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Religionen / Archiv | Beitrag vom 17.08.2013

Kochen, putzen, beten

Pfarrhaushälterinnen verzichten auf Familie, um einem katholischen Geistlichen zu dienen

Von Stefanie Oswalt

Teller und Besteck: Früher gehörte eine angestellte Haushälterin ganz selbstverständlich ins Haus des Pfarrers. (picture alliance / dpa - Bildagentur-online)
Teller und Besteck: Früher gehörte eine angestellte Haushälterin ganz selbstverständlich ins Haus des Pfarrers. (picture alliance / dpa - Bildagentur-online)

Sie waschen dem Pfarrer die Unterhosen, leben mit ihm unter einem Dach, dürfen aber keine Beziehung mit ihm haben. Ein Traumjob ist das nicht. Der Beruf der Haushälterin im Pfarrhaushalt stirbt aus – und das nicht nur wegen des Priestermangels.

Atmo: Kirchenglocken in Blankenfelde, Pfarrer Busl und Frau Mandel in der Küche, Topfgeklapper

Busl: "Was hast du da Schönes gekocht …"

Mandel: "So was ähnliches wie Sze­ge­di­ner Gu­lasch, das Sauerkraut einfach so untergehoben."

Busl: "Gut, ich nehm' das schon mal mit. Sehr gut."

12 Uhr mittags in Blankenfelde, am südlichen Stadtrand von Berlin.

Busl: "Wir sagen dir Dank, Gott Vater für alle Gaben, die wir aus deiner gütigen Hand empfangen durften, durch Christus unseren Herrn."

Beide: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen."

Morgens, mittags und abends essen Pfarrhaushälterin Gabriele Mandel und Pfarrer Joachim Busl gemeinsam im kleinen Esszimmer des katholischen Pfarrhauses, in dem sie seit 36 Jahren zusammen leben. Sie: Jahrgang 1948, klein, rosig, quirlig. Er: Jahrgang 1940, stattlich, silberne Strähnen im dunklen Haar, verschmitzter Blick. In der Diözese Berlin sind sie die letzten ihrer Spezies – denn heute gibt es kaum noch vollbeschäftigte und im Pfarrhaus lebende Haushälterinnen. In katholischeren Regionen, wie etwa dem Bistum Eichstätt finden sich noch etwa 30, Tendenz sinkend.

Busl: "Dieses Berufsbild ist eigentlich ein geistlicher Beruf, so etwas ähnliches wie ein Ordensleben. Und das zu treffen, diese Entscheidung – ich verzichte auf die Familie, ich verzichte auf einen Partner, ich verzichte auf vieles andere, auch auf ein privates Leben, das kann man kaum heutzutage von jungen Menschen erwarten."

40 Stunden Arbeit die Woche, unbezahlte Überstunden, zahlreiche Ehrenämter, Dienste vor allem an den Feiertagen, ständige Verfügbarkeit – ohne das Gefühl einer Berufung sei der Alltag kaum zu bewältigen, sagt Gabriele Mandel.

Mandl: "Für mich war das völlig klar, dass ich ein eheloses Leben in der Kirche führe. Bloß die Richtung war am Anfang nicht klar."

Nach dem Schulabschluss und dem frühen Tod der Mutter machte sie zunächst eine Ausbildung als Stenotypistin.

Mandl: "Als ich 20 wurde, hab ich überlegt, ein Jahr für Gott zu machen. Das ist so ein Jahr, wo man sich zur Verfügung stellt und einfach arbeitet mit einem ganz geringen Lohn und hatte damals schon überlegt, ob das Ordensleben für mich auch eine Richtung wäre."

Als Haushaltshilfe gelangte sie in das Haus von Kardinal Alfred Bengsch, dem Berliner Bischof. Mandel tippte Predigten und Bücher ab, diskutierte mit Bengsch über Glaubensfragen. Damals habe sich ihr Glaube sehr gefestigt, aber ihr wurde auch klar: Ein Ordensleben wäre nicht das Richtige für sie. 1977 zog sie zu Pfarrer Busl als Haushälterin ins Blankenfelder Pfarrhaus ein – wohlgemerkt zu einem Pfarrer in der Diaspora: In der DDR der 1980er Jahre gab es statistisch gerade einmal fünf Prozent Katholiken.

Gemeinsam haben Busl und Mandel die Wende erlebt: Den Zuzug von Katholiken aus dem Westen. Heute zählt die Gemeinde 1200 Mitglieder, etwa 200 besuchen sonntags regelmäßig die Messe.

Ganz anders und doch in vielem ähnlich: das Leben von Anna Bichler. Aufgewachsen ist die heute 84 Jährige als eines von zehn Kindern eines armen Bauern in der bayerischen, tief katholischen Provinz. Mit 14 schon musste sie das Elternhaus verlassen, um den eigenen Unterhalt zu erwirtschaften. Verzweifelt suchte die bildungshungrige junge Frau nach dem Krieg eine Möglichkeit, ein besseres Leben zu führen als viele in ihrer Umgebung.

Bichler: "Ich war nicht so drauf aus zu heiraten. Die Frauen waren ja richtige Sklaven früher. Ich hab immer gedacht: Ich möchte in ein Haus, ein bisschen geistig, wo ich da was lernen und etwas aufnehmen kann, und religiös war ich sehr interessiert."

Nach entsagungsvollen Jahren als Magd in der Landwirtschaft, hat auch Anna Bichler mit dem Gedanken an ein Leben im Kloster gespielt. Fünf Jahre arbeitete sie im Dienst eines Ordens in einem Schweizer Krankenhaus. Obwohl die Ordensschwestern sie drängten, entschied sie sich gegen den Eintritt ins Kloster.

Bichler: "Ich hab gesagt, das gäbe Schwierigkeiten. Ich kann nicht immer Ja sagen - und das muss man im Kloster ziemlich."

Angriffslustig funkeln die Augen der energischen, grau gelockten Dame durch die Goldrandbrille. Anna Bichler nimmt kein Blatt vor den Mund. Weil aber in Kirchengemeinden gerne getratscht werde, berichtet sie über ihr Leben im Pfarrhaus lieber unter anderem Namen.

1956 kehrte sie aus der Schweiz zurück, pflegte die todkranke Mutter und begann als Pfarrhaushälterin bei einem deutlich älteren Priester zu arbeiten. Diese Stelle verließ sie zugunsten eines jungen Kaplans, der, das war ihr wichtig, gut singen und predigen konnte. Eine schwierige Zeit, auch im Umgang mit dem Zölibat.

Bichler: "Er war sehr wortkarg, und das war am Anfang ungeheuer schlimm für mich. Das hat a Weile gedauert, bis ich mit dem a bisserl warm worden bin. Und vor allem: Ganz große Distanz."

Bis heute kränkt es Bichler, dass der Priester sich im Schlafzimmer geradezu demonstrativ einschloss und manche Leute ausgerechnet ihr unkeusche Absichten unterstellten.

Bichler: "Man wird oft so angesprochen, die glauben, das ist selbstverständlich, dass wir ins Bett gehen alle Tage. Na, habe ich immer gesagt, ich habe ein gutes Gewissen, ich kann Ihnen in die Augen schaun. Ihm wär’s einmal fast wurscht gewesen. Aber da habe ich gesagt: Dann packe ich die Koffer, weil das wollt ich nicht. Das haben wir beide durchgehalten, wirklich."

Ratschläge zum Umgang mit Nähe und Distanz, die ihr damals in Kursen des Bistums für Pfarrhaushälterinnen vermittelt wurden, scheinen ihr noch heute absurd.

Bichler: "Ich bin auch acht Jahre im Auto allein hinten gesessen, das kann man sich nicht mehr vorstellen heut, getrennt – da sind ja viele keinen Schritt miteinander spazieren gegangen, damit man sie nie miteinander sieht. Wenn wir dann diskutiert haben in Fortbildungskursen, dann habe ich immer gesagt: Ach so ein Schmarrn – wenn sie miteinander intim sein wollen, das machen sie ja nicht draußen, das ist doch daheim praktischer."

Das Wechselspiel von Distanz und Nähe und wie man es nach außen demonstriert – auch im Blankenfelder Pfarrhaus ist das ein Thema.

Busl: "''Als ich 1965 Kaplan wurde in Köpenick, da war die Gabriele Mandl in meinem Religionsunterricht, und ich habe natürlich zu den Mädchen damals 'Du' gesagt, wie man das zu Kindern und Jugendlichen als Kaplan tut. Und dabei ist es geblieben, und sie sagt weiterhin 'Sie' zu mir, obwohl man sagen könnte: Die leben ja jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert zusammen.""

Mandl: "Ich würde über ganz persönliche Dinge nicht mit ihm reden. Sachen, die ganz tief in mir sind, da gehe ich zu anderen Leuten, nie zu ihm. Und ich glaube, umgedreht ist es genauso."

Aber Zeit für Zweisamkeit bleibt im Pfarrhaus ohnehin kaum. Wie im Kloster gilt auch hier: Ora et labora – bete und arbeite. Und wie viel Anna Bichler und Gabriele Mandel in ihrem Leben geschuftet haben – besonders bevor es moderne Küchenmaschinen gab –, kann derjenige ermessen, der Gabriele Mandel auf einem Rundgang durch ihr Reich begleitet.

Stolz präsentiert sie die penibel aufgeräumten und geputzten Empfangs- und Wohnräume, die Küche mit den zwei Herden, auf denen sie – etwa in der Kinderwoche - für bis zu 60 Gäste kocht. Die Waschküche, den riesigen Keller mit der Werkstatt und der Vorratskammer – darin Regale voller selbst eingekochter Marmeladen. Nebenan das von der Gemeinde 1996 in Eigenleistung errichtete Gemeindehaus.

Im strömenden Regen führt Frau Mandel durch den großen Garten, wo sie viele Stunden ihres Arbeitstages verbringt: Salate, Kürbisse und vieles andere zieht sie hier, vor allem aber die Blumen für den Kirchenschmuck.

Rhododendren und Flieder, kombiniert mit Feldgräsern und Zweigen – Gabriele Mandels üppiges Blumenarrangement für den Kommunionsgottesdienst am folgenden Sonntag huldigt der göttlichen Schöpfung. Zur Einkehr hält sie sich eigentlich nie in der Kirche auf. Wenn, dann putzt sie oder steckt die Blumen.

Mandel: "Ich kann ganz gut im Garten auch mal still für mich beten, also in der Natur fühle ich mich mit am wohlsten – na, man muss sowieso sehen, wie man das alles unterkriegt, bei mir, dass ich da am Abend noch wer weiß was bete. Ich mach die Augen zu und schlafe. (Lachen.) Lass Herrn Pfarrer beten."

Gabriele Mandel möchte noch einige Jahre für Pfarrer Busl arbeiten. Wenn er in den Ruhestand geht, stehen neue Entscheidungen an: Gehen sie dann getrennte oder gemeinsame Wege?

Anna Bichler zog nach der Pensionierung mit "ihrem" Pfarrer in ein gemeinsam erspartes Haus. Auch das war eine schwierige Zeit, weil der an Demenz erkrankte Priester sich weder von ihr noch von irgendeiner anderen Frau pflegen lassen wollte. Heute lebt sie im Altenheim, umgeben von Tafeln mit Segenssprüchen, die sie schon im Pfarrhaus einst sammelte:

Bichler: "Wo Glaube, da Liebe, wo Liebe, da Friede, wo Friede, da Gott, wo Gott, keine Not."

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