbinden. Und an einem solchen Punkt kann man, glaube ich, gut verstehen, dass Menschen sagen, lieber einen anthroposophischen Arzt als einen Hightech-Arzt, der meine Psyche und meine Seele nicht mehr anschaut.

Grote: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Historiker Helmut Zander. Er hat eine große Untersuchung zur Anthroposophie Deutschlands geschrieben. Herr Zander, was würde denn passieren, wenn die Anthroposophen zugeben würden, dass Steiner nichts vom Weltgeist diktiert bekommen hat?

Zander: Das Problem ist, man würde ganz pragmatisch Anthroposophie betreiben, also man würde gerade das Homöopathische oder ein paar Anweisungen für Weleda-Heilsalben, die würde man vielleicht übernehmen, aber das Zentrum der Anthroposophie stände in Gefahr, weil klar würde, das, was Steiner als höhere Einsicht vorgelegt ist, ist in weiten Teilen eben doch zeitgenössisches Wissen. Und ich glaube, die Angst, dass dann alles ins Rutschen kommt, ist relativ groß und auch nicht von der Hand zu weisen. Aber die Anthroposophen müssten, glaube ich, sehen, wie sie den Anspruch auf höhere Einsicht und die historische Kritik irgendwie in Deckung bringen.

Grote: Steiner hat in mehreren Texten zum Beispiel über degenerierte Rassen wie der Schwarzen geschrieben, waren das Ausrutscher oder auch Teil einer Evolutionslehre?

Zander: Das sind für mich leider keine Ausrutscher. Rudolf Steiner ist auch in der Evolutionslehre ein Kind des 19. Jahrhunderts. Er hat geglaubt, dass sich die Menschen von einem sehr primitiven Zustand zu einem hoch entwickelten entwickeln. Und dann gibt es natürlich degenerierte Rassen und solche, die einfach diese Entwicklung nicht mitgemacht haben. Das halte ich für keinen Ausrutscher, sondern für einen zentralen Teil seiner Weltanschauung. Auf der anderen Seite muss man sagen, es ist nicht wie im völkischen Milieu dann zur zentralen Botschaft der Anthroposophie gemacht worden. Aber man tut sich natürlich gleichwohl schwer, sich davon zu distanzieren.

Grote: War Steiner Rassist oder war er nur Rassist, weil es damals alle waren oder viele waren?

Zander: Er schwimmt in diesem Typus des rassistischen Denkens mit, wie gesagt, nicht als einer der Hurra-Patrioten, aber eben auch nicht als jemand – und davon gibt es auch im 19. Jahrhundert viele –, die gesagt haben, das ist wissenschaftlicher Humbug, Rassen gibt es eigentlich nicht.

Grote: In der "FAZ", da stand zu lesen, Sie wollten mit Ihrem Buch die Anthroposophie vor ihrer Versteinerung bewahren. Wollen Sie das?

Zander: Das ist ein hübscher Aufmacher, den der Redakteur reingelegt hat. Den würde ich insoweit unterschreiben, als ich den Anthroposophen helfen möchte, ihre eigene Tradition kritisch zu betrachten, und das, was es an Gutem ist, zu bewahren. Ich glaube nicht, dass man Rudolf Steiner vor der Versteinerung an sich bewahren kann, denn die Anthroposophie lebt davon, dass sie sich auf sein Werk beruft und es gerade nicht zur Disposition stellt. Und in diesem Sinne kann man die Anthroposophie, glaube ich, nicht vor der Versteinerung bewahren.

Grote: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Historiker Helmut Zander. Sein Buch "Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis" ist erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht. Vielen Dank, Herr Zander, fürs Gespräch.

Zander: Danke, Herr Grote.