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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.03.2012

Klimawandel? Nein danke!

Kritische Anmerkungen zur Doktrin der "Klimalüge"

Von Vlad Georgescu und Marita Vollborn

Demo gegen geplante Kürzungen bei der Solarförderung in Berlin (picture alliance / dpa - Maurizio Gambarini)
Demo gegen geplante Kürzungen bei der Solarförderung in Berlin (picture alliance / dpa - Maurizio Gambarini)

Es ist ein gefährliches Comeback. Nicht einmal ein Jahr nach der Abschaltung von sieben deutschen Atomreaktoren entdecken Buchverlage und Medien ein neues Thema: Der menschengemachte Klimawandel ist ein Fake.

Ein Auslöser ist das Buch "Die kalte Sonne". Geschrieben haben es Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning – beide arbeiten für den Energiekonzern RWE. Andere Autoren folgten. Mit Hilfe stolzer Werbebudgets boxen die Verlage Bücher dieser Art in die Bestsellerlisten. Und die Medien? Nicht erst seit Thilo Sarrazin stürzen sich viele Redaktionen auf alles, das mit Brachialgewalt dem Mainstream trotzt. Und Buchverlage schüren diesen Trend, weil Provokantes zu Zeiten sinkender Verkaufszahlen satte Gewinne verspricht.

Das publizistische Comeback der Klimawandel-Gegner wäre vernachlässigbar, gäbe es nicht synchron verlaufende energiepolitische Entscheidungen mit schwerwiegenden Folgen. So strich Umweltminister Norbert Röttgen die Solarförderung um bis zu 30 Prozent, den Bau fossiler Kraftwerke dagegen will der Bund fördern. Anstatt sich in Sachen erneuerbare Energien auf Innovationen zu konzentrieren, macht die Bundesregierung einen Salto rückwärts. Eine energiepolitische Katastrophe.

Die Doktrin der "Klimalüge" lässt die technologischen Errungenschaften des Landes erblassen. Denn Kraftfahrzeuge mit Brennstoffzellentechnologie sind schon heute in Serienreife produzierbar. Auch die Versorgung aller Haushalte mit Solarstrom lässt sich bundesweit realisieren - eine Fläche von 3000 Quadratkilometern Sonnenkollektoren reichte aus, um Deutschlands Stromversorgung zu decken. Zusammen mit Windkraftanlagen und Geothermie könnte die gesamte Republik ihre Energie aus regenerativen Quellen gewinnen. Und das ohne Einschränkung von Mobilität und Lebensqualität.

Sind wir demnach zu dumm, diese Chancen zu nutzen?

Die Antwort ist einfach und lautet: ja. Nicht, was das intellektuelle und innovative Potenzial des Landes angeht, denn hier sorgen vor allem staatliche Großforschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Institute, Helmholtz oder Fraunhofer-Gesellschaften für einen international anerkannten Technologievorsprung. Dumm sind wir, weil wir blind sind für die Verflechtungen zwischen Politik und Energiekonzernen. Oder nicht willens, sie zu unterbinden.

Nach wie vor fördert die Bundesregierung Konzerne wie E.on, EnBW und Ölmultis. Die aber verfügen ohnehin über prall gefüllte Forschungskassen. Was sie nicht daran hindert, Staatsgelder zu schlucken, um an der antiquierten Energieversorgung festzuhalten. Den Schaden hat am Ende die Volkswirtschaft: Kleine Unternehmen können innovative Ideen mangels Geld nicht umsetzen.

Autoren, die den Klimawandel leugnen, führen alternative Energien ad absurdum. Wozu sollte der Bund Universitäten und mittelständischen Unternehmen Gelder für regenerative Energien gönnen, da es den Klimawandel doch gar nicht gibt?

Der klimatechnische Rollback ist kein Zufall und befördert den Status Quo. Der Rubel, darf man grenzüberschreitend sagen, rollt trotz leerer Staatskassen weiter, weil am bestehenden Energieversorgungssystem nicht gerüttelt wird.

Aber kann man sich gegen die legalen Tricks der Energieversorger wehren? Man kann, und das Rezept lautet: mehr gelebte Demokratie. Eine Bürgerinitiative "Solar 21" etwa könnte die Politik zum Umdenken bewegen. Mehr Protest, mehr Occupy-Geist für den Alltag – mehr Volkes Wille.

Die politischen Interessen des Landes sind eben nicht deckungsgleich mit den wirtschaftlichen Interessen etwa von RWE oder Exxon Mobil - egal, wie werbewirksam solche Unternehmen medial vertreten sind. Die Interessen des Landes liegen darin, zukünftigen Generationen umweltverträgliche, realisierbare und kostengünstige Energiequellen zu sichern. Im Notfall eben auch ohne die Energie-Dinos vergangener Zeiten.


Marita Vollborn (privat)Marita Vollborn (privat)Marita Vollborn, 1965 geboren, studierte Agronomie an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Journalistik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Sie ist freie Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalistin. Gemeinsam mit Vlad Georgescu leitet Marita Vollborn seit 2001 das international erscheinende Biotech-Webzine LifeGen.de.

Zusammen verfassten sie "Die Joghurt-Lüge. Die unappetitlichen Geschäfte der Lebensmittelindustrie" und "Kein Winter, nirgends. Wie der Klimawandel Deutschland verändert".

Vlad Georgescu (privat)Vlad Georgescu (privat)Vlad Georgescu, 1966 geboren, studierte Chemie an der TU Hannover und Journalistik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Er ist freier Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist und Mitglied der Wissenschaftspressekonferenz (WPK).

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