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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.09.2012

Komik der Verzweiflung

Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" am Gorki Theater in Berlin

Von Tobi Müller

Ibsen als Weg der Radikalisierung (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Ibsen als Weg der Radikalisierung (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Der Klassiker Henrik Ibsen scheint sich als zeitgenössischer Krisen-Autor zu eignen. Neben der Berliner Schaubühne zeigt nun das Gorki Theater eine Inszenierung von "Ein Volksfeind". Regisseurin Jorinde Dröse besetzt die männliche Hauptfigur mit einer Frau, die eine ganze Stadt gegen sich aufbringt.

Henrik Ibsens "Ein Volksfeind" hat Konjunktur auf deutschen Bühnen. Das 1883 uraufgeführte Stück über den Badearzt Stockmann, der mit seinen Enthüllungen über die Wasserqualität die vom Tourismus abhängige Stadt gegen sich aufbringt, erscheint vielen Theatermachern als Zeitstück schlechthin. Alles ist Ökonomie, andere Argumente gibt es nicht, und die Wahrheit ist eine Manipulation der Mächtigen, so lautete Ibsens Anklage vor 130 Jahren.

Eine Inszenierung aus Bonn, im Mai zum Theatertreffen in Berlin geladen, hat den kapitalismuskritischen Ibsen-Text sogar auf die Themen Migration und Ostdeutschland hin frisiert. Und auch die Hauptstadtbühnen selbst inszenieren den Klassiker, als sei Ibsen ein zeitgenössischer Krisen-Autor: Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier zeigte seine psychologisch-realistische Sicht auf das Stück Anfang September erstmals in Berlin, im Maxim Gorki Theater besetzt Regisseurin Jorinde Dröse ein paar Wochen später den aufmüpfigen Arzt mit einer Frau und sucht die groteske Komik der Verzweiflung.

Sabine Waibel spielt den Arzt Stockmann, und da Jorinde Dröse sich mehrmals mit Stücken und Romanen beschäftigt hat, die auf den betrieblichen Namen "Frauenstoff" hören, darf man das ruhig als ein Zeichen verstehen. Gerade weil bei Dröse die Frauenstoffe immer auch Männerstoffe sind. Dass die Ärztin Stockmann bei Waibel von Beginn weg flirrt, laviert und sich überschäumend emotional zu ihrem korrupten Bruder und Bürgermeister (Ronald Kukulies) verhält, diese bestimmt bewusste Ambivalenz ist Teil der Hysterie, die in Dröses Inszenierungen stets als solche gemeint ist. Hysterie heißt: ein Symptom der Männerwelt darstellen, die die Frau umgibt. Die Hysterikerin ist jene Figur, die die Anforderungen der Männerwelt viel ernster nimmt als die Männer selbst, sie übertreibt jeweils bis zum Zerrbild.

Die Schauspielerin Waibel und die Regisseurin Dröse zeigen das sehr schön über die zweieinhalb Stunden, mit Ibsen als Weg der Radikalisierung. Sie ist zu schön, zu emotional, zu bestimmend, aber auch zu gründlich, zu zornig und zu stur, zumindest für ihre Umgebung. Nachdem sich die ganze Stadt allmählich von ihr abgewandt hat, spricht Frau Stockmann in der letzten Rede auch Worte von Gudrun Ensslin, der gefallenen Pfarrerstochter und Terroristin der RAF. Selbst ihr Mann und ihre Tochter haben sich von ihr abgewandt, doch Waibel steht standfest an der Rampe und zählt. 10 bis 0. Black.

Der Geschlechtertausch hat aber auch ganz praktische Effekte. Vor allem handfeste Komik: Cornelius Schwalm darf nun die Arztgattin als Klischee eines schlaffen Gatten spielen, eine ängstliche Glucke mit Bart und Hornbrille. Überhaupt wählt der Abend immer wieder die Groteske, um der Verzweiflung im Stück Herr zu werden. Es gibt eine Teppichwelle, über die man stolpern kann und im ersten Akt ein zu großes Sofa, das am Abgrund der Bühnenrampe allerlei Turnereien verlangt, etwa von Ronald Kukulies, der es auch als einfach ekliger Bürgermeister noch schafft, ein bisschen Sympathie zu erheischen.

Berlin hat nun zwei "Volksfeinde", zwei gänzlich verschiedene. Wirtschaftlich mag das wenig Sinn ergeben, wenn man sich die Schulklassen abspenstig macht. Ästhetisch ist der Unterschied aber aufschlussreich. Beide Inszenierungen müssen heftig in das Stück eingreifen und eine eigene Fassung erstellen, um an die Gegenwart heranzukommen. Grotesk und schrill im Maxim Gorki Theater, etwas zarter und genauer in der Schaubühne, wo Ostermeier Ausschnitte aus Stéphane Hessels Manifest "Empört Euch" sprechen lässt. Und trotz aller sicher interessanten Unterschiede fragt man sich am Ende: Ist die Öffentlichkeit, wie sie Ibsen beschreibt, wirklich noch unsere? Hat der Kapitalismus seine Kritiker nicht längst integriert oder versucht es zumindest immer wieder?

Links bei dradio.de:

Ohne Korruption keine Teilhabe <br> Thomas Ostermeier inszeniert Ibsens "Ein Volksfeind"

Maxim Gorki Theater: "Ein Volksfeind"

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Ohne Korruption keine Teilhabe

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