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Nachspiel | Beitrag vom 16.04.2017

Kommentar zum Anschlag in DortmundFußball als Aufmerksamkeitsgenerator

Von Arno Orzessek

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Der Bus von Borussia Dortmund steht mit einer beschädigten Scheibe in Dortmund (dpa-Bildfunk / Ina Fassbender)
Dortmund: Der BVB-Bus nach dem Attentat (dpa-Bildfunk / Ina Fassbender)

Die Flitzer auf dem Rasen, die Pyromanen auf den Tribünen, die Attentäter in Dortmund: Störer und Gewalttäter nutzen den Fußball seit jeher als Bühne. Gleichwohl fördert auch der Fußball selbst Aggressionen bis hin zu offener Gewalt.

Der Name Osama bin Laden dürfte auch Jüngeren noch etwas sagen. Stichwort 9/11, die Anschläge aufs World Trade Center in New York 2001. Erkennbar schätzte Bin Laden die ganz große Inszenierung. 

Weshalb der Al-Qaida-Boss, als Fan von Arsenal London mit dem Metier bestens vertraut, bereits während der WM '98 in Frankreich einen Anschlag auf das Spiel England-Tunesien geplant hatte. So berichten es die Biografen.

Unter der englischen Ersatzbank sollte eine Bombe explodieren; einige Spieler, darunter David Beckham, sollten auf dem Rasen erschossen werden, die US-amerikanische Mannschaft im Hotel. Es blieb bei den Plänen.

Ob die Attentäter beim Anschlag auf den BVB-Bus Bin Laden im Sinn hatten, sei dahingestellt. Fest steht jedoch, dass der Profi-Fußball als gesamtgesellschaftlicher Aufmerksamkeitsgenerator kaum zu übertreffen ist. Deshalb sind die Fernsehrechte so exaltiert teuer, das Sponsoring so üppig, die Spielergehälter letztlich so hoch.

Robustes Freund-Feind-Denken

Deshalb schätzen aber auch Störer und Gewalttäter den Fußball als Bühne. Die Flitzer auf dem Rasen, die Pyromanen auf den Tribünen, die Bomben-Attentäter am Stade de France 2015 und nun in Dortmund: Sie alle nutzen das Umfeld des Fußballs, um die Wirkung ihrer Aktionen zu optimieren.

Sie sind Trittbrettfahrer. Und Funktionäre wie BVB-Geschäftsführer Watzke streiten zu Recht ab, dass das Fußball-Business dafür die Verantwortung trägt. 

Gleichwohl fördert auch der Fußball selbst Hass und Aggressionen bis hin zu offener Gewalt. Das beginnt bei der Rhetorik. Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern, hat den Spruch zurückgezogen. Aber zunächst hat er nach einem weiteren Sieg des RB Leipzig frohlockt: "Wir haben neben Dortmund einen zweiten Feind, den wir jetzt endlich wieder attackieren können."

Hoeneß lebt sein robustes Freund-Feind-Denken aus, indem er den Konkurrenten die besten Spieler wegkauft. Fans, namentlich Ultras und Fußball-affine Hooligans, können das nicht – wohl aber den Feind mit Fäusten und Wurfgeschossen attackieren.

Die Ausschreitungen von BVB-Anhängern gegen Leipzig-Fans im Februar waren eine direkte Folge der Hetze der Traditionalisten. Der Fußball diente hier weder als Bühne noch als Ventil. Er hatte die Bedingungen zum Gewaltausbruch vielmehr überhaupt erst erschaffen.    

Und die St.-Pauli-Fans, die beim Heimspiel gegen Dynamo Dresden plakatierten "Schon eure Großeltern haben für Dresden gebrannt", werden beim nächsten Auswärtsspiel in Sachsen auch nicht mit ausgeprägter Willkommenskultur rechnen dürfen.

Hunderte Tote säumen Geschichte des Fußballs

Tatsächlich säumen die Geschichte des Fußballs weltweit Hunderte Tote - Fans, Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre. Oft heißt es dann, der Fußball sei halt ein Spiegel der Gesellschaft. Das ist irreführend, denn das Bild suggeriert, der Fußball stünde irgendwie außerhalb.

Dabei steht er, als mächtigster Repräsentant des Sports, mitten im Zentrum der Gesellschaft und als omnipotente Diskurs-Maschine Politik und Kultur in nichts nach. Und wenn, wie bei der WM 2014, die Kanzlerin in der Kabine der Nationalelf auftaucht, weiß jeder, wer da den Glanz verbreitet und wer sich bloß darin sonnt.

Keine Frage, das konkrete Match auf dem grünen Rasen ist nach wie vor der Hauptgrund für die Beliebtheit des Fußballs, der wie jedes Spiel auch der Ablenkung dient. Als Ganzes aber ist der Komplex Fußball längst ein Medium für gesellschaftliche Prozesse aller Art geworden, inklusive übler Auswüchse. Und das heißt wohl: Man wird die Auswüchse nicht los, solange man den Fußball nicht los wird. 


Wilhelm Heitmeyer, Gewalt- und Konfliktforscher an der Universität Bielefeld, versteht Gewalt im Fußball stellt als "Eskalationskontinuum". Im Deutschlandradio Kultur sagte Heitmeyer mit Blick auf den Anschlag auf den BVB-Bus, dass terroristische Angriffe gegen den Fußball eine neue Dimension mit hoher Symbolkraft seien. Denn es solle ja Angst als Machtdemonstration erzeugt werden.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 12.04.2017)

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(Deutschlandradio Kultur, Interview, 11.02.2017)

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