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Religionen / Archiv | Beitrag vom 09.07.2011

Konfirmation auf der Kirmes

Der Schausteller-Seelsorger Horst Heinrich

Von Rebecca Roth

Der Wiener Prater (AP Archiv)
Der Wiener Prater (AP Archiv)

Welcher Pfarrer kümmert sich eigentlich um die Menschen, die auf dem Rummel arbeiten? Der Circus- und Schaustellerseelsorger der evangelischen Kirche heißt Pfarrer Horst Heinrich. Er predigt, tauft und konfirmiert – bisweilen auch hoch unter dem Dach eines Zirkuszelts oder auf dem Autoscooter.

Donnerstagmorgens um zehn ist auf dem Schützenplatz in Hannover noch nicht viel los: Das Karussell steht still. Die Buden sind geschlossen. Der Rummel ruht.

Nur im Landgasthof Bötticher einem rustikalen Festzelt direkt am Eingang zum Schützenplatz tut sich etwas: Der Schausteller und Musiker Karl Römer testet die Lautstärke seines Keyboards. Und Pfarrer Horst Heinrich groovt fingerschnipsend mit.

Der drahtige 62-Jährige mit den dichten weißen Haaren ist entspannt. Er hat schon alles vorbereitet: Der Altar ist aufgebaut: Ein Biertisch, direkt vor dem Tresen, wo sich die Wirtin noch zu schaffen macht. Darauf ein weißes Tuch, ein Altarkreuz, Kerzen, und das Abendmahlsgeschirr.

Langsam trudeln die Täuflinge und Konfirmanden ein. Robert, ein hübscher schlaksiger Bursche erscheint im grauen Anzug, die kleine Lilly im Prinzessinnen-Kleid und goldenen Schläppchen. Auch ihre große Schwester Louisa und deren Freundin Rebecca haben sich schick gemacht: Beide tragen schwarz-weiße Cocktailkleider. Ein wenig aufgeregt sind sie schon, gestehen sie Pfarrer Heinrich.

Nach und nach treffen auch die Familien der Konfirmanden und Täuflinge ein. Sie betreiben Wurfspielgeschäfte, eine Imbissbude, ein Festzelt, eine Geisterbahn. Jetzt gruppieren sie sich um die liebevoll dekorierten Holztische. Hinter dem Konfirmanden Robert hat sein Onkel Karl Birkeneder Platz genommen. Der 72-jährige große, breitschultrige Mann aus Stuttgart Bad Cannstatt stammt aus einer alten Schaustellerfamilie:

Karl Birkeneder: "Mein Großvater hat mit meinem Vater, die ersten Boxautos nach Deutschland gebracht. Damals von Amerika 1921 und da ging dann der große Erfolg der Boxautos durchs ganze deutsche Land."

Es wird sich viel und überschwänglich begrüßt. Heinrich, der mittlerweile einen Talar und eine mit einem Riesenrad bestickte Stola trägt, braucht mehrere Anläufe, um den Gottesdienst zu beginnen:

Horst Heinrich: "Es ist sehr schwierig alle Leute einzufangen, wenn man sich so lange nicht gesehen hat, gibt’s natürlich vieles zu erzählen. Aber ich denke, wir feiern heute Konfirmation und Taufe. Wir brauchen einfach ein paar Minuten Zeit, um zur Besinnung zu kommen."

Doch noch immer betreten neue Gäste das Festzelt. Die Konfirmation ist eben ein Anlass, an dem sich die weit über Deutschland verteilten Schaustellerfamilien wiedersehen, erklärt Karl Birkeneder:

"Und es ist eine ganz enge Gemeinschaft, unsere reisende Kirche, und der Pfarrer Heinrich hat eine ganz tolle Erfahrung mitgebracht. Und ich muss sagen, seine Gottesdienste sind immer gut besucht. Und er ist einfach ein Mann, der sich in unser Milieu, in das Schausteller- und Zirkusleben eindenken kann."

Es ist ein Leben, das einen anderen Rhythmus hat als das der meisten Kirchgänger. Am Sonntag herrscht für Schausteller Hochbetrieb. Eine Ortskirche zu besuchen ist daher kaum möglich, zumal die Familien mit ihren Geschäften ständig unterwegs sind.

Das Unterwegs-Sein gehört auch für den Leiter der evangelischen Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland zum Berufsalltag: Nach der Konfirmation in Hannover geht es für ihn noch weiter nach Regensburg zur Einweihung eines Weinzeltes und anschließend nach Speyer – alles an einem Tag. 70.000 Kilometer kommen pro Jahr schon zusammen, erklärt Pfarrer Heinrich:

"Das kommt auch dazu - jeden Tag in einem anderen Bett zu schlafen. Das ist auch nicht so einfach. Viele Leute, die mich mal begleiten wollen, die sehen nur das eine - die bunte Welt. Ich hatte eine Praktikantin, eine Theologiestudentin, die hat mich vier Wochen begleitet, die meinte: Ich kann nicht mehr. Wie machen Sie das? Also das ist schon eine Knochenarbeit."

Eine Arbeit, für die auch die eigene Familie zurückstehen muss. Seine Frau, seine zwei Kinder und die Enkel bekommen ihn verhältnismäßig selten zu sehen. Trotzdem genießt er seine Arbeit. Auch oder besonders dann, wenn ihn sein Beruf vor Herausforderungen stellt. So wie vor zwei Jahren, als er ein Kind der Artistengruppe Traber taufen sollte - auf dem Hochseil.

Horst Heinrich: "Ja du meine Güte, die sind ja 20 Meter hoch. Und dann haben die eine Ziehleiter dahin gebracht und die war so was von wackelig. Und dann bin ich hochgestiegen und es hat hin und her gewackelt. Und dann fuhren die mit dem Motorrad und dem Täufling hoch und ich habe es gerade so geschafft und hab das Kind getauft. Ja hinterher war’s mir dann riesenschlecht, aber es ging dann wieder."

Das Hochseil oder das Riesenrad –für die Familien der Täuflinge ist es das ganz normale Arbeitsumfeld - und das oft schon seit Generationen. Deswegen ist die Taufe und Konfirmation ihrer Töchter Lilly und Louisa auf dem Schützenplatz auch ein Stück Schausteller-Tradition, erklärt Imbissbesitzerin Linda Vorlop.

Linda Vorlop: "Ich komme aus NRW. Wir sind katholisch, da bin ich auch zur Kommunion gegangen. Auf dem Festplatz. Meine Eltern haben einen Autoscooter und da haben wir das auf der Platte gemacht vom Autoscooter. Das sind die eigenen vier Wände. Das ist das intimste. Das ist unser Zuhause. Das ist etwas besonderes das kann nicht jeder haben." ´

Horst Heinrich: "Einer sagte mal - nannte mich mal den gottlosen Pfarrer, weil ich in einem Rummelplatz bin und da geht ja ein anständiger Christ nicht hin. Und da sind wir ja dann in der besten Gesellschaft Jesu. Ihm wurde ja auch nachgesagt, dass er sich bei den Leuten rumtreibt, die eigentlich bei den Frommen nichts zu sagen hatten. Wenn Jesus unterwegs wäre, dann würden wir ihn 100 Prozent auf dem Rummelplatz finden. Also von daher fühle ich mich in der Nachfolge Jesu genau hier richtig am Platz."

Horst Heinrich fühlt sich bei seinen Gemeindemitglieder wie in einer großen Familie. Er respektiert die nicht nur bunte, sondern oft auch strapaziöse Arbeit der Zirkusleute und Schausteller. Und ihre Liebe zu ihrem Beruf, die in jedem Gottesdienst im Schaustellergebet zum Ausdruck kommt. Auch heute:

"Lass mich bedenken mein Vorrecht, als Schausteller, Freude und Vergnügen zu bringen allen Menschen, besonders aber den Armen, den Einsamen und denen, die vom Glück benachteiligt sind. Und wenn meine letzte irdische Tat vollendet ist und der letzte Vorhang fällt, dann nimm mich zu dir und lass mich ewig glücklich sein bei dir. Amen."

Doch bevor es so weit ist, will erstmal richtig gelebt werden. Mit aufregenden und wilden Fahrten auf den Fahrgeschäften. Mit einem Festessen nach der Konfirmation. Und am Ende des Gottesdienstes mit einem echten Mitsing-Hit der "Gemeinde auf der Reise".

Karl Römer: "Heute treffen sich die Leute von der Reise, mit ihren Kindern der Tochter, dem Sohn. Um zu feiern mit dem Herrn in ihrem Kreise, das Versprechen, die Konfirmation. Und allen, die wie wir beisammen sind. Verspricht der Herr im Himmel, liebes Kind."

Lied:
"Die Sonne scheint bei Tag und Nacht,
ihr Kinder der Reise, der Himmel weiß, wie sie das macht,
ihr Kinder der Reise. Der Herr lässt niemals euch allein,
ihr Kinder der Reise, und liebt euch alle immerfort, egal an welchem Ort."

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