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Interview / Archiv | Beitrag vom 30.11.2015

Klimakonferenz in Paris"Mammutaufgabe für die Wirtschaft"

Sabine Nallinger im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Rauchwolken über dem Braunkohlekraftwerk Niederaußem in Nordrhein-Westfalen (picture alliance /dpa /Federico Gambarini)
Achtung Klimawandel: Rauchwolken über dem Braunkohlekraftwerk Niederaußem in Nordrhein-Westfalen (picture alliance /dpa /Federico Gambarini)

Zumindest ein Teil der deutschen Unternehmen hat sich vorgenommen, beim Retten des Klimas mitzuhelfen und deshalb die Umweltstiftung 2 Grad gegründet. Stiftungsvorstand Sabine Nallinger spricht von einer Mammutaufgabe für die Wirtschaft.

Sabine Nallinger, ehemals grüne OB-Kandidatin in München und inzwischen Vorstand der Umweltstiftung 2 Grad, ist  zuversichtlich, dass in Paris ein verbindliches Klimaabkommen verabschiedet wird. Paris werde aber nicht das Finale sein, betonte sie im Deutschlandradio Kultur. Die Arbeit gehe erst im kommenden Jahr los, wenn das Abkommen in nationale Strategien überführt werden und die Wirtschaft zum Handeln gebracht werden müsse. Nicht jedes Unternehmen wisse bereits, wo es stehe, sagte sie. Um sich wirklich ein ernsthaftes Bild von der Lage zu machen, müssten alle Prozesse überprüft werden. Für besonders energieintensive Unternehmen gebe es noch gar keine Antworten. Hier seien weitere technische Innovationen notwendig, sagte Nallinger.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

"Zwei Grad – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz" heißt eine Stiftung, deren Vorständin Sabine Nallinger ist. Sie kommt aus Stuttgart aus einer Unternehmerfamilie, hat über zwanzig Jahre bei Umweltverbänden, Planungsreferaten, Ingenieurbüros und den Stadtwerken München gearbeitet und war Quereinsteigern als grüne Politikerin, auch Oberbürgermeisterkandidatin für München. Inzwischen ist sie die Vorstandsfrau bei der Initiative "Zwei Grad" und jetzt am Telefon. Schönen guten Morgen!

Sabine Nallinger: Guten Morgen!

von Billerbeck: "Wir Unternehmer müssen das tun, was wir am besten können, wir müssen Klimaschutz zu einem Geschäftsmodell machen, dafür muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Mit der Unternehmerstiftung 'Zwei Grad' werden wir deshalb die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und der Bevölkerung ausbauen." Das ist so ein Satz von Rüdiger Grube, dem Bahnchef, also dem Chef der Deutschen Bahn. Frau Nallinger, gibt es denn Fortschritte beim Erreichen dieses Ziels? Sie machen das ja erst seit einem Jahr in diesem Vorstand.

Nallinger: Ja, also erst mal ist ja 2015 ein ganz entscheidendes Jahr für den Klimaschutz und deswegen auch ein entscheidendes Jahr für diese Stiftung, ein sehr intensives Jahr für uns. Wir waren im Vorfeld der COP ("Conference of the Parties", Klimakonferenz: Anm. der Redaktion)  eben Anfang November auch mit einer Delegation von CEOs bei der Bundeskanzlerin gewesen und haben ihr unsere Unternehmererklärung, nämlich unsere Dekarbonisierungsinitiative überreicht und damit auch die Initiative gestartet.

von Billerbeck: Das heißt, die Wirtschaft will dafür sorgen, vor allem muss es ja auch die Energiewirtschaft tun, dass weniger Kohlenstoff in die Atmosphäre geblasen wird. Wie machen Sie das denn konkret?

Bis zur Jahrhundertwende müssen 95 Prozent CO2 eingespart werden

Nallinger: Wir machen uns auf den Zwei-Grad-Weg in der Wirtschaft, das heißt, wir haben uns eine richtige Mammutaufgabe vorgenommen: Wir werden versuchen, den Zwei-Grad-Weg einzuschlagen und die Klimaziele, die in Paris erarbeitet werden, eben auf die einzelnen Branchen der Wirtschaft herunter zu brechen.

Man muss sich das so vorstellen, dass wir bis zur Jahrhundertwende eben 95 Prozent der heutigen Kohlendioxidemissionen reduzieren müssen, und wenn man sich das vorstellt, 95 Prozent, dann hat man auch eine Vorstellung, welch großer Transformationsprozess vor uns liegt.

von Billerbeck: Solche Worte höre ich gerne, die hört man auch gerade dieser Tage aus vielen Unternehmen, aber was machen Sie denn konkret in den Unternehmen, die in Ihrer Initiative "Zwei Grad" vereinigt sind oder sich da zusammengeschlossen haben?

Nallinger: Zunächst mal muss man ja eine Grundlage haben, um zu wissen, wo steht man heute und wo möchte man hin.

von Billerbeck: Weiß man das nicht längst?

Nicht jedes Unternehmen weiß derzeit, wo es in Sachen Klimaschutz steht

Nallinger: Nein, nicht jedes Unternehmen weiß, wo es ganz genau steht, und vor allem sind es ja alles international operierende Unternehmen, die bei uns tätig sind. Das heißt, Unternehmen, die auch in verschiedensten Ländern produzieren, wo es wieder unterschiedliche Energiemixe und so weiter gibt.

Um sich wirklich ein ernsthaftes Bild der Lage zu machen, muss man zunächst tatsächlich doch noch mal genau hinschauen, wo die Emissionen anfallen, bei welchen Prozessen, in welchen Ländern und vor allem auch natürlich, wo Klimaanstrengungen am sinnvollsten sind und am wirkungsvollsten, und dies machen wir mit unseren Unternehmen, dass wir die Klima-, also die Emissionsbilanz genau anschauen, dass wir uns dann anschauen, wo können wir denn auch schnell handeln.

Bei dem Prozess wird es natürlich auch darum gehen, dass wir Innovationen brauchen, die es heute noch gar nicht gibt, aber man muss eine Vorstellung haben, wo muss man ansetzen, wo muss man ran, wo kann man heute schon handeln, und wo brauchen wir, in der Tat, auch noch Innovationsanstrengungen und neue Technologien, um den Klimaschutz angehen zu können.

von Billerbeck: Nun wissen wir ja, dass gerade die großen international agierenden Unternehmen auch große Klimaverschmutzer sind – welche Branchen sind es denn, die sich da sehr zurückhalten? Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Nallinger: Na ja, klar ist natürlich, dass energieintensive Unternehmen, und da haben wir ja zum Beispiel mit der Otto-Fuchs-Gruppe jemand, der im Aluminiumbereich tätig ist ...

von Billerbeck: Die brauchen unglaublich viel Strom.

Energiewende: Bleibt Deutschland Vorreiter?

Nallinger: Ja, genau. Und wenn Sie zum Beispiel schauen, Deutschland war und ist vielleicht gerade noch Vorreiter, wenn Sie die Energiewende anschauen, aber wir haben heute auch in Deutschland noch keine Antwort für derartig energieintensive Unternehmen.

Wir können die derzeit noch nicht so, um Klartext zu reden, mit 100 Prozent erneuerbaren Energien versorgen, und da denken wir auch von der Stiftung, müssen wir in Deutschland aufpassen, dass wir, in der Tat, Vorreiter bleiben.

Wenn ich sehe, dass China 2017 allerspätestens einen Emissionshandel einführt und der Wirtschaft dadurch Anreize setzt, dass sie energiearme Produkte produziert, dann bin ich mir da auch nicht mehr so sicher, dass Deutschland auf immer und ewig Vorreiter bleiben wird. Es gilt auch was zu verlieren, weil unsere Unternehmen ... und ich denke, so sollte man Klimaschutz auch sehen, ist auch eine große Chance, auch zukunftsfähige neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln.

von Billerbeck: Die 100.000-Euro-Frage zum Schluss, Frau Nallinger: Wie stehen denn die Chancen, dass es da ein verbindliches Klimaschutzabkommen in Paris gibt?

Nallinger: Ich bin der festen Überzeugung, dass Paris ein verbindliches Abkommen erreichen wird, aber ich möchte auch ganz klar sagen, dass Paris nicht das Finale ist. Paris wird den Rahmen festlegen, und die Arbeit geht aber erst dann ab 2016 los, wenn es darum geht, in nationale Strategien überzuführen und die Wirtschaft dann auch zum Handeln zu bringen.

Wichtig ist, dass wir in Paris aber einen Mechanismus entwickeln, dass wirklich in jedem Land nachgemessen wird alle fünf Jahre, ob denn wirklich der vorgegebene Weg und der eingeschlagene und verbindlich zugesagte Weg auch eingehalten werden wird.

von Billerbeck: Sabine Nallinger war das, Vorständin der Stiftung "Zwei Grad – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz". Ich danke Ihnen!

Nallinger: Ja, sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Unseren Schwerpunkt zur Klimakonferenz in Paris finden Sie hier.

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