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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2014

KirgistanBlumen der Freiheit

Zentralasien, die Frauen und der Islam bei der Berlinale

Von Robert Brammer

Kirgisische Frauen (©Leuze)
Die Frauen von Karek (©Leuze)

Etwa 50 Millionen Menschen leben in den fünf Staaten Zentralasiens. Zahlreiche Filme vermitteln auf der Berlinale Einblicke in unbekanntes Terrain und geben dieser Region ein Gesicht.

Am Ufer eines der größten Gebirgsseen der Welt, dem Issyk Kul, liegt das kirgisische Dorf Barskoon. 1998 stürzt ein mit Zyanid beladener LKW in den Fluss des Dorfes. Damals sterben viele Menschen, mehrere Hundert Dorfbewohner erkranken. Mit Zyanid wird in der nahegelegenen Kumtor-Mine Gold abgebaut. Zehn Frauen gründen eine kleine Umweltorganisation, verklagen die kanadischen Minenbetreiber auf Entschädigung und beteiligen sich später am Sturz der korrupten Regierung Kirgistans.

In ihrem Dokumentarfilm "Flowers of Freedom" erzählt die Kölner Regisseurin Mirjam Leuze die Geschichte dieser Frauen:

"Ich bin das erste Mal 2007 dort hingefahren, alleine, mit einer kleinen Kamera. Und die Frauen dort haben mich von Anfang an so ein bisschen als eine Kollegin oder als eine Komplizin in ihrer Runde aufgenommen. Vielleicht weil sie dachten, die ist genauso wahnsinnig wie wir. Die hat kein Geld. Die fährt da so einfach allein zu uns nach Kirgistan. Die spricht kirgisisch. Macht alleine Kamera und will einen Kinofilm drehen. Das haben sie mir auch so gesagt: 'Das ist ja ein ganz schön großes Vorhaben. Alle Achtung.' Und die setzen natürlich auch große Hoffnungen darin, dass ihr Anliegen publik wird. Und sie haben mir 2008 bei einem Dreh gesagt: 'Wir sitzen hier in unserem Dorf Barskoon. Es gibt hier kein Internet. Wir haben hier keine Möglichkeit, die englischsprachige Welt zu erreichen, weil wir kein Englisch sprechen. Wir erreichen niemand und wir hoffen, dass durch dich auch eine Botschaft von uns in die Welt geht.'"

Die Goldmine liegt inmitten von Quellen und Flüssen. Bis heute entsorgt die kanadische Minengesellschaft Kumtor hier illegal ihren Giftmüll. In ihrer sehenswerten Langzeitbeobachtung schildert Mirjam Leuze den weiblichen Alltag zwischen Haushalt, Schafszucht, Islam und Politik:

"Das ist eine ganz interessante Mischung an Frauen. Es sind alle Frauen im mittleren Alter, es sind Frauen, die teilweise auch ohne Mann in dem Dorf Barskoon leben, entweder weil der Mann gestorben ist oder weil sie verlassen wurden. Oder weil sie entführt wurden von ihrem Mann und dann wieder selber abgehauen sind. Also es sind alle Frauen, würde ich sagen, die ein Stückchen am Rande der Gesellschaft stehen, die vielleicht auch gar nicht mehr soviel zu verlieren haben. Und die einfach auch keine Männer hatten, die ihnen verbieten konnten, so was zu machen."

Kirgisin fotografiert in ihrer Heimat. (©Leuze )Erkingul fotografiert in der Nähe der Goldmine. (©Leuze )

Seit 1998 besucht Mirjam Leuze immer wieder ihre Protagonistinnen, beschreibt, wie aus einer Umweltaktivistin eine Parlamentsabgeordnete wird, und erinnert daran, dass Kirgistan nach der Revolution im April 2010 mit 80 zugelassenen Parteien zur ersten und bislang einzigen parlamentarischen Demokratie in Zentralasien wurde:

"Politische Analysten hier im Westen sagen, das war keine Revolution, sondern das war ein Systemzusammenbruch. Aber ich finde, dass ist ein sehr bewegtes Land, dass immer wieder versucht auf die Beine zu kommen.

Schweigen in Usbekistan  

Dass der Islam bis heute der beherrschende Glaube in Mittelasien geblieben ist, davon erzählt die junge usbekische Regisseurin Saodat Ismailova, in ihrem bildmächtigen Spielfilmdebüt "Chilla - 40 Tage Schweigen". Ein junges Mädchen, unterwegs in einer winterlichen Schneelandschaft, zieht sich in das Haus ihrer Großmutter zurück, um ein traditionelles vierzigtägiges Schweigegelübde abzulegen. Frauen aus vier Generationen wohnen gemeinsam in diesem Haus, in einem abgelegenen Bergdorf und in völliger Abwesenheit von Männern, die indirekt aber immer gegenwärtig sind.

Der Grund für das Schweigen, das sich die junge Usbekin auferlegt hat, bleibt verschwommen und schemenhaft, so wie der Nebel, der durch die Täler zieht: Ist es eine Kränkung durch einen Mann oder eine ungewollte Schwangerschaft?  Zwischen der kargen Landschaft und bunten, farbintensiven Innenräumen, eingefangen in langen Einstellungen und klaren Bildern, schildert der Film, wie die junge Frau an den strikten Regeln des Schweigeritus zerbricht. Vieles deutet die usbekische Regisseurin nur an. Aber gerade das macht die Stärke ihres Films aus.

Waisen in Kasachstan

Ebenso beeindruckend "Nagima": Ein Film, fast eine archaische Tragödie, gedreht von der talentierten kasachischen Regisseurin Zhanna Issabayeva, der einzigen ihres Landes. Sie erzählt vom entbehrungsreichen Leben einer jungen Küchenhilfe in einem männlich dominierten Alltag und erinnert ästhetisch an das aktuelle rumänische Kino. Mit einer minimalistischen Erzähltechnik fokussiert sie die Schicksale ihrer Protagonistinnen. Und diese Schicksale im postsozialistischen Kasachstan handeln von Einsamkeit und dem Gefühl, verstoßen zu sein.

Nagima ist ‒ so wie auch die drei weiblichen Hauptdarstellerinnen des Films ‒ in einem Waisenhaus aufgewachsen. Wenn die Waisen im Alter von 18 Jahren entlassen werden, erfahren sie, so ist es in Kasachstan üblich, wer ihre leiblichen Eltern waren oder sind. Und viele machen sich auf, sie zu suchen, um dann wie Nagima oft ein zweites Mal verstoßen zu werden. Das schockierende Finale dieses Films geht einem lange nicht aus dem Kopf.

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