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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.02.2012

Komik mit Tiefgang

Buch der Woche: Jens Sparschuh: "Im Kasten", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, 224 Seiten

Jens Sparschuh, Philosoph, Schriftsteller und ehemaliger Bürgerrechtler  (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Jens Sparschuh, Philosoph, Schriftsteller und ehemaliger Bürgerrechtler (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der Schriftsteller Jens Sparschuh hat sich in seinen Büchern vielfach der deutschen Befindlichkeit gewidmet. Sein aktueller Romanheld glänzt durch Schrulligkeit und unkonventionelle Ideen. "Im Kasten" heißt der Roman und ist für den diesjährigen Leipziger Buchpreis nominiert.

Hannes Felix, die zentrale Figur in Jens Sparschuhs Roman "Im Kasten", ist Mitarbeiter der Firma Neue Optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme, abgekürzt NOAH. Betriebsintern Norberts olle Abfall Halde genannt, lagert das Unternehmen Möbel und sonstiges Wohninventar ein.

Mit anderen Worten: Bei NOAH kann man unter- oder wegstellen, was in der Wohnung unnötig Platz beansprucht. Insofern ist NOAH ein äußerst zeitgemäßes und nützliches Unternehmen. Es schafft Platz und garantiert Ordnung - kümmert sich also sprichwörtlich um das halbe Leben.

Allerdings bringt Ordnungsliebe zunächst Unordnung in das Leben von Hannes Felix. Als ihn seine Frau verlassen will, verkennt er den Ernst der Lage. Während er sich bemüht, die Utensilien in ihrem eilig gepackten Koffer zu ordnen, wird für sie die Trennung besiegelt, als er ihr empfiehlt, eine Inventarliste für den Koffer anzulegen. Wer auf Ordnung hält, lebt am Rande der Einsamkeit.

Zum Glück findet Hannes Erfüllung in seinem Beruf, denn bei NOAH weiß man seine Fähigkeiten durchaus zu schätzen. Keiner hat das Unternehmenskonzept so verinnerlicht wie er: Hannes Felix lebt die Firmenidee und er ist ein Avantgardist, wenn es darum geht, die Idee publik zu machen. Es könnte also alles in bester Ordnung sein und doch dreht Sparschuhs Geschichte immer wieder ins Chaos ab.

Das liegt an dem sympathisch anmutenden, aber in seiner Verstiegenheit zutiefst schrulligen Helden. Im Buch begegnet man ihm gern, nur im Leben würde man ihn eher auf Distanz halten wollen. Hannes Felix ist ein Besessener. Seine "ordentlichen" Ideen sind von teuflischer Natur, obwohl er alles dafür tut, dem Chaos Paroli zu bieten. Er will das Übel an der Wurzel packen. Doch seine Lösungsvorschläge, die logisch und konsequent sind, schießen stets über das Ziel hinaus. Seine Ideen umkreisen einen rationalen Kern, den sie aber stets verfehlen. Das macht das Dilemma dieses Großstadtneurotikers aus.

Sein Vorschlag, die NOAH-Filiale aus der hauptstädtischen Randlage auf den freien Berliner Schlossplatz zu verlegen, hört sich durchaus logisch an. Denn NOAH braucht eine Filiale im Zentrum und Berlin kein Barockschloss. Wichtiger wäre eine dem schwedischen Einrichtungshaus nachempfundene Abstellfiliale, die den Zeitgeist repräsentieren würde. Da der Hauptstädter als Konsument konsumieren soll, wäre NOAH bei der Lagerung der Konsumartikel behilflich. NOAH in hauptstädtischer Zentrumslage leuchtet deshalb ein, aber die Idee besitzt nur Leucht- und keine Durchsetzungskraft.

Sparschuhs Geschichte ist wahnsinnig komisch, aber es ist eine Komik mit Tiefgang. Denn was zur Sprache kommt, hat einen ernsten und äußerst vernünftigen Hintergrund. Sparschuhs Held geht der Ordnung auf den Grund, wobei sich der ganze Wahnsinn des Ordnungsgedankens offenbart.

Wer Hinrich Lobek, Sparschuhs Held aus dem "Zimmerspringbrunnen" ins Herz geschlossen hat, dem wird es mit Hannes Felix nicht anders gehen. Der würde alles dafür tun, dass das Herz durch den Neuzugang nicht in Unordnung gerät.

Besprochen von Michael Opitz

Jens Sparschuh: Im Kasten
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012
224 Seiten, 18,99 Euro.

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