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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.03.2007

Kleidung mit eingebautem Arzt

ARTE zeigt das Leben in der Zukunft

Von Silke Lahmann-Lammert

Harrison Ford in dem Film "Blade Runner"
Harrison Ford in dem Film "Blade Runner" (AP)

Kritiker schätzen Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" wegen seiner detailgenauen Schilderung der Zukunft. Aber: Wie realistisch sind solche Visionen? Eine Fernseh-Dokumentation geht jetzt der Frage nach, wie unsere Welt von morgen aussieht. Gemeinsam mit Wissenschaftlern entwerfen die Filmemacher ein Szenario des Jahres 2057.

10. November 2057: Alain Dégas ist spät dran. Vor der Tür wartet schon ein Taxi, das ihn zur Arbeit fliegen soll. Als er die Treppe herunter hastet, übersieht er den Putzroboter, der gerade die Stufen poliert. Alain stolpert und stürzt so unglücklich, dass er die Fensterscheibe durchschlägt und auf dem Pflaster landet.

Glück für Alain, dass er heute Morgen seine "intelligente Jacke" angezogen hat. Ein Kleidungsstück, das mit Sensoren und Mikrochips ausgestattet ist, die über seine körperlichen Funktionen wachen. Die Daten senden sie wie ein Handy an die Satelliten im All:

Michio Kaku: "”Sobald Alain die Jacke anzieht, ist er online. Sollte er bewusstlos werden, stellt die Kleidung fest, wo er sich befindet, alarmiert den Rettungswagen und sendet seine komplette Krankengeschichte an die Notaufnahme.""

Solche Sensor-Jacken, glaubt Michio Kaku, Physiker an der City University New York, könnten schon bald Realität sein.

"In Zukunft werden Sie einen Arzt in ihrer Kleidung mitführen."

Schon heute ist es einem Forscher am Georgia Institute of Technology gelungenen, Mikrochips und Drähte unsichtbar in Stoffe einzuweben. Sein Ziel ist es, T-Shirts und Jacken herzustellen, die beim Training Pulsfrequenz und Blutdruck von Leistungssportlern messen.

Zurück ins Jahr 2057: Alarmiert durch den Mikrocomputer im Gewebe seiner Jacke, landet ein Notarztteam neben dem bewusstlosen Alain.

"Patientendaten registriert: Alain Dégas, Blutverlust 35 Prozent."

Das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung ist niederschmetternd:

Arzt: "”Mehrere Brüche, Quetschung der Wirbelsäule, Querschnittslähmung wahrscheinlich.""

Aber für einen Patienten im Jahr 2057 ist diese Diagnose nicht mehr gleichbedeutend mit einem Leben im Rollstuhl. Die Ärztin verabreicht Alain eine Spritze mit Mikrosensoren:

Filmkommentar: "”Seine gelähmten Beine nehmen kleinste Elektroden auf, die sich an die Nervenstränge eines jeden Muskels heften. Dort werden sie aktiv. Rund 150 Elektroden sind nötig, um ein intelligentes Netzwerk in seinem Körper aufzubauen. Über Steuerelemente entlang der Wirbelsäule werden sie drahtlos mit einem Computerchip verbunden, der schon bald in Alains Gehirn implantiert wird. Dann wird der Gelähmte wieder laufen können.""

Im ersten Teil der Dokufiktion "2057 – Die Welt der Zukunft" geht es um den menschlichen Körper. Internationale Forscher stellen medizinische Entwicklungen vor, die heute noch in den Kinderschuhen stecken, in wenigen Jahren aber schon Teil unseres Alltags sein könnten. Diese Leistungsschau aus Wissenschaft und Technik verknüpfen die Filmemacher mit einer Zeitreise ins Jahr 2057. Gemeinsam mit dem 37-jährigen Franzosen Alain Dégas erleben die Zuschauer die Vor- und Nachteile eines durch und durch computerisierten Lebens. Ein wenig unbeholfen holpert die fiktionale Handlung den Statements der Forscher hinterher. Auf der Dokumentationsebene geht es um künstliche Organe und prompt entdeckt die Ärztin in Alains Brust ...

Ärztin: "... ein Kunstherz! Sieht aus als wär’s beschädigt. Risse in der Energiezelle. Er braucht ein neues Herz. Wie ist er versichert? Platin. Glück gehabt."

Wäre Alain arm und mittellos, müsste er noch mindestens drei Jahre mit seiner beschädigten Pumpe über die Runden kommen. Aber der Franzose gehört zu den Patienten, die eine exzellente Versorgung genießen, weil sie fast die Hälfte ihres Einkommens für ihre Krankenversicherung ausgeben. Binnen weniger Tage soll er ein nagelneues Herz bekommen. Zunächst muss das Organ allerdings aus körpereigenen Zellen gezüchtet werden.

Und damit mäandern wir zurück ins Jahr 2007. In Aachen kultiviert Stefan Jockenhövel menschliches Gewebe. Komplette Organe kann der Mediziner noch nicht herstellen, aber Teile davon. Zum Beispiel Herzklappen: Jockenhövel gießt er ein Gemisch aus Herzzellen und Proteinen in eine für maßgeschneiderte Form. "Tissue Engineering" nennt sich das Verfahren, das mechanische Ersatzteile durch körpereigenes Material ersetzen soll.

Jockenhövel: "Zellen sind von natur aus faul. Entsprechend ist es wichtig, nicht nur diese Klappen zu züchten und zu gießen, sondern sie wirklich auch zu trainieren. Ähnlich einem Fitnessstudio – so dass die Zellen das tun, was sie tun sollen."

Zehn Jahre – glaubt Jockenhövel – wird es noch dauern, bis seine Herzklappen erstmals im Körper eines Menschen schlagen. Lebendige Ersatzteile. Gezüchtet auf Bestellung.

Spannend und leicht verständlich präsentiert der Dreiteiler den jüngsten Stand der Forschungen und prognostiziert, wie die wissenschaftlichen Entwicklungen das Leben der Menschen von morgen verändern.

Die zweite Folge nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise durch die vollautomatisierte Stadt der Zukunft. In Teil drei führt die Expedition sogar bis in den Weltraum.
Ihre Vision des Jahres 2057 malt die Dokumentation im ungebremsten Optimismus eines Werbespots aus. Das liegt zum einen an der bunten Optik der computeranimierten Bilder, zum anderen am Jubelton des Kommentators:

"Wir haben eine spannende Reise vor uns. Bereiten Sie sich vor! Auf das Abenteuer Zukunft!"

Klimakatastrophe und Vergreisung der Gesellschaft scheinen im Jahr 2057 keine Rolle zu spielen. Wenn ARTE und ZDF recht behalten, streben wir einer rosigen Zukunft entgegen. Zumindest, wenn wir zu denen gehören, die sich die Segnungen des technologischen Fortschritts leisten können.