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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2010

Kino als Lebenshilfe

Wie zwei Regisseure ihre Traumata und Neurosen auf Zelluloid bannen

Von Gerd Brendel

Szene aus  "Postcard für Daddy" (Berlinale)
Szene aus "Postcard für Daddy" (Berlinale)

Zwei sehr persönliche Dokumentarfilme schildern äußerst nüchtern dramatische Erfahrungen: Michael Stock verarbeitet in seinem Film "Postcard für Daddy" seine eigenen Missbrauchserlebnisse. Mit "Schnupfen im Kopf" gibt Gamma Bak Einblick in ihre Psychosen.

"Der Missbrauch durch meinen Vater ging ja acht Jahre und dann brauchte ich noch mal zehn Jahre, um damit klarzukommen."
"Du hast mehrfach erwähnt, dass du dich mit diesem Projekt in eine tapfere oder riskante Position begibst, weil du dich öffentlich als 'ne Verrückte, als eine Geisteskranke darstellst."

Michael Stock und Gamma Bak erzählen in ihren Filmen die eigenen Geschichten. Sie sind ihre eigenen Hauptdarsteller, Regisseure und Kameraleute. Eine Gratwanderung, die nicht nur den Protagonisten viel abverlangt. Am konsequentesten entblößt sich Michael Stock in seinem Dokumentarfilm "Postcard to daddy". Er konfrontiert sein Publikum mit dem Blick hinter die heile Fassade einer bürgerlichen Familienidylle.

Filmausschnitt: "Als Jugendlicher hast du nichts mitbekommen?"
"Nein, überhaupt nicht, war für mich ganz schwer, mir das vorzustellen."

Eine Idylle, die für die Schwester und den Rest der Famile erst zusammenbrach, als Michael sie mit seiner Geschichte konfrontierte.

Filmausschnitt: "Dieses Schämen stand da, und wurde noch schlimmer, als ich dann irgendwann selbst abgespritzt habe…"

Die Stimme des Protagonisten erzählt aus dem Off. Auf der Leinwand sieht man die Familie der Schwester beim allemanischen Straßenkarneval. Schnitt: Michael Stock in der Berliner U-Bahn auf dem Weg zum Arzt.

Filmausschnitt: "Hab immer das reproduziert, was ich damals abgespeichert hab, Triebhaftigkeit mit dem Gefühl zur Verfügung zu stehen oder zur Verfügung stehen zu wollen."

Stock deutet sein Leben und erspart sich und seinem Publikum nichts. Weder seine HIV-Infektion noch den Selbstmord seiner großen Liebe. Selbstentblössung bis an die Grenzen von Betroffenheitskitsch - eine Gratwanderung, die der Regisseur selbst durchlebt hat.

Filmausschnitt: " Ansonsten muss ich sagen, dass das Schneiden dieses Materials, wo ich Hauptdarsteller war, furchtbar war, war wie jeden Morgen in den Spiegel sehen, und sich mit all diesen schrägen Sachen wieder zu begegnen."

Aus der permanenten Selbstspiegelung rettet Stocks Mutter den Film. Sie ist die zweite starke Hauptdarstellerin.

Filmausschnitt: "Der Haarschnitt erinnert mich an meine Punkzeit."
"Du hattest nur 'ne ganz schön wilde Zeit."

Die Gesprächspassagen mit ihr, aufgenommen am Strand während eines gemeinsamen Thailandurlaubs, überzeugen durch die unverstellte Beziehung zwischen Mutter und erwachsenem Sohn.

"Aufgrund deiner Geschichte ist das für mich nachvollziehbar, dass 'ne Sucht auch alles bedröhnt, damit man das nicht mehr so spürt. Für mich hat jede Sucht auch was mit Sehnsucht zu tun."

Am Ende erreicht die Filmpostkarte "Postcard to daddy" ihren Adressaten. Sohn und Vater begegnen sich. Eine Szene fast ohne Worte und die stärkste in einem wortreichem Film.

"Ich glaub der Film ist tatsächlich en verspäteter Prozess, mit der ganzen Sache Frieden zu bekommen."

Für Michael Stock setzt sein Film einen Schlusspunkt. Gama Baks Annäherung an die eigene Krankheit kann nur eine Momentaufnahme sein.

"Ich habe in den letzten 14 Jahren zweimal weinen können. Natürlich war ich oft sehr traurig gewesen, aber ich kann nicht mehr weinen. So wie ich's im Film sage: Ich bin, wie ich bin, ich bin lebendig, aber es ist doch an den Spitzen beschnitten."

Die Medikamente, die ein Abrutschen in die Psychose verhindern, greifen auch in den Gefühlshaushalt ein. Die ersten Aufnahmen zu "Schnupfen im Kopf" entstanden vor über zehn Jahren. Da hatte Gama Back schon eine erfolgreiche Dokumentation über ihre jüdisch-ungarische Familie produziert, eine Familie voller Exzentriker und Intellektueller, zerstreut in alle Weltgegenden.

Gamas Eltern fliehen in den 50er-Jahren aus Ungarn. Sie selbst wächst in der westdeutschen Provinz auf. Zur Schule geht sie nach Kanada, wo ihr Vater eine Professur annimmt. Die Filmhochschule besucht sie in Deutschland. "Deine Krankheit war endlich mal ein Teil von Dir, für den Du keine Verantwortung übernehmen musstest," sagt ihre Stiefmutter im Dokumentarfilm.

"Man kann aus dem eigenen Leben keine Materialsammlung machen."

Aber einen Film, der nüchtern in vielen Gesprächen mit Freunden, Eltern und dem Ex-Freund einen Alltag zeigt, in dem nichts mehr selbstverständlich ist.

Das Ergebnis überzeugt durch den nüchternen Tonfall und die leisen ironischen Momente. Bewusst hat Gama Bak auf jegliche objektive Expertenperspektive auf ihre Erkrankung verzichtet und ist sich dabei selbst begegnet.

"Und dadurch ist für mich was ganz Zauberhaftes entstanden, nämlich eine kathartische Erfahrung. Das heißt, mit der Fertigstellung des Films hat sich meine Haltung zu meiner Krankheit tatsächlich gewendet. Muss ja eine Distanz finden zu meinem Leid, und einen Blick. So etwas Reinigendes und Klärendes zu erfahren, damit habe ich nicht gerechnet."

Nach den Premieren von "Schnupfen im Kopf" und "Postcard für daddy" auf der Berlinale langer Applaus. Am Ende stehen ein strahlender Micha Stock vor der Leinwand und eine lachende Gama Back. Und für einen Moment konnte man daran glauben, dass Kino wirklich hin und wieder hilft, weiter leben zu können.

Kulturpresseschau

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