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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 05.07.2009

Kirchenzucht und Partyfieber

Eine Sendung zum 500. Geburtstag Johannes Calvins

Von Pfarrerom Barbara Manterfeld-Wormit, Berlin

Ein Besucher steht vor dem Plakat zur Calvinismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. (AP)
Ein Besucher steht vor dem Plakat zur Calvinismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. (AP)

Pünktlich zum 500. Geburtstag des berühmten Genfer Reformators türmen sich Bücher, Kaffeetassen, Kugelschreiber und Weinflaschen mit dem Konterfei Calvins auf kirchlichen Verkaufstischen. Dabei war der nachweislich kein Freund des Alkohols. Was verbirgt sich hinter dem gestrengen Mann mit der schwarzen Kappe, der fest an eine gesellschaftliche Erneuerung durch das Evangelium glaubte?

"Eigentlich hätte ich Calvinist werden sollen!" – sagt Karl Lagerfeld, weltberühmter Modedesigner, der eine gefeierte Kollektion nach der anderen entwirft. Was bewegt einen Milliardär zu einem solchen Bekenntnis, der Kirchen zwar als Bauwerke schätzt, nicht aber als Orte der eigenen religiösen Betätigung?
Karl Lagerfeld ist gebürtiger Hamburger. Er raucht nicht und trinkt nicht. Er arbeitet hart und diszipliniert - und erfolgreich. Sein persönliches Markenzeichen: dunkle Sonnenbrille, weißgepuderter Pferdeschwanz und schwarzer Anzug mit weißem Stehkragen. Sein genaues Alter verschweigt er.
Johannes Calvin wurde am 10. Juli 1509 im nordfranzösischen Noyon geboren. Spätere Darstellungen zeigen ihn als strengen Asketen im Gelehrtenmantel – sein Markenzeichen: die lederne, schwarze Gelehrtenkappe, unter der Haare und Ohren völlig verschwinden. Er arbeitet Tag und Nacht als Prediger und Gelehrter und gehört neben Luther und Zwingli zu den berühmtesten Köpfen der Reformation. Er predigt, dass Gottes Erwählung an einem fleißigen und erfolgreichen Erwerbsleben ablesbar sei. Er wettert gegen Glücksspiel und zügellosen Alkoholgenuss. In diesen Tagen jährt sich sein Geburtstag zum 500. Mal.
Was für ein Mensch war Johannes Calvin? Was ist dran an vielen Vorurteilen und Gerüchten, die über ihn bis heute kursieren? Wenn Karl Lagerfeld in einer Talkshow scherzhaft sagt, er hätte Calvinist werden sollen, was meint er damit? Was heißt calvinistisch? Streng, asketisch, strebsam und erfolgreich? Und wie wäre Calvin dann heute zumute, wenn er bei seinen eigenen Geburtstagsfeierlichkeiten dabei sein könnte, die Kirchen rund um den Globus für ihn veranstalten?
Zu einer Geburtstagsfeier erklingt Musik – und so wird uns durch diese Sendung Musik aus dem Genfer Psalter begleiten – ein Geschenk Calvins an die Nachwelt und Kernstück reformierter Gottesdienste bis heute. Wir hören zu Beginn den 1. Psalm in der Muttersprache Calvins auf Französisch.

Calvin wurde nicht als streitbarer und zuweilen unerbittlicher Kämpfer für den rechten reformatorischen Glauben geboren. Schon sein ursprünglicher Name klingt weicher als das harte "Joannis Calvinus", das sich der Gelehrte später der akademischen Gepflogenheit entsprechend selbst zulegte. Das Kind, das am 5. Juli 1509 das Licht der Welt erblickt und noch am selben Tag eilig vom Vater in die nur wenige Meter entfernte Kirche zum Empfang der Heiligen Taufe getragen wird, erhält den Namen Jean - Jean Cauvin.
Der Vater, Gérard Cauvin, arbeitet als Notar für Bischof und Domkapitel. Jeanne Le Franc, die Mutter des kleinen Jean, wird als hübsche und sehr fromme Frau beschrieben. Nur kurze Zeit durfte sie ihren Zweitältesten aufwachsen sehen. Als sie starb, war Jean gerade einmal fünf Jahre alt. Viele Jahre später wird er in seinem "Genfer Katechismus" schreiben:

"dass Gott, je mehr er jemanden liebt, ihn auch um so schneller aus dem Leben herausnimmt."1

Aus dem kleinen Jean Cauvin wird Joannis Calvinus, ein gelehriger Lateinschüler und später Student an einer Pariser Universität, an der die Dozenten zuweilen die Peitsche schwingen. Spätere berühmte Gelehrte wie der Humanist Erasmus von Rotterdam haben hier ganz klein angefangen. Erasmus berichtet später:



"Die Betten waren so hart, das Essen so schlecht, die Nachtarbeit und das Studieren so beschwerlich, dass viele junge Leute gleich im ersten Jahr ihres Kolleg-Aufenthaltes krummbeinig, blind oder aussätzig wurden, wenn sie nicht starben...Oh, wie viele verdorbene Eier habe ich dort gegessen!"2

Vergnügt und unbeschwert dürften die Lehr- und Studienjahre Calvins wohl kaum gewesen sein. Er ist kein fauler Student. Eifrig lernt er – oft bis spät in die Nacht hinein: Philosophie – alte Sprachen. Alles scheint auf eine Theologenlaufbahn hinzudeuten – da ändert der Vater plötzlich seine Pläne und drängt ihn zur Juristerei. Calvin ist ein gehorsamer Sohn.
Doch nach dem Tod des Vaters schwenkt er wieder um - dahin, wo sein Herz ganz offensichtlich schlägt: zur Theologie.
Wann und wie genau die reformatorische Erkenntnis Raum in Kopf und Herz Calvins fand, ist unbekannt. Lange, so schreibt er, habe er den Neuerungen, die Jahre zuvor von einem kleinen Mönch in Wittenberg, von Martin Luther, losgetreten wurden, widerstanden – aus Ehrfurcht vor der Kirche - der Kirche in ihrer althergebrachten Gestalt. Im Jahr 1533 – Calvin ist 24 Jahre alt – ist es so weit: Er lässt sich mitreißen vom Strudel der Reformation, die ihn fortan umtreiben wird und deretwegen man ihn alsbald aus dem heimatlichen Frankreich vertreiben wird.

"Als sich mein Geist nun zu ernsthafter Aufmerksamkeit bereit fand, da merkte ich erst, wie wenn mir jemand plötzlich ein Licht aufgesteckt hätte, in was für einen Sumpf von Irrtümern ich mich gewälzt hatte...tief bestürzt über die Erkenntnis des Elends, in das ich gefallen war, hielt ich nichts für dringlicher, als über meine bisherige Lebensführung den Stab zu brechen und mich auf den von Gott vorgesehenen Lebensweg zu verpflichten."3

Im Jahr 1533 erfährt Calvins Leben eine entscheidende Wende: Der neu berufene Rektor der Universität, Nikolaus Kop, hatte in seiner Antrittsrede die lutherische Lehre als rechtgläubig dargestellt – die Wellen der Empörung schlagen hoch. Kop und seine Freunde, darunter auch Calvin, fliehen aus Paris. Im Oktober 1534 erfolgt ein Dekret des Königs, dass die Verfolgung aller Evangelischen anordnet.
Calvin gelangt über Straßburg nach Basel, wo er – selbst noch ohne jede praktische Erfahrung im Pfarramt - seine Lehre von der Kirche zu entfalten beginnt. Sein theologisches Hauptwerk entsteht, das er in den kommenden Jahren immer weiter entwickeln wird: die "Institiutio", eine Unterweisung in der christlichen Religion. Quasi auf der Durchreise wird Calvin wenig später in Genf abgeworben. Die Stadt wird durch ihn zu einem Zentrum der Reformation. Hier baut er gegen zahlreiche Widerstände ununterbrochen weiter an seiner Vision von Kirche und christlicher Gemeinde. Heimisch wird er dort nie.

Ordnung muss sein – auch in der Kirche. Wer glaubt, die Reformation löse das Regiment der katholischen Kirche durch allgemeine Freizügigkeit ab, der hat sich in Calvin mächtig getäuscht: Was in der "Institutio" in der Theorie angelegt ist, in Genf setzt Calvin es in die Praxis um. Vier Ämter sollen für Zucht und Ordnung in Kirche und Staat sorgen. Pastoren verwalten Wort und Sakrament. Die so genannten Doktoren sind für die kirchliche Unterweisung der Gläubigen zuständig. Diakone sorgen für Arme und Bedürftige, Presbyter für die Einhaltung christlicher Lebensregeln. Sie üben Calvins berühmt-berüchtigte Kirchenzucht und nehmen die Lebensführung jedes einzelnen Christen in den Blick. Die Latte liegt hoch: Nicht nur Unzucht, Diebstahl, Mord stehen unter Strafe, auch Tanz und Ausschweifungen jeder Art, Geiz, Liederlichkeit werden gemaßregelt. Ein Großteil der selbstbewussten Genfer Bürger ist nicht gerade begeistert - und bis heute steht Calvin mit seiner Einführung der Kirchenzucht als Ausdruck von Lebensfeindlichkeit und autoritärer Fremdkontrolle bei manchem in der Kritik.
Zu Unrecht, meint Pfarrer Dr. Bernd Krebs von der kleinen reformierten Bethlehemsgemeinde in Berlin-Neukölln:


Dr. Bernd Krebs:
"Calvin hat ja im Grunde genommen seine Form des Kircheseins niemand anderem vorgeschrieben... Wenn das Wort Gottes und wenn Christus gepredigt wird, dann reicht das. Was er nachfragen würde ist, wie ist das eigentlich mit eurer Praxis? Wie folgt ihr dem, was ihr am Sonntag in der Predigt miteinander bedenkt, was ihr in der Bibel lest, im Alltag? Dass Menschen im Glauben und in der Lebensform, in der sie täglich vor vielen Problemen stehen, Begleitung brauchen, dass ist ja der Sinn des Christseins in einer Gemeinde. Man würde das heute nennen, was Calvin organisiert hat: Mediation, also Konfliktentschärfung in der Nachbarschaft, Begleitung von Problemfamilien, Hilfe in der Not, Überleitung in einen langen Prozess der Hilfe zur Selbsthilfe..."

Ebenso bis heute umstritten ist - neben der so genannten Kirchenzucht - Calvins Lehre von der Prädestination, von der Vorherbestimmung: Gott hat demnach längst schon beschlossen, wer zum Heil erwählt und wer verworfen ist. Der Glaube bestätigt lediglich diese Erwählung.
Calvin war diese Lehre wichtig, auch wenn er sie in seinem Genfer Katechismus, einer Art Handbuch des Glaubens für Anfänger, nicht einmal erwähnt. Die Prädestinationslehre betont, dass der Mensch ganz auf Gott geworfen ist. Nur aus Gottes freier Gnade kann er wirklich frei leben. Was das für Christen heute bedeuten kann, erklärt der reformierte Berliner Pfarrer Bernd Krebs:

Dr. Bernd Krebs:
"Wenn alles bei Gott beschlossen ist, liegt auf mir keine Last. Ich kann leben, so wie es Gott mir vorgibt in den Geboten, und kann das gestalten, was mir dann in den Aufgaben meines Berufes vor die Füße kommt, was mir als Aufgaben auf die Schultern gelegt wird."

Es war und ist ein Bestseller unter den Büchern. Die Hauptfigur ein junger Held mit magischen Kräften: Harry Potter, der Zauberlehrling. Schöpferin dieser Romanfigur ist die Erfolgsautorin Joanne Rowling, Mitglied der Church of Scotland. Eine moderne Frau - geprägt vom Calvinismus. Als sie über Nacht berühmt wurde und massenhaft als Hexen und Zauberer verkleidete Kinder die Buchläden stürmten, rief das erzürnte Kirchenvertreter auf den Plan.
Calvin hätte vermutlich in die Schmähreden mit eingestimmt: Ganz Kind seiner Zeit kämpft er wie viele seiner Glaubensbrüder gegen Zauberei und Hexerei – mit großer Unerbittlichkeit und Härte. Als in Genf die Pest wütet, beteiligt er sich an der verzweifelten Suche nach einem Schuldigen und gießt wie viele andere noch Öl in das Feuer der Scheiterhaufen, auf dem man die vermeintlichen Hexen verbrennt.
Auch kirchenpolitische Gegner hatten unter Calvin zu leiden: zum Beispiel ein spanischer Mediziner namens Michael Servet, der öffentlich gegen die Trinitätslehre zu Felde zieht. Als er eines Tages in Genf in einem Gottesdienst erscheint, den Calvin hält, denunziert ihn der Reformator. Servet soll als Ketzer hingerichtet werden.
Calvin besucht den Verurteilten in der Zelle, versucht ihn von seinen Lehren abzubringen. Vergeblich. Dann überlässt er ihn seinem Schicksal. Das einzige, was Calvin für den zum Tode Verurteilten tut, ist, dass er versucht, das grausame Urteil "Scheiterhaufen" in das vermeintlich mildere "Tod durch das Schwert" umzuwandeln. Umsonst. Servet brennt auf dem Scheiterhaufen.

Johannes Calvin bleibt Menschen heute in vielerlei Hinsicht fremd, bei allem Bemühen und trotz aller Würdigungen und Feierlichkeiten seitens der reformierten Kirchen. Kein Wunder, bleibt es doch ein Widerspruch in sich, einen Theologen mit Fernsehgottesdiensten zu würdigen, der selbst ein strenger Verfechter des Bilderverbots in reformierten Gotteshäusern blieb. Anders als der Wittenberger Reformator Martin Luther, der bei aller Härte und Strenge gegen Andersgläubige nie den Geschmack am irdischen Leben und seinen Freuden verlor, bleibt Calvin als strenger Asket im Gedächtnis. Calvin-Bier und Calvin Schokolade als PR-Gag in seinem Geburtstagsjahr mögen dazu nicht so recht passen. Auch war das private Leben Calvins nicht so glücklich wie das seines Vorreiters aus Wittenberg. Martin Luther galt ja nicht nur als großer Reformator, sondern auch als glücklicher Ehemann und machte als stolzer Familienvater von sich reden. Calvin heiratet spät für die damalige Zeit - mit 31 Jahren - Idelette de Bure. Zwei Jahre später bekommt das Paar einen Sohn. Doch das Kind stirbt nur wenige Tage nach der Geburt. Idelette erholt sich nicht von diesem Schlag. 1549 nach knapp 9 Ehejahren stirbt auch sie. Die restlichen 15 Jahre seines Lebens verbringt Calvin als Witwer.

Still ist es im Hause Calvins dennoch nicht gewesen. Unzählige Glaubensflüchtlinge – vornehmlich aus Frankreich – fanden unter seinem Genfer Dach Zuflucht.
Eine Tradition, die – neben der strengen Schlichtheit der Gottesdienste, der besonderen Bedeutung des Psalmgesanges und der Vielfalt des Bekenntnisses - bis heute zum besonderen Erbe reformierter calvinistischer Gemeinden gehört. Pfarrer Bernd Krebs:

Pfarrer Bernd Krebs:
"Und da fand ich`s dann – und Calvin hätte das gefallen – vor einigen Jahren wunderbar, eine kleine Gruppe iranischer Christen im Exil kam zu uns und fragte, ob sie bei uns in unseren Räumen Gottesdienst feiern kann und da hat einer der Presbyter gesagt: Meine Vorfahren sind Flüchtlinge gewesen aus Böhmen und sind hier aufgenommen worden, und es ist ganz selbstverständlich, dass wir diesen Flüchtlingen hier in unserem Haus Asyl geben. Da hat im Presbyterium, dem Gemeindekirchenrat, keiner mehr etwas gesagt. Hier wussten alle: Hier muss Reden und Handeln – Bekenntnis und Praxis zusammenkommen."

Auch der erfolgreiche Sänger Herbert Grönemeyer wurde calvinistisch-protestantisch erzogen. Das sei mit ein Grund für sein "leistungsbewusstes Leben und Schaffen und das Getriebensein" – äußert er in einem Interview.4
Wenn heute vom typischen Protestanten oder eben typischen Calvinisten die Rede ist, dann ist oft genau das gemeint: Da ist einer arbeitsam und leistungsbewusst - mit einem Hang zu Askese.
Bei Calvin trifft diese Vermutung ins Schwarze: Wie viele erfolgreiche Menschen blieb er zeitlebens ein Sklave seiner Arbeit. Sämtliche Portraits, die nach seinem Tod entstanden, zeigen ein ausgezehrtes, strenges Gesicht. Von Erlösung und der Freiheit eines Christenmenschen, der sich nicht erst mühsam alles selbst erarbeiten muss, weil Gott selbst längst schon alles für ihn getan hat, keine Spur. Predigt und eigene Lebenspraxis klafften da weit auseinander. Schade, meint Bernd Krebs, Pfarrer der reformierten Bethlehemsgemeinde in Berlin:

Pfarrer Bernd Krebs:
"Das Problem, aber das ist das Problem der reformatorischen Tradition insgesamt – des Luthertums wie auch der Reformierten ist, dass es so etwas gibt wie eine Tendenz zum Workaholic. Das galt für Luther, das galt erst recht für Calvin, der Tag und Nacht gearbeitet hat. Also dieser Mann hat nur wenige Stunden geschlafen, der hat sich wirklich aufgerieben in seiner Arbeit. Und das ist ein Problem des Protestantismus insgesamt. Nämlich: Die Gnade, die Gott uns zuteil werden lässt, wirklich auch so zu leben, dass ich mal loslasse. Dass ich mich selber auch mal loslasse, dass ich mich nicht so wichtig nehme. Dass ich die Arbeit hinstelle und sage: Ich brauch jetzt nichts mehr zu tun."

Bei aller Arbeit und trotz seines Erfolges als großer Reformator der Kirche: Calvin blieb Zeit seines Lebens ein bescheidener Mensch. Dass Anhänger seiner Lehre – analog zu den Lutheranern - sich als "Calvinisten" bezeichneten, empfand er als unangemessenen Kult um seine Person und sprach stattdessen lieber von den "Reformierten". Nach dem Applaus der Menschen strebte er nie. Am Ende seines Lebens räumte er Freunden gegenüber ein:

"Ihr habt viele Schwächen von mir zu ertragen gehabt. Ich sage es noch einmal, das alles, was ich getan habe, nichts wert ist und das ich ein elendes Geschöpf bin. Ich wage zu sagen, dass meine Unarten mir immer missfallen haben und dass die Wurzel der Furcht Gottes in meinem Herzen gewesen ist. Ihr könnt wohl sagen, dass der Wille gut gewesen ist, und ich bitte euch, das Böse zu vergessen."5

Calvin stirbt am 27. Mai 1564 im Alter von 54 Jahren in Genf. Die letzten Jahre seines Lebens war er schwer krank. Sein Grab befindet sich auf dem Cimetière des Rois, dem Königsfriedhof, im Genfer Stadtteil Plainpalais. Ein Grabstein fehlt. Getreu seinem Lebensmotto: "Von mir selbst spreche ich nicht gerne." Doch noch heute wird von ihm gesprochen. Nicht nur im Jubiläumsjahr. Menschen drücken ihren Glauben mit Worten und Melodien des Genfer Psalters aus. Reformierte leben in vielen Teilen der Welt – vor allem in Ungarn, den Niederlanden und in der Schweiz. Sie setzen einen eigenen, selbstbewussten Akzent innerhalb des Protestantismus: mit klaren, schlichten Gottesdiensten, der Konzentration auf die Schrift und dem Bemühen, den eigenen Glauben auch angemessen auszudrücken: dynamisch mitten im Leben und zugleich mit beiden Beinen auf dem Boden der Tradition.
Calvin, einer der großen innovativen Köpfe der Kirche, bat am Ende seines Lebens, "nichts zu erneuern, denn Menschen" – so warnte er – "würden oft nach neuen Dingen fragen". Kurz vor seinem Tode hatte Calvin – der Heimatlose – Angst vor weiteren Veränderungen. Und er wäre mit manchen Neuerungen, die die evangelische Kirche seither eingeführt hat, sicher nicht einverstanden:
Fernsehgottesdienste anlässlich seines Geburtstages? Weinausschank vor der Kirche? Frauen auf der Kanzel? Tanz in der Kirche? Wo bleibt da die Kirchenzucht?
In einem aber würde Calvin sich heute bestätigt wissen: Kirche existiert - immer noch. Sie ist da, wo Heimatlose Heimat finden, wo Menschen sich selbst nicht so wichtig nehmen. Kirche ist längst noch nicht erledigt. Und die wirklich große Veränderung, derer die Kirche und wir Menschen immer bedürfen, die liegt ohnehin nicht in Menschen-, sondern in Gottes Hand:


"Obwohl die Kirche zur Zeit kaum von einem toten oder doch kranken Mann zu unterscheiden ist, so darf man doch nicht verzweifeln. Denn auf einmal richtet der Herr die Seinigen auf, wie wenn er Tote aus dem Grab erweckt. Das ist wohl zu beachten: Wenn die Kirche nicht leuchtet, halten wir sie schnell für erloschen und erledigt. Aber so wird die Kirche in der Welt erhalten, dass sie auf einmal vom Tode aufersteht...das Leben der Kirche ist nicht ohne Auferstehung, noch mehr: nicht ohne viele Auferstehungen!"6




Angaben zur Musik:
Vocalconsort Berlin, Genfer Psalter Psalm 1
Kantaten von J.S.Bach, "Ein feste Burg ist unser Gott”
Filmmusik aus Harry Potter
Herbert Grönemeyer, "Mensch"

Literaturangaben
1Uwe Birnstein, Der Reformator. Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte. Wichern-Verlag, Berlin 2009, S. 14
2 Birnstein, U., Der Reformator. Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte. Wichern-Verlag, Berlin 2009, S. 19
3 C StA 1.2, 419ff. – zitiert nach: Rohloff, Reiner, Calvin kennen lernen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, S. 14
4 Vanity Fair 10/2007
5 Birnstein, U., a.a.O. S. 112 f.
6 aus: Kirchenamt der EKD (Hrsg.), 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung. Eine Arbeitshilfe zum 31. Mai 2009, S. 28



Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Senderbeauftragte für Deutschlandradio und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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