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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.10.2012

Kniefall vor einer Flasche Sojasoße

Der Film "Sushi in Suhl" erzählt die Geschichte des einzigen japanischen Restaurants in der DDR

Uwe Steimle im Gespräch mit Ulrike Timm

Uwe Steimle bei Dreharbeiten zum Film "Sushi in Suhl" (dpa/Martin Schutt)
Uwe Steimle bei Dreharbeiten zum Film "Sushi in Suhl" (dpa/Martin Schutt)

1966 kam Rolf Anschütz als erster und einziger Gastronom in der DDR auf die Idee, ein Sushi-Restaurant aufzumachen. Jetzt kommt die Geschichte mit Uwe Steimle in der Hauptrolle ins Kino. Sie erzählt von Fernost in Suhl, geschmuggelter Sojasoße und lachsrot gefärbtem Karpfen.

Ulrike Timm: Niemand hatte die Absicht, in der DDR ein japanisches Restaurant zu errichten, bloß Rolf Anschütz. Der hatte schon in der Leipziger Fachschule für Hotel- und Gaststättengewerbe eine Prüfung in Japanisch Kochen abgelegt, wahrscheinlich als Einziger, und er wurde dann ziemlich bekannt für exzellente Thüringer Klöße, aber träumte von Sushi, von Stäbchen und japanischer Kultur.

Dass Rolf Anschütz diesen Traum verwirklichte, in Suhl im Thüringer Wald, das erste und das einzige japanische Restaurant in der DDR eröffnete, das ist eine wahre Geschichte, die der Film
"Sushi in Suhl" jetzt erzählt, mit dem Schauspieler und Kabarettisten Uwe Steimle in der Hauptrolle, eben als Koch und Gastronom Rolf Anschütz. Herr Steimle, ich grüße Sie!

Uwe Steimle: Ich grüße Sie!

Timm: Herr Steimle, Ihre Familie kommt ja zumindest zum Teil aus Suhl. Haben Sie im "Waffenschmied" – so hieß das Restaurant –, haben Sie da wirklich mal gegessen?

Steimle: Nein. Der Opa sagte immer, da gähm mir net hie, mir esse Bratwürscht. Also, das war jetzt Thüringisch und wir sprechen im Film aber nicht Thüringisch, sondern versuchen Deutsch.

Timm: Dieser Mann, dieser Rolf Anschütz, wovon hat der genau geträumt?

Steimle: Ich glaube, so wie ich ihm auf der Spur war und auch in den Gesprächen, die ich führen durfte mit lieben Menschen, die ihn umgeben haben, der hat sich gesagt: Wenn ich nicht raus darf aus diesem Land, dann hol ich mir die Welt rein! Und das hat mich begeistert. Also, man könnte es auch fast philosophisch sagen: Auch der Unrechtsstaat DDR konnte der Fantasie keine Grenzen setzen! War dann auch ein bisschen ängstlich, ob ich überhaupt das schaffe, so was zeigen zu können.

Timm: Ich hole mir die Welt hinein, das kann ich verstehen, dass einen das rührt und trifft und begeistert! Sie haben aber versucht, ihn umfassend kennenzulernen mit seinem ganzen Weg, mit diesem japanischen Restaurant. Wie haben Sie das gemacht? Er lebt ja nicht mehr.

Steimle: Ich habe das Glück gehabt, seine rechte Hand, den Rainer Rassbach, der hatte ein schönes Lokal in Erfurt und den habe ich kennengelernt, habe mit ihm gesprochen, habe mir Fingerfertigkeiten abgeguckt und handwerkliches Geschick, damit ich auch Sushirollen vorbereiten konnte. Und irgendwann habe ich ihn mal gefragt, in welcher Beziehung, Herr Rassbach, standen Sie denn zu dem Rolf Anschütz? Und ich werde nie vergessen, dass sich dann in dem Moment seine Augen mit Wasser füllten, und da wusste ich ungefähr, was das für ein Mensch war!

Timm: Ein großer Traum, ein japanisches Restaurant in der DDR. Erst mal ein Traum, wo man wahrscheinlich auch in seiner Umgebung damals als Erstes gedacht hat, der hat ’nen Knall, oder?

Steimle: Ja. Vor allen Dingen, er hat ja aus nichts was gemacht. Und es gab keinen Seetang, also hat er gesagt, dann nehme ich eben … Spinatblätter! Der hat gesagt, ich habe keinen Lachs zur Verfügung, na, dann muss ich eben Karpfen nehmen und den färbe ich ein! Also, dieses "Not macht erfinderisch"!
Timm: Ein japanisches Restaurant in der DDR, offenbar eines richtig mit Weltgeltung, waren ja auch Japaner da!

Steimle: Ja, und er wurde eingeladen in das japanische Kaiserhaus, das muss man sich mal vorstellen!

Timm: Er war also wirklich mal da?

Steimle: Ja! Also, der hat so gut gekocht, dass niemand mehr an ihm vorbeikam! Und da hat das japanische Kaiserhaus gesagt, na, den holen wir uns! Und Achtung, die DDR hat gesagt, hier wird niemand eingeladen, wenn überhaupt wird der Mann delegiert! Also, absurd!

Timm: Gucken wir noch mal auf den Mann in der Provinz, der dann für seine japanischen Kochkünste nach Japan delegiert wurde!

Steimle: Ja.

Timm: Delegiert, damit die Kleiderordnung wieder stimmte, oder?

Steimle: Genau, damit man sich das Heft nicht aus der Hand nehmen lässt. Weil, er war ja nicht in der Partei, er war nicht in der Staatssicherheit, das war ein Tagträumer! Ja, im besten Sinne ver-rückt! Und die DDR wollte ja unbedingt auch Beziehungen haben zu Japan und da war der Mann natürlich hoch willkommen! Außerdem, er hat Valuta hereingeholt für das Land, also auch richtig Westgeld! Ich behaupte trotzdem: Wenn das in der Nähe von Berlin passiert wäre, der wäre nie so weit gekommen. Also, ich fand eben auch großartig, dass, als er in Japan war, war er eingeladen und hat dann irgendwann festgestellt, also, das ist alles viel zu hektisch hier, er hat gesagt, ich fahre lieber wieder in mein Japan nach Thüringen, dort ist es viel schöner!

Timm: Sie beschreiben ihn als Träumer. Inwieweit war Kochen in seinem Restaurant politisch?

Steimle: Er wollte ja, dass in dem Moment, wo die Menschen zusammen sind, wo sie miteinander baden vorher und dann miteinander essen …

Timm: Also baden vor dem Essen, das japanische, …

Steimle: … ja, ja, ja …

Timm: … dass man sich noch mal ordentlich putzt, bevor man reinhaut.

Steimle: Richtig. Es ging ja nicht darum, besonders gut Japanisch zu essen – natürlich, das war auch mit dabei im Fokus –, aber in erster Linie die Kultur kennenzulernen. Und insofern ist auch das wieder ein Film, der ins Heute weist. Weil, die Achtung und den Respekt gegenüber zu bringen den Leuten, die anders sind, das finde ich aller Ehren wert! Der hat ja eben, wie gesagt, die Kultur wollte er nahebringen. Und das Japanische und das Deutsche ähnelt sich schon sehr. Also, Tiefe, Warmherzigkeit, Aufrichtigkeit, Treue, Disziplin, die Sachen auch machen, die man angesagt hat, nicht so viel reden davon, nicht viel Schein, sondern Sein!

Timm: Ist das Ihre Vermutung, warum die Neugier und die Liebe dieses begnadeten Kochs und Gastronomen Rolf Anschütz ausgerechnet Japan galt?

Steimle: Ich könnte mir das vorstellen, dass es damit zu tun hat. Er war in Deutsch-Nahost und wollte nach Deutsch-Fernost, ja.

Timm: Wir sind ein kleines bisschen gehüpft im Gespräch, Herr Steimle, …

Steimle: Oh!

Timm: Sie haben uns zum einen erzählt, er war am Kaiserhof in Japan, und zum anderen, er hat die Algen anfangs, 1966, durch Spinat ersetzt. Da muss es ja eine lange Zeit dazwischen gegeben haben. Ich frage mich, wie ist denn Rolf Anschütz überhaupt an die exotischen Zutaten für die Gerichte gekommen, um wirklich überragend und anerkannt japanisch zu kochen? Bevor er die Devisen hatte und eingeladen war?

Steimle: Anfangs hat er über die diplomatische Botschaft in West-Berlin die Sojasoße in der Zeitung schmuggeln lassen sich, das muss man sich alles mal vorstellen! Da ging ja immer einer rüber, der bekam fünf Mark, in dem Falle West, und dafür hat er die Zeitungen eingekauft, und dann hat er eben eine Flasche Sojasoße mit eingewickelt. Bloß, das reicht ja nicht lange. Es gab ja nicht mal Sojasoße, und es wurde auch als Heiligtum behandelt und wir dürfen das nicht vergessen, wir haben davor gekniet, vor einer Flasche Sojasoße, alle! Und dann hat er irgendwann Devisen bereitgestellt bekommen, und lange bevor man in Düsseldorf auf die Idee kam, Japanisch zu kochen, hat man die Zutaten von Düsseldorf geliefert, dann eben über … ich glaube, über Herleshausen ist der … Er hat sich das selber abgeholt in der Bundesrepublik!

Timm: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" im Gespräch mit Uwe Steimle, der im Film "Sushi in Suhl" den Koch Rolf Anschütz spielt, der das einzige japanische Restaurant der DDR führte. Herr Steimle, wer kam denn überhaupt in dieses Restaurant hin, wer ging da essen?

Steimle: Na, es gingen einmal die Brigaden. Ich weiß noch, ich habe ja gelernt im Stahlwerk, habe also Schmied gelernt. Und ich weiß noch, dass der Brigadeführer gesagt hat, in zwei Jahren sind wir angemeldet und da können wir rein… also, Wartezeit zwei Jahre! Und dann sagte der dann auch noch, da können wir dann deine Frau auch mal nackig sehen, eben im Bad, darum ging’s ja! Die kleinen Träume und Sehnsüchte der Arbeiterklasse, endlich auch mal die Frau vom Nachbarn nackig zu sehen! Ich konnte leider nie dort hin, weil ich dann gleich studiert habe, und insofern war es mir nie vergönnt, in dieses kleine Furo-Bad nackig mit hineinzusteigen.

Timm: Man hat dann auch versucht, den Rolf Anschütz nach Berlin abzuwerben mit seinem erfolgreichen Restaurant. Er hat das nicht gemacht. Wie muss man sich das über die Jahre vorstellen: ein japanisches Restaurant in Suhl?

Steimle: Na, da war alles drin! Es kamen ja sogar die japanischen Botschafter, es kamen Menschen aus der Bundesrepublik, Franz Josef Strauß war da drin!
Timm: Aber er wollte nie nach Berlin damit?

Steimle: Nein, Lob der Provinz! Der hat sich nur in seinem Umkreis, hinter den sieben Bergen in der "Autonomen Gebirgsrepublik Suhl", in seiner Heimat wohlgefühlt! Insofern ist es auch ein richtiger Heimatfilm, im allerbesten Sinne!

Timm: Was hoffen Sie denn? Wird Suhl nach diesem Film "Sushi in Suhl" auf der Besuchsliste von Japanern auf Deutschland-Tour stehen?

Steimle: Ich hoffe, von allen, die mit dem Herzen sehen können! Und ich will auch noch mal sagen: Die Idee im Endeffekt dazu hatte ja Fritz Pleitgen. Denn der als ARD-Korrespondent und dann später WDR-Intendant ist nämlich in die "Autonome Gebirgsrepublik" gefahren und hat einen Dokumentarfilm gemacht, sogar zwei Mal, glaube ich, über Anschütz. Und der war der Initiator. Insofern ist es auch ein gesamtdeutscher Film und er trägt, glaube ich, auch zur Aussöhnung bei. Weil, es kommt in dem Film Gott sei Dank mal nicht Stasi, Stacheldraht und SED-Unrechtssystem vor, sondern ganz normale Menschen, die zu 90 Prozent ganz normal gelebt haben. Und wir erzählen den Film ohne Verklärung!

Timm: Der Rolf Anschütz ist vor vier Jahren gestorben, das Restaurant gibt es schon lange nicht mehr. Gab es einen Punkt, wo er resigniert hat?

Steimle: Ja. In dem Moment, als die Grenze aufging, ist ja klar! Man konnte ja dort für zwei Stunden mal die DDR vergessen im wahrsten Sinne des Wortes und war in einer anderen Welt! Und in dem Moment, wo die Mauer aufgegangen ist, konnten alle in die Welt und musste niemand mehr sich die Welt hereinholen. Und jetzt gibt es ja Sushi an jeder Ecke!

Timm: Uwe Steimle war das, er ist der Koch Rolf Anschütz im Film "Sushi in Suhl", über die Geschichte des einzigen japanischen Restaurants in der DDR, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Herr Steimle, ich danke Ihnen!

Steimle: Ich danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Filmhomepage "Sushi in Suhl"

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