Seit 00:05 Uhr Literatur
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Literatur
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.03.2006

Klima kompakt

Stefan Rahmstorf, Hans-Joachim Schellnhuber: "Klimawandel"

Rezensiert von Susanne Billig

Schellnhuber und Rahmstorf machen transparent, wie Klimaforscher zu ihren Modellen und Prognosen gelangen. (NERSC)
Schellnhuber und Rahmstorf machen transparent, wie Klimaforscher zu ihren Modellen und Prognosen gelangen. (NERSC)

Im September 2005 wütete der Hurrikan "Katrina" über der Stadt New Orleans. Spätestens seit dieser Katastrophe ist der Klimawandel in aller Munde. Doch was ist eigentlich darunter zu verstehen und welche Faktoren sind für das Klima verantwortlich? Ein neues Taschenbuch packt das Thema kompakt und übersichtlich an.

In dem Buch "Klimawandel" in der Reihe "Wissen" des C.H. Beck Verlages melden sich zwei ausgewiesene Fachleute zu Wort: Hans-Joachim Schellnhuber ist Gründer und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam. Stefan Rahmstorf forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und ist Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Auf 144 Seiten geht es einmal quer durch das Fachgebiet, das die Autoren in fünf Abschnitte aufgeteilt haben: Die Klimageschichte der Erde; die derzeitige globale Erwärmung und ihre Ursachen, die Folgen des Klimawandels; die öffentliche Diskussion um den Klimawandel und schließlich die möglichen Lösungswege. Viele ihrer Aussagen und Analysen zum Klimawandel sind bekannt - doch man hat sie selten so kompakt, übersichtlich und kompetent auf so wenig Raum zusammengefasst gefunden.

Am Ende des 20. Jahrhunderts war die Erde so warm wie nie zuvor seit mindestens tausend Jahren. Je nachdem, wie die Zunahme der Treibhausgase in den kommenden Jahren aussehen wird und je nach angewandtem Rechenmodell wird sich die globale Durchschnittstemperatur der Erde wird sich bis zum Jahre 2050 um ein bis vier oder fünf Grad Celsius erhöhen. Trotz der bislang nur geringen globalen Erwärmung um 0,6 Grad Celsius im letzten Jahrhundert lassen sich bereits jetzt viele Auswirkungen beobachten: Die Inlandgletscher, das arktische Meereseis und die Kontinentaleismassen Grönlands und der Antarktis schmelzen ab. Der Permafrostboden der Nordhalbkugel taut auf. Der Meeresspiegel steigt - langsam zwar, aber schneller als erwartet - derzeit um drei Zentimeter pro Jahrzehnt an. Viele Tier- und Pflanzenarten ändern bereits ihr Verbreitungsgebiet - sie beginnen zu wandern.

Alles das ist umweltpolitisch interessierten Zeitgenossen nichts Neues, aber Schellnhuber und Rahmstorf belassen es nicht bei einer Auflistung der Fakten, sondern machen immer auch transparent, wie die Wissenschaftler zu ihren Modellen und Prognosen gelangen. Sie erläutern, mit welchen Unsicherheiten einzelne Methoden behaftet sind, wie präzise dagegen manche Modelle andererseits auch Voraussagen treffen können. Ein Beispiel sind ihre Ausführungen zur so genannten "Klimasensitivität" - die der eigentliche Knackpunkt in der Klimawandel-Debatte ist: Wie sensibel wird das globale Klima tatsächlich auf den Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre reagieren? Denn dass es einen solchen Anstieg gibt, ist unbestritten, aber welche Folgen es im Einzelnen haben wird, lässt sich durchaus kontrovers diskutieren. Hier nehmen sich die Autoren die Zeit, gleich drei Verfahren zu erläutern, die derzeit in der Fachdebatte beim Abschätzen der Klimasensitivität eine Rolle spielen. Fußnoten führen zur einer langen Literaturliste am Ende Buches - man kann das also alles auch in der englischsprachigen Fachliteratur überprüfen.

Interessant ist auch, dass die Klimaforscher in einem so knapp gehaltenen Überblick ein ganzes Kapitel der öffentlichen Diskussion um den Klimawandel widmen, denn hier sehen sie einen wesentlichen Hemmschuh für eine wirksame Klimaschutzpolitik. Sie berichten in diesem Kapitel von so genannten Meta-Studien - also Studien über andere Publikationen. In den USA wurden vor kurzem nach dem Zufallsprinzip eintausend Klima-Fachpublikationen ausgewählt und untersucht: Nicht eine davon bestritt den anthropogenen, also menschengemachten Einfluss auf das Klima.

In der gleichen Zeit entstand eine zweite Metastudie. Sie untersuchte knapp siebenhundert Klima-Artikel in den führenden Tageszeitungen der USA, also New York Times, Washington Post, Los Angeles Times, Wall Street Journal. 53 Prozent der Artikel präsentierten die These, es gebe möglicherweise nur einen natürlichen und gar keinen anthropogenen Klimawandel, als eine ernstzunehmende wissenschaftliche Position, obgleich davon keine Rede sein kann. Solche Artikel suggerieren dem Leser Ausgewogenheit, tatsächlich aber findet hier eine Vernebelung statt. In Deutschland, so sagen die Autoren, gibt es dieses Phänomen nicht so krass. Allerdings tut sich der "Bundesverband Braunkohle" durch eine rege Öffentlichkeitsarbeit gegen durchgreifende Klimaschutzmaßnahmen hervor und präsentiert dabei Experten, die in Wirklichkeit niemand anders sind als PR-Leute ohne wissenschaftlichen Hintergrund.

Die Umwandlung von Kohle in Energie ist die mit Abstand größte Gefahr für das Klima, so sagen die beiden Autoren, und sie plädieren für Maßnahmen, die ebenfalls bekannt sind: eine effizientere Nutzung der bisherigen Energiequellen und den Umstieg auf erneuerbare Energien aus Wind, Wasser, Sonne, Erdwärme und Biomasse. Aber auch eine relativ neue Idee beschreiben die Autoren sehr ausführlich: Die "CO2-Sequestrierung". Dabei soll das Treibhausgas CO2 in den Kraftwerken aufgefangen und sicher deponiert, also von der Atmosphäre "weggesperrt" werden, zum Beispiel unter der Erde. Bislang ist das noch Zukunftsmusik, aber, so sagen die Autoren, hier sollte man weiter forschen. Sie stehen also technischen Maßnahmen durchaus aufgeschlossen gegenüber.

Allerdings sind die beiden Klimaforscher aber auch der Meinung: So lange von politischer Seite nicht hart genug durchgegriffen wird, brauchen wir eine "Koalition der Freiwilligen"; Städtebündnisse, Umweltschutzorganisationen, willige Regierungen und Industrieunternehmen, Bürgerinnen und Bürger sollen je das in ihrer Macht Stehende tun, um Strom zu sparen, den Auto- und Flugverkehr zu mindern und sauberer zu machen, besser und weniger zu heizen und somit den CO2-Ausstoß in die Atmosphäre massiv zu verringern. Ihr Schlussappell lautet also: Wir sollten uns nicht allein der großen Politik anvertrauen, sondern es ist auch unsere Eigeninitiative gefragt.


Stefan Rahmstorf, Hans-Joachim Schellnhuber: Klimawandel
C.H. Beck Verlag,
München 2006
144 Seiten
7,90 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Lyrik lesen im LyriksommerGedichte im Gespräch
John Burnside , aufgenommen am 08.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)

Aktuelle Verse von John Burnside, Elke Erb und Dana Ranga: In der zweiten Ausgabe von "Lyrik lesen" diskutieren Jan Bürger, Gregor Dotzauer und Insa Wilke über die Gedichtbände – und haben jeweils auch einen eigenen Lyrik-Tipp im Gepäck.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur