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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.06.2011

Konsumforscherin: Verbindliche Verbraucherschutzaufdrucke fehlen

Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung schlägt ein Metalabel für alle Produkte vor

Lucia Reisch im Gespräch mit Hanns Ostermann

Verbraucher benötigen ein einheitliches Siegel, an dem sie sich beim Einkaufen orientieren können, sagt Lucia Reisch. (AP)
Verbraucher benötigen ein einheitliches Siegel, an dem sie sich beim Einkaufen orientieren können, sagt Lucia Reisch. (AP)

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung kritisiert das anhaltende Fehlen verbindlicher und genormter Verbraucherschutzaufdrucke auf deutschen Produkten. Bereits die unübersichtliche Anzahl von rund 400 Labels stelle ein Problem dar.

Hanns Ostermann: Willkommen im Dschungel! – Oder kennen Sie alle Siegel und Label, auf die man in den Supermärkten stößt? Viele Verbraucher sind schon jetzt verunsichert angesichts unzähliger Bio- und anderer Logos auf den Verpackungen. Nicht ohne Grund beschäftigen sich heute auch Experten auf der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung mit genau diesem Problem: Hilft die Siegelvielfalt oder stiftet sie eher Verwirrung? Ich habe darüber mit Frau Professor Lucia Reisch gesprochen. Sie ist Konsumforscherin und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung. Meine erste Frage: Die Verbraucherkommission in Baden-Württemberg hat vor Kurzem 400 Label unter die Lupe genommen. Wie hilfreich sind die denn wirklich für uns Verbraucher?

Lucia Reisch: Das kommt darauf an. Also es gibt natürlich Labels, die sehr, sehr hilfreich sind, das sind die alten eingeführten, also ich nenne mal das Bio-Zeichen oder auch der Blaue Engel, die man kennt, die transparent sind, die auch auf relativ vielen Produkten drauf sind, die gehen schon in Ordnung. Aber wir haben eben festgestellt, dass bei diesen 400 Labels eine ganze Reihe von Aussagen gemacht werden, die entweder gar nicht eingehalten werden oder die auch im Grunde nicht relevant sind. Also das ist ja genau so, beides ist im Grunde gleich irreführend. Hinzu kommt natürlich das Problem, dass es überhaupt 400 Labels sind und der Platz auf Produkten, Verpackungen oder auch im Laden selbst ist natürlich nur begrenzt.

Ostermann: Man braucht entsprechend gute Augen. Nun werben Sie für Nachhaltigkeit. Heißt das, wir brauchen weitere Siegel, oder erfüllen schon jetzt einige – Sie haben die Bio-Siegel angesprochen – diesen Anspruch?

Reisch: Es gibt in der Tat schon einige auch gut eingeführte, transparente, glaubwürdige und auch unabhängig kontrollierte Siegel, die einzelne Dimensionen der Nachhaltigkeit abbilden. Also beispielsweise im Bereich des Bio-Essens oder im Bereich des Fairtrade-Kaffees oder -Kakao. Das gibt es schon. Was es noch nicht gibt, ist ein Label, also gewissermaßen ein Metalabel, das die unterschiedlichen Dimensionen, die vielen Facetten der Nachhaltigkeit abdeckt. Und man kann sich natürlich auch vorstellen, dass das keine einfache Sache ist, das zu messen, das zu kontrollieren und das dann so zu kondensieren in einem einzigen Label.

Ostermann: Was heißt überhaupt Nachhaltigkeit? Das Klima zu schützen, Ressourcen zu schonen oder Menschenrechte zu achten, sind das die entscheidenden Kriterien?

Reisch: Das sind ganz, ganz wichtige Kriterien. Also es gibt auf jeden Fall diese ökologische Dimension, die Sie genannt haben, also auch Energiesparen, zu Zeiten der deutschen Energiewende ist das ein ganz, ganz großes Thema, es sollte also keine Energieschleuder sein. Dann aber auch Dinge wie Biodiversität. Das ist ein großes Thema, also gerade im Bereich des ökologischen Landbaus. Dann sind das aber auch die sozialen Themen, also menschengerechte Produktionsbedingungen. Aber auch durchaus ökonomische Nachhaltigkeit. Also es nützt ja nichts, wenn die Produkte sozusagen gut sind und man sie mit gutem Gewissen kaufen kann, aber die ökonomische Nachhaltigkeit ist nicht gegeben, also es wird damit auch nicht ausreichend Geld verdient.

Ostermann: Da argumentieren Sie häufig, Verbraucher reagieren zuerst auf Preise, das haben Sie jedenfalls einmal gesagt. Was bedeutet das denn jetzt für die Lebensmittel, die wir einkaufen, oder für die Energie- und Kraftstoffpreise?

Reisch: Ja das ist grundsätzlich tatsächlich so, dass wir auch – ich denke, das ist auch ganz rational, dass die Haushalte auf ihr Budget achten wollen, oder auch ein großer Teil der Haushalte müssen. In vielerlei Hinsicht ist es aber auch eine Frage der Prioritätensetzung, also wenn ich nun weiß, wenn mir gut erklärt wird und das auch glaubwürdig signalisiert wird beispielsweise durch ein Label, dass ein Produkt eine überlegene Qualität hat – also es kann auch eine Prozessqualität sein, also wie es hergestellt ist –, dann sind die Leute sehr wohl bereit, auch ein bisschen mehr zu bezahlen. Es kommt dann sehr darauf an, wie groß dieser Abstand ist, also dieser Preisaufschlag für nachhaltigere Produkte.

Ostermann: Aber nicht jeder kann sich das leisten. Wie wollen Sie aus diesem Dilemma herauskommen?

Lucia Reisch, Konsumforscherin und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung (picture alliance / dpa - Norbert Försterling)Lucia Reisch, Konsumforscherin und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung (picture alliance / dpa - Norbert Försterling)Reisch: Es gibt durchaus auch Entwicklungen, die in die Richtung gehen, dass es günstiger auch geht. Schauen Sie sich den Biomarkt an, mittlerweile kann man ja auch in Deutschland in den Discountern eine gute Bioqualität kaufen. Die Preise sind hier gesunken, da muss man dann eigentlich fast schon wieder aufpassen, dass die Produktion nicht drunter leidet. Es darf natürlich nicht so sein, dass Bio nur eine reine – oder Nachhaltigkeit, um das breiter aufzufassen –, eine reine Luxussache ist. Das darf zum einen aus ethischen und Gerechtigkeitsgründen nicht sein, das darf aber auch aus ökonomischen Gründen nicht sein. Also wenn wir wollen, dass das eine breite Massenbewegung wird, dann kann das in der Tat nicht sein. Das bedeutet, man muss in anderen Bereichen nachdenken, für was beispielsweise – wird ja aktuell subventioniert – sind die Subventionen richtig, braucht man vielleicht andere Subventionen? Da ist also die Kreativität der Politik gefragt.

Ostermann: Ist das einer der Punkte, über die Sie dann auch mit Angela Merkel sprechen werden, die bei Ihnen zu Gast sein wird?

Reisch: Ja, davon gehe ich aus. Wobei natürlich im Moment das ganz, ganz große Thema in der Tat die Energie ist, und hier wird das jetzt natürlich so sein, dass die Energiepreise steigen werden auch dadurch, dass sich nun mal 80 Prozent der Bevölkerung dafür ausgesprochen hat, kernenergiefreie Energie haben zu wollen. Nur diese Preisdiskussion ist ... Es kommt darauf an, wie man sie führt. Also man muss, denke ich, den Menschen erklären, was das bedeutet, und wie man andererseits durch andere Angebote – also beispielsweise durch energieeffizientere Produkte, durch besser gedämmte Häuser und so weiter – gleichzeitig Energie einsparen kann. Höhere Preise bedeutet ja nicht immer automatisch gleich hohe Ausgaben eines Haushalts, sondern es kommt ja sehr darauf an auch auf die Menge, die man nachfragt. Und solche Dinge stehen im Moment einfach aufgrund auch der gesellschaftlichen Bedeutung, die die Energiediskussion hat in Deutschland, sicherlich auch im Mittelpunkt.

Ostermann: Wie intensiv achten wir Verbraucher eigentlich inzwischen auf Nachhaltigkeit? Wie häufig werden sie beispielsweise darauf angesprochen, ist es ein Modethema, um Produkte an den Mann, an die Frau zu bringen?

Reisch: Also das ist mittlerweile dermaßen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass es also gewissermaßen einen Wettbewerb der Unternehmen gibt für bessere, für nachhaltigere Produkte, und die auch entsprechend zu kommunizieren. Also es ist überhaupt kein Modethema, es ist ein ganz großer Megatrend, also da kann man eigentlich jeden Trendforscher befragen. Das gilt für alle Bereiche, das gilt nicht nur für die Lebensmittel, das geht auch beispielsweise für die Modeindustrie. Ich komme gerade aus London, von einem Projekt, die sich mit nachhaltiger Mode beschäftigen, und da geht es darum, welche Textilien sind die nachhaltigsten, kann man vielleicht Produkte – also gerade Textilien oder auch Modeprodukte – so kreieren, dass sie länger haltbar sind, dass sie wertiger sind und dann eben nicht im Bereich dieser Slow Fashion nur ein paar Mal getragen werden und weggeworfen werden. Also ich sehe ganz, ganz viele Entwicklungen in vielen Bereichen des Konsums, die mir einfach zeigen, das ist ein ganz starker, starker Trend, der nicht in kurzer Zeit irgendwie versanden wird, sondern der sich vielmehr sozusagen als breite Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft niederlassen wird.

Ostermann: Frau Professor Lucia Reisch, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung. Frau Reisch, danke Ihnen für das Gespräch!

Reisch: Gerne!

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