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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.12.2011

Klimaexperte hofft noch auf Einigung bei UN-Klimakonferenz

Höhne: Erderwärmung wird über Zwei-Grad-Klimaziel hinausgehen

Niklas Höhne im Gespräch mit Marcus Pindur

Höhne sieht noch Chancen auf eine Verständigung in Durban. (picture alliance / dpa - How Hwee Young)
Höhne sieht noch Chancen auf eine Verständigung in Durban. (picture alliance / dpa - How Hwee Young)

Der Klimaexperte Niklas Höhne hält eine Fortschreibung des Kyoto-Protokolls noch für möglich. Er habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass man sich in Durban auf ein Klimaschutzabkommen einige, das dann nach 2020 gelte.

Marcus Pindur: Viele Spesen, viele klimaschädliche Flugkilometer – und es kommt wahrscheinlich doch nichts dabei raus, bei der Klimakonferenz in Durban: Ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll ist auch heute, am Abschlusstag, nicht in Sicht. Dieses Abkommen zur Reduzierung von Treibhausgasen läuft 2012 aus. Der Wunsch, auch die USA, China und andere zu einem rechtlich verbindlichen Vertrag zu bewegen, der scheint fast aussichtslos. Aus Durban berichtet Werner Eckart.

Wir sprechen jetzt mit dem Direktor für Klimapolitik der Firma Ecofys, einer Beratungsfirma für erneuerbare Energien, mit Niklas Höhne. Guten Morgen, Herr Höhne!

Niklas Höhne: Guten Morgen, Herr Pindur!

Pindur: Also – neues Klimaabkommen ist nicht in Sicht. Wäre es nicht an der Zeit, jetzt pragmatisch ranzugehen und zumindest das Kyoto-Protokoll mit den Staaten, die es unterzeichnet haben, dann zu verlängern?

Höhne: Das ist sicherlich das, was die EU im Hinterkopf noch hat. Es sieht ja so aus, dass das Kyoto-Protokoll eben ausläuft und die EU das einzige Industrieland ist, das es eben noch am Leben erhalten könnte. Es hat das aber an Bedingungen geknüpft, um eben Entwicklungsländer und andere Länder zum Klimaschutz zu bewegen. Ob diese Strategie aufgehen wird, das ist eben noch sehr fraglich.

Pindur: Bundesumweltminister Röttgen sagt, nun ja, wenn wir das Kyoto-Protokoll verlängern, dann sind eigentlich nur 15 Prozent des CO2-Ausstoßes betroffen, das ist einfach zu wenig, um sinnvoll zu sein, und sagt deshalb: Da müssen sich auch noch andere dran beteiligen.

Höhne: Ja, es ist aber auch auf anderer Seite schon wichtig, das Kyoto-Protokoll weiterzuführen, weil es zurzeit eben das einzig rechtlich verbindliche Abkommen ist, und sehr vielen Entwicklungsländern ist das Kyoto-Protokoll deswegen sehr, sehr wichtig, das jetzt eben als Verhandlungsposition zu nehmen, um andere Entwicklungsländer dazu zu bewegen, nach 2020 auch Teil eines solchen Abkommens zu werden. Das war eben die Position von der EU. Wie gesagt, ob das klappt, weiß man nicht, wenn es hier in Durban nicht klappt, dann würde ich schon empfehlen, alleine voranzugehen und unabhängig von einem globalen Abkommen eben den Klimaschutz voranzutreiben.

Pindur: Nach derzeitigem Stand der Dinge und nach Ihrer Ansicht: Welche Folgen hätte es denn für das Klima, wenn die Staaten da jetzt nicht vorankämen?

Höhne: Ja, es ist leider zu beobachten, dass die Vorschläge, die alle Länder gemacht haben bis zum Jahr 2020, wenn man die zusammenrechnet, dass das nicht ausreicht, den Klimawandel auf zwei Grad zu begrenzen. Man hatte sich letztes Jahr darauf geeinigt, dass eben der Klimawandel auf zwei Grad begrenzt werden sollte, und das wird eben nicht reichen. Wir haben ausgerechnet jetzt im Climate Action Tracker, im Projekt, dass der Klimawandel bis zu 3,5 Grad werden wird mit den jetzigen Verpflichtungen, und das ist sicherlich nicht eine Situation, die man gerne haben wollte.

Pindur: Wie groß schätzen Sie denn die Chancen ein, dass es dann für 2020 tatsächlich ein Abkommen gibt, wenn es heute einfach so schlecht aussieht?

Höhne: Also ich würde schon sagen: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass man sich in Durban einigt, ein Klimaschutzabkommen auszuhandeln zu wollen, das dann nach 2020 gilt. Das, würde ich sagen, ist noch möglich. Das Problem ist nur: In 2020 kann es dann zu spät sein, das Zwei-Grad-Ziel noch einzuhalten. Wenn jetzt die Verpflichtungen nicht reichen und man nicht das Ambitionsniveau der Verpflichtungen vor 2020 erhöht, wird es sehr, sehr schwierig werden, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Pindur: Da war auch von dem grünen Klimafonds die Rede, da sollen irgendwann 100 Milliarden Dollar drin sein. Bundesumweltminister Röttgen hat 40 Millionen mitgebracht. Woher soll denn das restliche Geld kommen?

Höhne: Ja, der grüne Klimafonds ist ... spielt auch eine sehr wichtige Rolle in den Verhandlungen. Das ist ja hier ein Geben und Nehmen von Positionen, dass am Ende alle 190 Staaten glücklich sind mit dem, was am Ende rauskommt, und da spielt der grüne Klimafonds eine wichtige Rolle und hier zu zeigen, dass die Industrieländer dabei sind und Entwicklungsländer, zu helfen beim Klimaschutz. Das ist sehr wichtig. Und die Zahl, die hier genannt wird, 100 Milliarden pro Jahr im Jahr 2020, ist wirklich sehr hoch, und das ist eben eins der wichtigten Punkte in Durban, wo das Geld herkommen soll, und eine Möglichkeit wäre eine zusätzliche Steuer auf internationalen Schiffsverkehr oder andere Ideen, die es hier noch gibt.

Pindur: Jedes Jahr eine neue Klimakonferenz ohne Ergebnis dann in den letzten Jahren. Wäre ein größerer Abstand zwischen diesen Gipfeltreffen nicht einfach sinnvoll, damit man sie dann auch so vorbereitet, dass hinterher wirklich was dabei rauskommt?

Höhne: Ja, man muss schon sagen, dass es wirklich sehr schwierig ist in diesen Verhandlungen, dass ... Die Vereinten Nationen funktionieren so, dass wirklich alle Staaten zustimmen müssen, und unter diesen Bedingungen überhaupt Entscheidungen zu fällen, ist sehr, sehr schwierig. Es kann also nur sehr, sehr langsam vorangehen.

Aber dennoch sind diese Konferenzen denke ich sehr, sehr wichtig und erreichen viel, das Thema ist in den Medien, das Thema wird betrachtet, und es treffen sich dort alle Leute, nicht nur die an den Verhandlungen teilnehmen, sondern insgesamt die Klimaschutz betreiben, und insofern sind solche Konferenzen sehr, sehr wichtig. Wenn es jetzt scheitert, ist in der Tat die Frage, ob man sich nicht mit einer kleineren Gruppe von Ländern regelmäßig treffen sollte, die wirklich schnell vorangehen wollen im Klimaschutz, um dadurch eben ein bisschen schneller voranzukommen, als wenn man sich immer mit allen unterhält, wo auch viele dabei sind, die das eigentlich nicht unbedingt wollen.

Pindur: Sie sind nun – mal ganz grundsätzlich über den Klimawandel und seine Ursachen –, Sie sind Vertreter einer Firma, die eben mit erneuerbaren Energien ihr Geld verdient, sie haben also ein völlig legitimes Interesse daran, auch den CO2-Zuwachs und seine Wirkungen möglichst dramatisch aussehen zu lassen.

Jetzt hat aber zum Beispiel das Kernforschungsinstitut CERN in Genf Hinweise darauf, dass die Sonne viel mehr Einfluss auf den Klimawandel hat als bisher angenommen. Liegt es auch daran, dass sozusagen die Dringlichkeit des Problems in den Augen der Politiker etwas nachlässt, und ist es nicht Zeit, sich eben auch für andere eben nicht nur monokausale Erklärungsmodelle für den Klimawandel zu öffnen?

Höhne: Also, gut, wir sind zum Teil eben ein Beratungsunternehmen, das mit erneuerbaren Energien zu tun hat und hier auch berät, wir sind aber auch ... Was für uns wichtig ist, ist eben, neutral zu sein und für alle Bereiche offen zu sein und hier wissenschaftlich zu beraten. Gerade zu dem Thema, was die Ursache ist des Klimawandels, herrscht ein großer Konsens in der Wissenschaft, dass eben ein Großteil durch die menschengemachten CO2-Emissionen und andere Treibhausgasemissionen gemacht werden. Es gibt andere Gründe wie eben zum Beispiel die Sonnenaktivität, aber der Großteil der Wissenschaften sagt eindeutig, dass dies nur ein Teil ist und wirklich das Klima nur geschützt werden kann, indem man eben Treibhausgasemissionen reduziert.

Pindur: Herr Höhne, vielen Dank für das Gespräch!

Höhne: Ich danke Ihnen!

Pindur: Niklas Höhne, Direktor für Klimapolitik der Firma Ecofys.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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