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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.08.2012

Kommunikation des christlichen Glaubens

Zehn Thesen zur Mission in einer multireligiösen Welt

Reinhold Bernhardt im Gespräch mit Anne Françoise Weber

Bernhardt: Wenn man eine Botschaft hat,  warum soll man sie für sich behalten?
Bernhardt: Wenn man eine Botschaft hat, warum soll man sie für sich behalten? (Stock.XCHNG / Jonathan Adrianzen)

Der evangelische Theologe Reinhold Bernhardt aus Basel hat Gedanken zum Missionsauftrag an alle Gläubigen formuliert. Er warnt vor absolutem Wahrheitsanspruch, Intoleranz und Proselytismus. Mission solle im Interesse der Menschen stattfinden.

"Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe."

…so lautet der so genannte Missionsbefehl Jesu am Ende des Matthäus-Evangeliums. Ist er heute, in Zeiten der Toleranz und Religionsfreiheit immer noch ein Auftrag an alle Christen? Und wenn ja, wie sollen sie ihn erfüllen? Indem sie Glaubenskurse anbieten? Reinhold Bernhardt, Professor für Systematische Theologie an der Universität Basel, hat zehn Thesen zur Mission in einer multireligiösen Welt formuliert, die vom Evangelischen Missionswerk Basel aufgegriffen wurden. Eine dieser Thesen lautet: "Der Sündenfall in der Mission ist der absolute Wahrheitsanspruch."

Anne Françoise Weber: Ist denn Mission ohne Wahrheitsanspruch überhaupt möglich ist?

Reinhold Bernhardt: Nein, sicher nicht, aber das Problem ist auch nicht der Wahrheitsanspruch, das Problem ist der absolute Wahrheitsanspruch, der Allgemeingültigkeitsanspruch. Ich habe unterschieden in diesen Thesen zwischen einem existenziellen Wahrheitsanspruch und einem rationalen Wahrheitsanspruch. Der rationale Wahrheitsanspruch, der ist verbunden mit Aussagen, die gelten so und nicht anders für alle Menschen - mathematische Wahrheiten zum Beispiel oder Beschreibung von Gegenständen etwa -, während der existenzielle Wahrheitsanspruch, der ist immer gebunden auch an meine eigene Erfahrung, an meine eigene Person, den kann ich gewissermaßen nur im Zeugenstand weitergeben.

Weber: Aber wenn ich nun selbst davon existenziell überzeugt bin, dass, wie es auch im Johannes-Evangelium heißt, Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, dann muss ich doch eigentlich alles daran setzen, alle anderen zu überzeugen, und kann dann nicht mehr besonders tolerant sein.

Bernhardt: Ich muss gar nicht. Ich habe natürlich dann in gewisser Weise einen Impuls in mir, das, was mir wichtig ist, auch anderen, die mir wichtig sind, weiterzugeben, um ihnen nicht etwas vorzuhalten, was für ihr Leben vielleicht von Bedeutung sein könnte. Aber das ist doch etwas anderes als Intoleranz. Die Frage ist doch: Wie gebe ich eine solche Botschaft weiter? Gebe ich sie weiter mit Mitteln eben der Intoleranz, der Indoktrination etwa? Das wäre doch auch ein Widerspruch zum Inhalt der Botschaft.

Weber: Vielleicht ist das Problem dann dieses Wort "Mission". Denn die Missionsgeschichte ist ja nun wirklich nicht nur positiv, ging oft mit Kolonialismus einher. Sollte man nicht diesen Begriff einfach mal an den Nagel hängen und dann vielleicht von "Zeugnis" reden?

Bernhardt: Es gibt da eine alte Weisheit, die sagt, der Missbrauch macht den Gebrauch nicht von vornherein unmöglich. Es ist alles missbrauchbar, Mission ist missbraucht worden, das ist keine Frage. Das ist eine Schuldgeschichte, und trotzdem meine ich, man muss das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Ich sage noch einmal, wenn man eine Botschaft hat, für eine Botschaft steht, die für andere von Bedeutung sein könnte, warum soll man sie für sich behalten aus Rücksichtnahmen, die vielleicht überzogen sind? Die Frage ist, wie man diese Botschaft verkündet, und da gibt es auch sehr viele gelungene Beispiele von Mission, deshalb würde ich nicht von vornherein sagen, man sollte auf diese Bemühungen oder gar auf den Begriff generell verzichten. Mission heißt ja nichts anderes als Sendung.

Weber: Sie sprechen von gelungenen Beispielen, die gibt es sicherlich, trotzdem wollen wir auch nicht alles schön reden. Gibt es auch noch negative Beispiele, gibt es noch psychischen Druck und ist nicht auch die Verknüpfung von Entwicklungshilfe und Mission oft problematisch? Man kann es Leuten ja nicht verdenken, wenn sie hauptsächlich Christen werden, um Nahrungsmittelhilfe zu bekommen oder so.

Bernhardt: Das ist in der Tat so. Das Problem wird gesehen, es gibt jetzt seit einigen Wochen, Monaten eine Vereinbarung zwischen dem ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, dem Vatikan und auch den Freikirchen, die in der Lausanner Bewegung versammelt sind, ein sogenannter Code of Conduct, also Benimmregeln der Missionspraxis, und dort werden solche problematischen Phänomene klar angesprochen, und sie werden nicht toleriert.

Weber: Es gibt ein Problembewusstsein, aber gibt es auch eine Kontrollmöglichkeit, oder weiß man letztendlich doch nicht, was irgendwelche fundamentalistischen Missionsbewegungen irgendwo im afrikanischen Busch machen?

Bernhardt: Ja, das ist in der Tat so. Natürlich, es gibt jetzt keine Oberorganisation gewissermaßen, die all diese Bestrebungen dann überwachen und kontrollieren könnte. Da gibt es sicher viel Missbrauch, da will ich überhaupt nichts schönreden. Ich denke zum Beispiel an eine Missionspraxis, von der mir in Indien erzählt wurde: Dass Menschen, die dazu gebracht werden sollten, einer bestimmten Gemeinde beizutreten, einen Wunsch äußern dürften. Und dann hat ein Bauer gewünscht, dass er eine Ziege bekommt, und über Nacht stand die Ziege dann vor der Tür, und das wurde als großes Wunder Gottes gefeiert, als Anerkennung für die Bekehrung zu Gott, die mit dieser Konversion einhergegangen war. Das nennt man Proselytismus. das sind Dinge, die sind nicht in Ordnung, die muss man anprangern und dem muss man widersprechen, aber das ist eben in diesem Code of Conduct doch deutlich geschehen.

Weber: In einer Ihrer Thesen schreiben Sie: "Immer wieder wird der Christ versuchen, den Geist Gottes in anderen Religionen zu suchen, zu wecken und zu stärken". Ist das aber nicht eine Art Kryptomission, also man versucht dann eben doch die eigenen Ideen in der anderen Religion wiederzufinden. Und läuft man da dann nicht auch Gefahr, die anderen Religionen als verbesserbare Vorstufe eines wahren Christentums zu sehen?

Bernhardt: Das ist eine mögliche Deutung, von der ich mich aber distanzieren würde. Ich habe eben nicht gesagt, die eigenen Ideen dort wiederzufinden, sondern den Geist Gottes wiederzufinden.

Weber: Den interpretieren wir aber ja immer wieder. Wir wissen ja nicht, wie er ist.

Bernhardt: Natürlich, aber wir haben doch einigermaßen gut anwendbare Kriterien, etwa wenn Paulus von der Liebe als dem obersten Kriterium in der Unterscheidung der Geister spricht, dann kann ich doch durchaus fragen: Begegnen mir dort Dinge, die im Sinne der Nächstenliebe sind oder werden dort Menschen etwa ausgebeutet, geknechtet, auch religiös indoktriniert, unterdrückt? Das kann nicht Geist vom Geist Gottes sein.

Weber: Und das, wenn ich ihn nun, also den Geist Gottes, in der anderen Religion finde, dann kann ich den auch als Missionar stehen lassen und kann sagen: Gut, dann ist diese andere Religion ein anderer Weg zu Gott. Sie sprechen ja auch von einer Heilspartnerschaft der Religionen. Was ist da genau gemeint?

Bernhardt: Es ist gemeint, dass dort, wo man wirklich solche Gemeinsamkeiten entdeckt, man auch ein Stück gemeinsamen Wegs gehen kann, ohne dass man die beiden Wege nun vermischt und vermengt, also der Synkretismus-Verdacht ist da immer mit im Spiel, das ist nicht gemeint. Aber wenn Leonardo Boff sagt, wo immer ein Missionar hinkommt, Gott ist schon da, dann ist damit gemeint, dass Gott als Herr der ganzen Schöpfung ja nicht erst dort hingetragen werden muss, sondern man kann doch anknüpfen an die Spuren, die der Geist Gottes, um noch einmal diesen theologischen Begriff zu gebrauchen, hinterlassen hat. Dort kann man doch versuchen zu sehen, wo Religionen schon auf einem Weg sind, der in den Augen der Christinnen und Christen mit dem Weg Jesu konform ist. Was nicht heißt, dass man sie dann noch weiter führen müsste auf dem Weg, was aber heißen kann, dass man sich gegenseitig inspiriert. Wir können ja auch viel lernen von diesen Religionen.

Weber: Haben Sie denn den Eindruck, dass diese Position weit verbreitet ist, auch unter Missionaren, oder haben Sie selbst auch schon viel Kritik für solche Thesen bekommen?

Bernhardt: Ja, natürlich bekomme ich Kritik und bekomme auch Prügel für diese Thesen, aber es gibt eben nicht die eine Missionstheologie. Es gibt Missionstheologien, die sind sehr stark mit einem Absolutheitsanspruch, wie Sie vorhin gesagt haben, verbunden, und da wird man meine Thesen natürlich ablehnen, aber es gibt andere. In der Baseler Mission etwa finde ich da doch einige Personen, die mit mir einig wären. In anderen kirchlichen Missionswerken auch, die durchaus diese Offenheit an den Tag gelegt haben und an den Tag legen. Und es ist in der Missionsgeschichte ja auch so, dass es gerade die Missionare waren, die oft in den Missionsfeldern, wie man damals gesagt hat, ganz interessante, für sie bewegende interreligiöse Erfahrungen gemacht haben, und die damit einen wichtigen Anstoß für den Dialog der Religionen gegeben haben.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.