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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.09.2015

Konsumwahn bei Kindern"Den Eltern fehlt das Rückgrat"

Albert Wunsch im Gespräch mit Nana Brink

Müssen Eltern lernen, öfters mal "Nein" zu sagen? (dpa)
Müssen Eltern lernen, öfters mal "Nein" zu sagen? (dpa)

Sechseinhalb Milliarden Euro wurden 2013 in Deutschland für Kinderprodukte ausgegeben. Albert Wunsch warnt vor den Folgen dieser Überversorgung: Die Kindern entwickelten eine Anspruchshaltung, die im Extremfall bei der Abzocke auf dem Schulhof endet.

Viele Eltern können ihrem Kind keinen Wunsch abschlagen - und haben dann noch das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Dieser Eindruck sei jedoch trügerisch, warnt der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch: Denn es führe bei den Kindern zu einer Anspruchshaltung, dass ihnen alles zustünde. Im Extremfall würden die Dinge dann von den Eltern erpresst, geklaut oder in der Schule abgezockt.

Nicht die Kinder haben sich verändert, sondern die Eltern

Eine weitere Folge ist, dass Kinder keine Wertschätzung mehr hätten: 

"Wenn Sie heute einem Kinder irgendwie etwas geben, dann sagt es in den meisten Fällen noch nicht mal danke, weil die Wertschätzung fehlt, und dann sagen die Eltern so ein bisschen verkniffen: ja, die Kinder sind heute anders."

Kinder seien aber im Grund nicht anders als früher, betont Wunsch, sondern die Ursache liegt bei den Eltern. Diesen fehle es an "Rückgrat":

"Denn wenn ich fünf- oder zehn- oder hunderttausend Euro auf dem Konto habe und meinem Kind sage, vier Eisbällchen ist zu viel, zwei sind genug, dann spürt das Kind, die zwei könnten ja auch bezahlt werden."

Eltern müssen ihre Vorbildfunktion wahrnehmen

Außerdem scheuten sich Eltern davor, Vorbild zu sein. Dies seien sie aber, ob sie es wollten oder nicht:

"Alle älteren Menschen sind für Kinder Orientierungspunkte und sie machen die Dinge nach."

In seinen Vorträgen erlebe er denn gelegentlich "so eine ganz selbstversonnene Mutter, die dann auf einmal sagt: das heißt, dann müsste ich das ja auch machen: nicht zwischendurch dauernd was essen, nicht das Neueste dauernd kaufen, nicht dauernd mit dem Handy rumfummeln und so weiter", so Wunsch. "Genau das ist der Punkt."


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Es fängt ja schon an der Supermarktkasse an, und Sie wissen wahrscheinlich jetzt ganz genau, wovon ich spreche, egal, ob Sie Eltern sind oder Tante oder Patenonkel: Kann ich ein Kaugummi haben und den Lutscher und das Eis? Und da waren wir noch gar nicht in der Spielwarenabteilung. Konsum gehört für unsere Kinder ja ganz selbstverständlich bis zum Alltag. Länger als bis neun Jahre kann man den Wunsch nach einem Handy schwerlich abschlagen, und ich weiß, wovon ich spreche, und die meisten Kinderzimmer quellen über vor Spielzeug. Eltern geben im Jahr rund 6,5 Milliarden Euro für Kinderprodukte aus in Deutschland, und wenn man das mal runterrechnet auf die knapp neun Millionen Kinder unter elf Jahren, dann sind das etwa pro Kind 730 Euro pro Jahr. Zahlen, die jetzt auch auf der Messe Kind und Jugend, die wird heute in Köln eröffnet, eine Rolle spielen. Albert Wunsch ist Erziehungswissenschaftler, Sozialpädagoge, arbeitet seit 20 Jahren auch als Konfliktberater, und er ist auch Vater von zwei erwachsenen Söhnen und hat drei Enkeltöchter. Guten Morgen, Herr Wunsch!

Albert Wunsch: Ja, guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!

Zwei-, dreimal "Nein" – danach ist 20 Jahre Ruhe

Brink: Was machen Sie denn, wenn Ihre Enkelkinder Sie in die Spielwarenabteilung zerren? Widerstehen Sie, oder springt dann doch was für sie raus?

Wunsch: Ja, das ist schon etwas länger her, dass sie in die Spielwarenabteilung wollen. Die wollen heute schon in andere Konsumabteilungen. Zum Beispiel habe ich zuletzt mit der ältesten Enkeltochter ein Abi-Abschlusskleid ausgesucht. Aber da laufen ähnliche Mechanismen ab.

Brink: Also der Opa macht es dann, ja?

Wunsch: Nein. Und das ist das Tolle, wenn Sie – die Kinder sind ja jetzt schon etwas älter, und von daher haben sie schon jahrelang auch die Erfahrung gemacht. Wenn ein bestimmter Rahmen vorher abgestimmt ist, dann können – ach, Augenblick, die versuchen es auch fast gar nicht mehr. Als die kleiner waren, so mit drei und fünf, ist natürlich eine schwierige Situation, wenn dann so Enkeltöchteräugelchen klimpern und "Opi" über die Lippen bringen, dann –

Brink: Kaufen Sie den Eisbären, geben Sie es zu!

Wunsch: – fängt natürlich an, das Eis so ein bisschen zu schmelzen. Aber wenn ich dann sage in der gleichen Tonlage, aber wir hatten doch vorher gesagt, nein, und wir hatten doch was ganz anderes überlegt, dann haben Sie eigentlich, wenn Sie zwei-, dreimal das sehr deutlich gebracht haben, für die nächsten 20 Jahre Ruhe.

Heute liegt das Geld "viel zu locker auf der Hand"

Brink: Die uralte Geschichte, Grenzen setzen, und man fragt sich ja dann, warum sind Eltern in Deutschland eigentlich bereit, so viel Geld für Kinderprodukte auszugeben? Wir haben ja die Zahl gehört: über sechs Milliarden Euro im Jahr.

Wunsch: Ja, wofür sind Sie bereit? Also einmal: Menschen mit weniger Geld werden gar nicht in die Situation hereingebracht, eine Überlegung zu haben, will ich das oder will ich das nicht. Das heißt, der große Einsatz von Geld für Kinder ist natürlich gleichzeitig ein Indiz dafür, dass das Geld viel zu locker auf der Hand liegt und von daher gar keine großen Diskussionen anfangen. Denn wenn meine Mutter mir vor vielen Jahren irgendwann mal zu Weihnachten gesagt hat, mehr als so und so viel D-Mark ist nicht drin, dann wusste ich, an allen Ecken meines Körpers spürte ich, da ist auch nicht mehr drin.

Aber wenn heute Vater und Mutter sagen, mehr ist nicht drin, dann spüren die Kinder, es ist schon mehr drin, und dann müssen die Eltern, und das ist vielleicht der Unterschied zu meinen Eltern, dann müssen diese Eltern heute ein unwahrscheinliches Rückgrat haben, eine unwahrscheinliche Stabilität haben. Denn wenn ich meinetwegen fünf oder zehn oder 100.000 Euro auf dem Konto habe und meinem Kind sage, vier Eisbällchen ist zu viel, zwei sind genug, dann spürt das Kind, die zwei könnten ja auch bezahlt werden. Also, ich kann es nicht mehr begründen mit, ich habe das Geld nicht. Und die Begründung, ich habe das Geld und mache es trotzdem nicht, fällt den meisten Menschen schwer, weil sie dann sofort das Gefühl haben, als Eltern nicht genug Liebe einbringen zu können.

Oder, die Kinder sind ja auch ganz schön clever, Mama, dann liebe ich dich nicht mehr, und all solche Drohgebärden. Und ich habe mal zuletzt von einer Mutter die gelassene Antwort gehört, da ging es ums Aufräumen oder was, Mama, dann liebe ich dich nicht mehr, und da sagte die Mutter ganz gelassen, pass mal auf, räum jetzt weiter auf. Ich liebe dich zwar weiter, aber räume jetzt weiter auf.

Fehlende Wertschätzung für die Dinge sind die Folge

Brink: Was macht denn dann diese Überversorgung mit materiellen Gütern mit den Eltern und vor allen Dingen auch mit den Kindern?

Wunsch: Die Eltern haben den Eindruck, was Gutes zu tun. Dummerweise ist das eben aber nur ein trügerisches Gefühl. Und was macht es mit den Kindern? Als Erstes haben die keine Wertschätzung. Wenn Sie heute einem Kind irgendwie etwas geben, dann sagt es in den meisten Fällen nicht mal Danke, weil die Wertschätzung steht. Und dann sagen die Eltern so ein bisschen verkniffen, ja, die Kinder sind heute anders.

Ich habe ein solches Gespräch gerade vorige Woche noch im Urlaub mit einer Mutter geführt und habe dann gesagt, ach, sage ich, die Kinder sind eigentlich seit Jahrhunderten immer identisch. Die kommen auf die Welt als kleine Nichtskönner und lernen, und alles, was sie nachher können oder nicht können, ist durch die Eltern an sie herangetragen worden oder nicht. Da sagt sie, ja, ja, ja, ja, ich wurde anders erzogen. Ich sage, und weshalb machen Sie es nicht? Gut, da musste dann im Rahmen eines Urlaubskontaktes das Gespräch enden, aber das ist genau die Frage.

Den Eltern fehlt das Rückgrat, dann die Dinge entsprechend einzubringen. Und wenn sie es einbringen würden, würde es wesentlich einfacher sein. Und wenn dann die Kinder das eben auf leichte Weise bekommen, fehlende Wertschätzung, die nächste Stufe ist Anspruchshaltung, das steht mir zu und so weiter. Und die nächste Stufe ist natürlich dann, auch, wenn ich es nicht bekomme, dann gibt es zwei Varianten, es wird von den Eltern erpresst – zuletzt ging in der Schweiz eine Überschrift durch die Tagespresse: Mama, gib mir Geld, oder ich schlage dich. Oder der andere Weg ist, man zockt es irgendwo in der Schule ab, man klaut in den entsprechenden Geschäften. Und das wird noch so gemacht, dass es als ganz normal angesehen wird, na, das steht mir ja schließlich zu, das neueste Kleidungsstück, die neueste Modewelle mitzumachen, die neueste Musik-CD mir zu kaufen oder die neueste App mir runterzuladen und das neueste Smartphone zu haben.

Ein Lehrer, der sich nicht als Vorbild fühlt? Das geht nicht

Brink: Aber ich komme dann immer wieder auf diesen Punkt zurück, den Sie ja auch gesagt haben. Das heißt, Eltern geben den Takt vor. Das hat ja auch was mit Vorleben zu tun, das heißt, ich muss dann eigentlich, wenn ich das weiterspinne, kann ich von meinem Kind nicht erwarten so eine Art von Bescheidenheit, wenn ich selber dauernd konsumiere. Ist es nicht auch das Vorbild, so etwas Unmodernes?

Wunsch: Ich habe mal mit dem DRadio auch im Rahmen der Kultursendungen eine Sendung gemacht zum Thema Vorbild, und die war interaktiv, aus Berlin, und da meldete sich ein Mensch und sagte, Vorbild, alles Quatsch, was soll das alles und so weiter. Wir saßen etwas bedröppelt da in der Runde und dachten, wer bringt denn so einen Beitrag ein. Und mir ging durch den Kopf, wer mag das wohl sein, und ich fragte dann, was sind Sie von Beruf? Dann sagte er, Lehrer. Im Studio wurde es ganz still, und ich fragte nur – weil bei besonders grotesken Situationen werde ich immer ganz ruhig und nicht irgendwie laut, auch in meinen Uni-Vorlesungen oder was. Da sagte ich nur ganz ruhig, wie schaffen Sie das, vorne an der Tafel zu stehen, 30 Augenpaare richten sich auf Sie und Sie sind kein Vorbild? Und dann reagierte er: Ich muss mich von Ihnen heute Morgen nicht anmachen lassen, bumms, und legte auf. Ja. Damit sind wir mitten im Thema Vorbild. Die Eltern scheuen sich, Vorbilder zu sein, und in Vorträgen gibt es dann schon mal so, wenn ich hier abends Elternseminare halte, so eine ganz selbstversonnene Mutter, die dann auf einmal sagt, das heißt, dann müsste ich das ja auch machen, nicht zwischendurch dauernd was essen, nicht das Neueste dauernd kaufen, nicht dauernd mit dem Handy rumfummeln und so weiter. Ich sage, 13 Gummipunkte fürs Schnellmerken. Der Saal lacht, aber genau das ist der Punkt.

Ein Vorbild muss nicht perfekt sein

Brink: Das heißt, wir müssen mehr Vorbild sein als Eltern?

Wunsch: Ja, auf jeden Fall. Wir sind es ja dauernd. Die Eltern meinen ja, dass, wenn Sie sagen, ich will kein Vorbild sein, sie wären keines. Aber sie sind es. Die Kinder orientieren sich an allem, was rundherum passiert, und nicht nur an den Eltern, sondern genauso gut an den Lehrern oder an den Briefträgern oder am Straßeneisverkäufer. Alle älteren Menschen sind für Kinder Orientierungspunkte, und sie machen die Dinge nach. Und von daher sind wir Vorbild. Wir können dann eben bewusst Vorbild sein, und wir können Vorbild sein im Sinne von "Ich will auch ein gutes Vorbild sein". Und wenn ich mal ein schlechtes Vorbild war, kann ja auch passieren, dann kann ich den Kindern sagen, ja, bei Mama und Papa klappt es auch nicht immer. Du kennst das ja bei dir. Wenn du das Zimmer aufräumen willst, dann klappt das nicht, und bei mir hat es heute Morgen nicht geklappt, da wollte ich nämlich das und das machen, und das und das ist dabei rausgekommen. Und die Kinder merken, dass das Leben eben nicht nur schwarz und weiß ist, sondern dass Eltern eben auch Grautöne leben.

Brink: Albert Wunsch, Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge. Danke, Herr Wunsch, für das Gespräch! Und viel Glück weiterhin mit Ihren Enkeltöchtern beim Kleiderkauf.

Wunsch: Okay, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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