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Tonart | Beitrag vom 27.01.2016

Komponist und Wahl-Berliner Federico AlbaneseIrgendwo zwischen Eno und Einaudi

Von Vincent Neumann

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(dpa picture alliance/ Christof Martin)
"Apokalyptische Klassik" wurde Albaneses Musik genannt: Sie entwickelt einen hypnotischen Sog (dpa picture alliance/ Christof Martin)

"Neue Meister": So nennt sich etwas hochtrabend ein neues Label, auf dem vor allem jungen Künstlern - Vertretern einer neuen, ungezwungenen Klassik - eine Bühne geboten werden soll. Den Anfang macht ein junger Italiener: Federico Albanese ist ein Grenzgänger zwischen Ambient und Filmmusik, zwischen Brian Eno und Ludovico Einaudi. Vincent Neumann hat mit dem 33-Jährigen Wahl-Berliner gesprochen.

Mit Kategorien ist das so eine Sache: Eh man sich versieht, bekommt die eigene Musik von einem neunmalklugen Kritiker ein Label wie "psychedelischer Neo-Klassik-Soundtrack" verpasst. Viele Künstler würden an dieser Stelle die Augen verdrehen; für Federico Albanese allerdings ist das Alltag und noch lange kein Grund zur Aufregung.

"Mit gefällt das irgendwie. Einmal hat jemand meine Musik als 'apokalyptische Klassik' bezeichnet – das ist doch cool! Früher gab es nur Pop, Klassik, Rock – heute erfindet man alle möglichen Unter-Genre. Wenn es nach mir ginge, würde ich zwar lieber nicht in solche Kategorien gesteckt werden, aber ich komm damit klar. Das ist kein Problem!"

Ein minimalistisches Klavier dominiert sein zweites Solo-Album

Ruhige, minimalistisch anmutende Klaviersounds dominieren auf dem zweiten Solo-Album von Federico Albanese – punktuell angereichert mit Streichern und Synthesizern, die der Wahl-Berliner in Eigenregie zu einem fast hypnotischen Klangteppich zusammengebaut hat. Er selbst sieht sich damit in der Tradition der sogenannten "Ambient Music" – klar benannt, aber irgendwie schwer zu fassen:

"Für mich beschreibt 'Ambient Music' etwas, das nicht klar definiert ist. Man kann es überall und  jederzeit hören, man kann jede Emotion darin finden. Mir kommt ein Stück fröhlich vor – jemand anders verbindet damit aber vielleicht etwas Dunkles, Melancholisches. Das ist für mich 'Ambient', und  in diese Richtung geht auch meine Musik."

Wesentlich klarer als seine Musikrichtung lassen sich bei Federico Albanese die verschiedenen Einflüsse benennen: Eric Satie oder auch Ludovico Einaudi als Übervater nicht nur der italienischen Neuen Klassik-Szene sind naheliegende Vorbilder; leuchtende Augen bekommt der gebürtige Mailänder allerdings erst bei der Erwähnung eines anderen Namens: dem des britischen Multi-Talents Brian Eno.

"Eno ist einer der Besten! Ich liebe seine Einstellung zu Musik, und er ist so vielseitig: von Rock und Punk bis hin zu dieser unglaublichen Experimentalmusik mit Moebius und Roedelius. Brian Eno ist definitiv eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen als Produzent und Komponist."

Die Stücke lösen sich musikalisch nicht auf - und das ist gut so

"Die Idee auf meinem neuen Album 'The Blue Hour - die Blaue Stunde', dieser Übergang zwischen Tag und Nacht, die kam mir im Verlauf der Studioarbeit, als ich gemerkt habe, dass sich meine Stücke musikalisch gesehen nicht auflösen. Am Anfang wollte ich das noch ändern, aber irgendwann wurde mir klar, dass es so gut war. Sie mussten kein klassisches Ende, keine Auflösung haben – das war das Konzept!"

Ein Konzept, das ohne einen radikalen Tapetenwechsel wohl so nicht hätte entstehen können; vor einigen Jahren ließ Federico Albanese seine italienische Heimat, ebenso wie auch sein gemeinsames Band-Projekt mit Jessica Einaudi, hinter sich und suchte in Berlin eine neue Herausforderung. Ein Schritt, der dem 33-Jährigen den Mut und die Sicherheit gab, das zu tun, was er tun wollte.

"Ich hab immer schon komponiert, Stücke für Klavier geschrieben. Aber damals in Italien war ich noch nicht bereit, das mit der Welt zu teilen. Ich kann nicht  genau erklären warum, aber der Umzug nach Berlin hat mir dabei geholfen. Und das hab ich versucht, auf dem neuen Album in Musik zu übertragen. 'The Blue Hour' ist also irgendwie auch ein Konzept-Album über Berlin."

Albanese entdeckt Berlin – und die Stadt entdeckt ihn

Federico Albanese entdeckt Berlin – und die Stadt entdeckt ihn: Im Rahmen der Konzertreihe "Neue Meister" soll er Ende Februar neben Künstlern wie Max Richter oder Johannes Motschmann die Berliner Musikszene repräsentieren. Sein aktuelles Album markiert außerdem den Startpunkt für ein neues Label: Mit "Neue Meister", einem Sublabel von "Edel" und "Berlin Classics", soll zukünftig verstärkt eine jüngere Generation von Zuhörern an die harmlose, für sie zugänglichere Seite der aktuellen klassischen Musik heranführt werden.

Doch obwohl diese überambitionierte Bewerbung als "Neue Meister" und "Zukunft der klassischen Musik" eher Wasser auf die Mühlen der New Classic- und Crossover-Kritiker sein dürfte, die darin den Verlust der Hochkultur sehen – Federico Albanese selbst bleibt mit Blick auf seine Arbeit angenehm bodenständig.

"Das Klavier ist das Herzstück meiner Songs. Ich nehme es auf einem alten Bandgerät auf – dann bin ich fokussiert aufs Spielen und muss mich mehr konzentrieren, weil man hinterher nicht mehr so viele Möglichkeiten hat, noch etwas zu bearbeiten."

Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute oder schlechte

Doch ob analog oder digital, ob U-Musik oder E-Musik, ob Neue Klassik oder "Ambient" – letztendlich gilt auch hier die alte Weisheit: Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute oder schlechte. Federico Albanese hat sich mit seinen harmonisch-melancholischen Klängen auf "The Blue Hour" für den richtigen Weg entschieden.

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