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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 14.01.2011

Konförderation statt Zweistaatenlösung

Der israelische Publizist Eldad Beck und sein Vorschlag zur Entschärfung des Nahost-Konflikts

Von Christpph Richter

Die Mauer verläuft nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern quer durch Jerusalem. (Thomas Bade)
Die Mauer verläuft nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern quer durch Jerusalem. (Thomas Bade)

Der 45-jährige israelische Publizist und Journalist Eldad Beck hat einen Traum: dass irgendwann mal Juden und Muslime, Israelis und Palästinenser in Erez Israel, also zwischen Tel Aviv und Jenin, zwischen Gaza und Jerusalem, friedlich zusammenleben. Sein Vorschlag: die Gründung einer staatlichen Konföderation, bestehend aus Israel und Palästina.

"Meine Idee ist, dass wir zwei demokratische Staaten haben, das heißt Israel und Palästina, aber jedes Land wird ganz demokratisch regiert und jedes Land wird die absolute Souveränität haben. Genauso wie es ist bei der EU."

Die Konföderation, zu der später auch Jordanien gehören soll, nennt der an der Pariser Sorbonne studierte Islamwissenschaftler Eldad Beck etwas pathetisch Union des Heiligen Landes. Seiner Meinung nach ist das das einzig tragbare Friedenskonzept, mit dem die Region langfristig zur Ruhe komme, weil allein in einem kooperativen und föderalen Staatenverbund mit demokratischen Prinzipien, so die These Eldad Becks, Israelis und Palästinenser, Juden und Muslime nachhaltig friedlich zusammenleben werden. Indem man beispielsweise auf solidarische Weise lebenswichtige Ressourcen teilt, Fachkräfte bündelt, eine gemeinsame Verwaltung hat und eine gemeinsame Währungspolitik vertritt, um auf den Finanzmärkten gestärkt auftreten zu können.

Funktionieren soll das Ganze nach dem Vorbild der Beneluxländer, dem einstigen Vorläufer der EU.

"Das ist eigentlich unser Modell. So sollte es eigentlich funktionieren, aber von Anfang an. Nicht in einer Situation, wo wir sagen, okay warten wir 20 Jahre. Und dann schauen wir, dass wir zu einer konföderativen Lösung kommen. Die Palästinenser und die Israelis sollen das Gefühl haben, dass sie jetzt zusammen für ihr Land arbeiten."

Und das kann so nur in einer Konföderation funktionieren, erläutert Eldad Beck, der Deutschland- und Europa-Korrespondent der auflagenstärksten israelischen Tageszeitung Jedi'ot Acharonot. Denn in den gegenwärtigen Konzepten wie der Zweistaatenlösung, die die internationale Gemeinschaft seit Jahren fordert, werden die Konflikte nur verschärft, statt entschärft so Beck weiter. Etwa wenn es um die in dieser Region lebenswichtige Ressource Wasser oder um Grenzfragen geht.

Alles in allem ist die Idee einer Konföderation aber allerdings nicht ganz neu. Bereits der ursprüngliche Teilungsplan Palästinas durch die UN-Vollversammlung 1947 war als eine Art Föderation gedacht.

Prominente Anhänger einer jüdisch arabischen Konföderation, in dem Juden und Araber friedlich miteinander zusammen leben sollten, waren bereits der jüdische Philosoph Martin Buber, der frühere französische Präsident Charles de Gaulle oder Hannah Arendt, die als Tochter säkularer jüdischer Eltern in Linden bei Hannover geboren wurde, und 1933 über Paris nach New York emigrieren musste. Sie wurde aber für ihr Plädoyer einer Konföderation heftig kritisiert und als "Antizionistin" stigmatisiert.

"Manche Leute meinen, so eine Idee ist absolut illusorisch, absolut naiv. Aber wenn man nicht irgendwann mit neuen Ideen beginnt, dann behalten wir die Situation, wie sie ist. Und die Tragödie geht weiter. Das brauchen wir nicht, wir brauchen neue Ideen."

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist, das war die Maxime von Ben Gurion, des israelischen Staatsgründers. Das ist auch das Credo des israelischen, in Berlin lebenden Journalisten Eldad Beck.

Doch als er sein Konzept einer Konföderation in einem Vortrag in der Jüdischen Volkshochschule in der Berliner Fasanenstraße der deutschen Öffentlichkeit vorstellt, stößt Eldad Beck auf massive Skepsis. Und löst eine Debatte aus. Schnell werden ihm Idealismus und Utopie vorgeworfen, dessen Konzept rein gar nichts mit der aktuellen Situation gemein habe. Einer, der das sagt, ist der Politologe Hubert Leber, Lektor bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.

"Man muss sich wohl hüten vor allzu großem Optimismus. Ich würde zunächst auch erstmal, wie viele andere Stimmen hier, die Hindernisse sehen. Denn auch in dem Konzept, das hier vorgestellt worden ist, müsste ja zunächst die Zweistaatenlösung realisiert werden, um dann in einem zweiten Schritt gleich wieder überwunden zu werden."

Eldad Beck ist eine Art Brückenbauer, der nach einer Lösung des mittlerweile 100-jährigen Konflikts sucht. Mit dem runderneuerten neuaufgelegten radikalen Lösungsvorschlag, den Eldad Beck in die Diskussion einbringt, indem er den Kreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen will, fordert er aber auch explizit die Palästinenser an den Verhandlungstisch. Sie sind es, so Beck weiter, die politische Lösungen im Nahen Osten nahezu unmöglich machen, und fordert sie auf, schleunigst ihre Blockadepolitik aufzugeben. Dem kann Meggie Jahn, Präsidiumsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft nur zustimmen.

"Ich glaube, das ist ein guter Ansatz, gleich auch mit Palästinensern ins Gespräch zu kommen. Denn sie müssen es letztendlich entwickeln. Und da bleibt natürlich abzuwarten, wie er dort Unterstützung gewinnen kann."

Erfolg ist dringend notwendig, eher heute als morgen, sagt Eldad Beck. Man habe keine Zeit mehr zu verlieren. Denn gerade viele junge Menschen in Israel können nicht mehr und sind der ständigen Kriegspropaganda und Gewalt einfach überdrüssig.

"Ohne eine Hoffnung auf einen Frieden, was bleibt uns? Von daher müssen wir weiter für den Frieden kämpfen - aber ohne Illusionen, ohne falsche Mantras. Ganz konkret und ganz funktionell. Es muss eine Hoffnung geben."

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