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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.01.2009

Komponist Peter Androsch: Architektur ist zur "tauben Disziplin" verkommen

Leiter der Hörstadt Linz 2009 beklagt schlechte akustische Gestaltung von öffentlichen Räumen

Peter Androsch im Gespräch mit Andreas Müller

Eine Schulklasse - Peter Androsch fordert eine besser Akustik in Klassenräumen. (AP)
Eine Schulklasse - Peter Androsch fordert eine besser Akustik in Klassenräumen. (AP)

Der Komponist Peter Androsch, Leiter der Initiative "Hörstadt" im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz 2009, hat sich für eine bessere akustische Gestaltung des öffentlichen Raumes ausgesprochen. Der Komponist forderte Ruhezeiten und Ruheorte in der Gesellschaft, damit man nicht eine dauernde Geräuschbelastung habe.

Andreas Müller: "Gott schenke uns Ohrenlider", schrieb Kurt Tucholsky vor rund 80 Jahren. Und Hans Eisler hat dann aber sofort Musik dafür gemacht für diesen schönen Satz und das, was da noch hinterher hängt. Und in der Silvesternacht, da hätte ich mir die auch wieder gewünscht, diese Ohrenlider, da hat es mal wieder richtig gekracht. Aber eigentlich ist es ja so, wenn man in der Großstadt wohnt, dann ist das nur noch ein kleiner Extraausschlag in der Amplitude des permanenten Lärms.

Es ist laut um uns herum, und selbst wenn wir den Geräuschen, die das Leben in der Metropole mit sich bringt, entfliehen wollen, dann lässt man uns nicht in Ruhe. In Kneipen und Restaurants erklingt Musik, im Fitnesscenter, im Supermarkt, in der Boutique, immer und überall werden wir meist ungewollt beschallt. Schluss damit, fordern die Macher von "Hörstadt". Das ist eine Aktion, die im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz stattfindet. Es geht dabei für eine bewusste und menschenwürdige Gestaltung unserer hörbaren Umwelt. Leiter von "Hörstadt" ist der Komponist und Autor Peter Androsch, den ich nun in Linz begrüße. Schönen guten Tag.

Peter Androsch: Guten Morgen aus Linz.

Müller: Ich zitiere mal aus einer Schrift von "Hörstadt", und da heißt es: "Hörstadt liegt die Überzeugung zugrunde, dass der Mensch bis ins Innerste von allem berührt und beeinflusst wird, was er hört. Hörstadt engagiert sich daher für eine dem Menschen gerechte akustische Umwelt. Die zentrale Forderung von Hörstadt lautet: Der akustische Raum muss als politischer Raum begriffen und bewusst gestaltet werden." Ist Linz so laut, dass Sie dort beginnen müssen, Herr Androsch?

Androsch: Ganz sicher nicht. Also Linz ist im österreichischen Vergleich und auch im europäischen Vergleich sicher eher eine leise Stadt, aber es geht ja bei dieser Sache um die demokratisch würdige Organisation des akustischen Raums. Wir haben eine sehr ungleiche Verteilung von Belastungen. Wir wissen, dass der Satz "Wer arm ist, lebt im Lärm" stimmt und in fast allen europäischen Ländern zutrifft.

Also es geht darum, dass wir die Organisation, wir könnten sagen, von Schallströmen zu einem politischen Thema machen, weil sonst haben wir so ungleiche Verteilungen wie auch zum Beispiel in der Arbeitswelt. Wir wissen, dass die Lärmschwerhörigkeit nach wie vor die häufigste Berufserkrankung ist in Österreich und natürlich nur die trifft, die sich am wenigsten wehren können.

Müller: Wo begegnet man denn überall der ungewollten Beschallung?

Androsch: Eigentlich überall, auf dem Land und in der Stadt. Wir haben ja im Grunde zwei Explosionen, mit denen wir umgehen lernen. Die eine Explosion ist die Explosion der Mobilität, also es bewegt sich immer mehr in unserem Leben. Es bewegen sich die Autos, die Schienenfahrzeuge, die Flugzeuge, aber auch bei uns zu Hause, es gibt fast keine technischen Geräte, Haushaltsgeräte mehr, wo nicht irgendwelche beweglichen Teile dabei sind oder vielleicht sogar Beschallungskomponenten mit Lautsprechern. Also damit müssen wir umgehen lernen.

Und das Zweite ist die Beschallungsexplosion. Es ist das erste Mal in der Menschheitsgeschichte möglich, an jedem Ort zu jeder Zeit und unter allen Umständen zu beschallen, das wird auch heftig getan. Wir beschallen uns ja auch selbst, wir steigen ins Auto in der Früh und schalten das Radio ein, andere sogar riesige Anlagen, wie sie vielleicht in Stadien mehr passen würden als in Autos.

Wir haben zwei Dinge, die historisch einmalig sind und mit denen wir so umgehen lernen müssen wie zum Beispiel mit einer neuen Situation im 18.Jahrhundert, als die Menschen in die Städte gezogen sind und auch ihre Verhaltensweisen vom Land mitgebracht haben, vielleicht ihre Nachttöpfe auf die Straße gekippt haben und sich dann gewundert haben, warum sie krank werden.

Müller: Wo beginnt eigentlich der Lärm? Wenn ich so mal an Zwangsbeschallung im Restaurant oder so etwas denke, da kann man sagen, gut, das ist Hintergrundmusik, aber für manche ist es schon Lärm. Man kann das ja nicht unbedingt in Dezibel messen, oder?

Androsch: Das ist eines der größten Probleme bei der Sache. Erstens einmal ist problematisch oder sagen wir schwierig, damit umzugehen, dass ja alles, was durch unser Ohr in uns eindringt, unbewusst wahrgenommen wird. Wir haben im Ohr verschiedene Komponenten, aber alles lebt davon, dass wir ununterbrochen hören und dass wir eben keine Ohrenlider haben und eben die Ohren nicht verschließen können.

Daher kommt auch, dass Lärm eigentlich nicht definiert ist. Es gibt in den verschiedenen Gesetzen auf verschiedener Ebene von den Ländern, Kommunen, Bund und auch auf europäischer Ebene verschiedene Definitionen von Lärm. Im Grunde ist Lärm aller Schall, den wir nicht wollen. Und damit ist die Palette sehr weit gestreckt. Das ist das Tropfen des Wasserhahns in der Nacht genauso wie die Einflugschneise vor dem Flughafen.

Müller: Nun beobachten Sie aber auch, dass die Architektur sich sehr geändert hat. Es gibt den Hinweis, dass zum Beispiel in den problematischen Schulen, wie es dann so schön heißt, immer die Schulen in den problematischen Vierteln, dass dort zum Beispiel ein Lärm herrscht, der einfach es gar nicht ermöglicht, vernünftig sich dort zu konzentrieren und vernünftigen Unterricht zu gestalten, einfach weil die Architektur da versagt hat.

Androsch: Schulen werden oft deswegen problematisch, weil die Architektur problematisch ist. Die Architektur ist im Grunde im 20. Jahrhundert zu einer tauben Disziplin verkommen und übernimmt keine Verantwortung mehr über das Leben in den Räumen, die sie selbst schafft. Die Schulen, in Österreich ist es so, wahrscheinlich in fast allen europäischen Ländern auch, dass der Großteil der Schulen zwischen den 50er- und 90er-Jahren errichtet wurden und im Grunde als Schuhschachteln errichtet wurden.

Und Sie werden wissen, dass es wahrscheinlich keinen Raum gibt, bei dem es tatsächlich um Sprachverständlichkeit geht, der parallele Wände hat. Sie können in fast alle Theater gehen oder in die Kinosäle und Sie werden immer sehen, dass die Wände schräg sind. Das hat einen ganz einfachen Sinn, dass Schalleinwirkungen, aber auch der gesprochene Schall so abgelenkt wird, dass es zu keinen Doppel- und Dreifachinformationen kommt und damit ermüdende Hörsituationen eintreten. Und das Problem von parallelen Wänden ist noch dazu, dass es durchaus bis zu verstärkenden Effekten kommen kann oder sich bildenden stehenden Wellen.

Das sind alles Phänomene, die ein vernünftiges Lernen verunmöglichen. Und auch noch dazu erfordern von den Kindern, dass sie wahnsinnig laut werden müssen, um sich Gehör verschaffen zu können. Und damit gibt es sozusagen einen Rückkopplungseffekt, dass auch der Aggressionspegel steigt, wenn wir akustisch minderwertige Schulen haben.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Peter Androsch. Er ist der Leiter der Initiative "Hörstadt" in der Kulturhauptstadt Linz. Lassen Sie uns vielleicht über Stille sprechen, wenn das überhaupt möglich ist. Herbert Marcuse schreibt 1966 das Bedürfnis nach Gleichsein, Konformität, Mitmachen korrespondiere mit der Furcht vorm Denken, der Furcht vorm Schweigen, vor der Stille, somit dem Bedürfnis nach Lärm. Und er kannte noch nicht mal das Privatfernsehen von heute, als er das geschrieben hat. Wenn wir uns umhören, müssen wir sagen, er hat natürlich recht. Ist uns die Stille abhanden gekommen?

Androsch: Na ja, das ist auch ein sehr schwieriges und vielfältiges Kapitel, weil Stille ist wieder etwas, was es ja gar nicht gibt. Wir versuchen dann immer, das Wort Ruhe zu verwenden, weil eine Welt, die keine Schalläußerung hat, ist eine sehr gefährliche. Wir wissen ja, dass zum Beispiel auch Folter durchgeführt wird mit Schallentzug, also dass Leute in Räume gesperrt werden, die überhaupt keine Reflexionseigenschaften haben und dadurch der Mensch sich nur selbst hört. Das führt sehr schnell in den Wahnsinn. Stille alleine ist noch nichts Wunderbares.

Müller: Es kann ja auch sehr, sehr erschütternd sein. Also, schalltote Räume, die kann man nicht lange ertragen, da bleibt einem die Luft weg irgendwann.

Androsch: So ist es. Und nicht ohne Grund haben fast alle Religionen als eine der größten Prüfungen die sogenannte Klausur oder die Eremitage oder wie immer man sagen will. Also das Sich-mit-sich-selbst-ins-Einvernehmen-Setzen, das Sich-Zurückziehen ist eine sehr schwere Übung. Ich glaube nicht, dass wir so paternalistisch sein sollen, dass wir das den Leuten zumuten wollen.

Es geht darum, dass wir Ruhezeiten und Ruheorte in der Gesellschaft erhalten, dass wir nicht eine dauernde Belastung haben. Wir wissen, dass ein Dauerpegel, der 24 Stunden durchgehalten wird, von unserem Gehirn gar nicht verarbeitet werden kann und zu Stress, Tinnitus, Hörstürzen und im schlimmsten Fall sogar zu Herzinfarkt führen kann. Also es ist wichtig, dass wir auch in unserem privaten Leben Ruheorte und Ruhezeiten uns erkämpfen.

Müller: Eine Frage noch kurz, unsere Zeit ist leider fast um. Nun sind Sie in der Kulturhauptstadt Linz, das ist etwas, was im Prinzip mit Getöse verbunden ist, eine Kulturhauptstadt. Wie gehen Sie vor mit Ihrer Initiative, Ihre Forderung nach Stille, nach Ruhe, wie werden Sie das umsetzen wollen in diesem Jahr?

Androsch: Es geht uns nicht darum, dass etwas stiller wird, wir lieben auch das Getöse. Wir hatten jetzt gerade am 31.12. die Eröffnung, die, ich kann Ihnen versichern, sehr, sehr laut war. Es wird auch laut weitergehen. Es geht uns darum, dass das Leben einer Kulturhauptstadt würdig ist, also bunt und einfarbig, laut und leise, grün und blau, groß und klein, schnell und langsam, also dass es eine vernünftige Verteilung der wunderschönen Dinge, die es im Leben gibt, bei uns und überhaupt in unserer Gesellschaft gibt.

Müller: Sagt Peter Androsch, der Leiter von "Hörstadt", einer Initiative gegen die Zwangsbeschallung, die in Linz im Rahmen der Kulturhauptstadt 2009 stattfindet.

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