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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.01.2016

König der FavelasVerklärung zum brasilianischen Robin Hood

Von Stefan Osterhaus

Die Favela Rocinha am 02.12.2007 in Rio de Janeiro (Brasilien). Die Favela Rocinha im Süden Rios gilt mit ca. 250.000 Einwohnern als größtes Armenviertel in Lateinamerika. (dpa / Peter Kneffel)
Favela Rocinha in Rio de Janeiro: Hier herrschte der Gangsterboss Nem der Verbrecherorganisation "Amigos dos Amigos" - bis er 2011 ins Gefängnis wanderte. (dpa / Peter Kneffel)

Antonio Francisco Bonfim Lopes, genannt Nem, führte einst die "Amigos dos Amigos" an, die größte Verbrecherorganisation Brasiliens. Heute sitzt er im Gefängnis. Der Journalist Misha Glenny hat seine Lebensgeschichte aufgezeichnet:"Der König der Favelas:Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption"

Nicht einmal 40 Jahre ist er alt, doch in seiner Heimat bereits eine Legende: als geheimnisumwitterter Gangster, den alle Nem nennen. Im Drogenhandel stieg er auf und herrschte über die Favela Rocinha in Rio de Janeiro mit ihren 120.000 Einwohnern. Der mächtigste Drogenboss Brasiliens, der "König der Favelas", wie ihn Misha Glenny nennt, wartet derzeit auf einen Prozess wegen Mordes.

Es ist nicht nur das Portrait eines Schwerkriminellen, sondern auch eines Mannes mit vielen Talenten. In Rocinha kehrte unter ihm jene Ordnung ein, die sich Bewohner eigentlich vom Staat erhoffen. Eine Leibgarde setzte nicht nur die Interessen Nems durch. Sie sorgte auch dort für die Sicherheit, wohin die Polizei kaum einen Fuß setzen will. Er aber erreichte es, die Zahl der Schwerverbrechen dramatisch zu senken.

Aufwendige Recherche in Favela und Gefängnis

Misha Glenny gilt als Experte für das organisierte Verbrechen. Souverän führt er ins Reich der Favela, das er sich selbst mit großem Aufwand erschloss. Für seine Recherche wohnte er einige Monate lang in Rocinha und beobachtete den Alltag der Bewohner. Seinem Protagonisten kam er während langer Interviews im Gefängnis näher. 28 Stunden Material kamen zusammen.

Buchcover von "Der König der Favelas: Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption", von Misha Glenny, Tropen Verlag, Stuttgart (Tropen Verlag Stuttgart)"Der König der Favelas: Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption", von Misha Glenny (Tropen Verlag Stuttgart)Die Nähe, die entstand, wirkt sich ambivalent aus. Glenny ist von Nem derart fasziniert, dass er die Perspektive der Favela-Bewohner einnimmt und ihn als einen Allwissenden beschreibt: einen Mann, der über jeden Vorgang informiert ist und dem deshalb eine geradezu magische Aura angedichtet wird.

Alles wissen zu wollen, das ist für jemanden, der eigene Gesetze etabliert hat, die Voraussetzung, seine Macht zu erhalten. Und solange diese Herrschaft nicht in pure Willkür umschlägt, können diejenigen, die auf Schutz hoffen, darin eine Art von Fürsorge sehen.

Problematische Nähe 

Misha Glenny ist sich der problematischen Position, die er da als Autor einnimmt, durchaus bewusst. Immer wieder versucht er, Distanz zum Drogenboss zu gewinnen. Doch letztlich ist dessen Aura zu stark. So wird der einflussreiche Dealer als eine Art Robin Hood der Favelas überhöht.

Prominente Schwerkriminelle literarisch oder filmisch zu romantisieren, ist nicht neu. Auch Bugsy Siegel und Meyer Lansky, legendäre amerikanische Gangster der 1930er Jahre, wurden verklärt als Männer mit Gewissen und Ganovenehre. Dabei waren sie, wie Nem, vor allem eines: Genies des Verbrechens.

 

Misha Glenny, "Der König der Favelas: Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption", aus dem Englischen von Dieter Fuchs,Tropen Verlag Stuttgart, 2016, 424 Seiten, 22,95 Euro.

Mehr zum Thema

Organisierter Drogenhandel - Der "König der Favelas"
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 25.01.2016)

Misha Glenny über den Drogenboss Nem - "Er hatte irgendetwas Magisches"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 16.01.2016)

Olympia in Brasilien - Rio de Janeiro erfindet sich neu
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 04.08.2015)

Ute Craemer - Was kann Waldorfpädagogik in einer Favela ausrichten?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 05.11.2014)

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