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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.07.2008

Kinderschutz in der Praxis

Kriminalhauptkommissarin Graichen: Viele kleine Schritte in die richtige Richtung

Trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)
Trauriges Kind vor einem zerbrochenen Spiegel (Stock.XCHNG / kat callard)

Nach Einschätzung von Gina Graichen haben die Behörden im Kampf gegen Kindesmisshandlungen in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte erzielt. Allerdings dürfe man von keinem Projekt oder Programm sofortige Wirkung erwarten, sagte die Leiterin des Berliner LKA-Dezernats für Delikte an Kindern und Schutzbefohlenen.

Birgit Kolkmann: Lea-Sophie wog bei ihrer Einlieferung ins Krankenhaus gerade einmal sieben Kilo und die Ärzte konnten trotz aller Notmaßnahmen das fünfjährige Mädchen nicht mehr retten. Ihre Eltern hatten sie qualvoll verhungern lassen, während gleichzeitig der kleine Bruder und auch die Haustiere der Familie genug zu essen bekamen. Gestern hielten Staatsanwalt und Verteidigung im Prozess gegen Lea-Sophies Eltern ihre Plädoyers. 13 Jahre Haft wegen Mordes forderte die Staatsanwaltschaft und das Urteil soll in fünf Tagen gesprochen werden.
Hauptkommissarin Gina Graichen hat seit 23 Jahren täglich mit derartigen Fällen zu tun. Sie ist Leiterin des Dezernats 125 für Misshandlungen und Vernachlässigung von Schutzbefohlenen beim Berliner Landeskriminalamt. Guten Morgen in der "Ortszeit".

Gina Graichen: Guten Morgen.

Kolkmann: Frau Graichen, ein Fall wie Lea-Sophie, der letzten November ja bundesweit Entsetzen und Anteilnahme auslöste, wie oft sind Sie mit so etwas konfrontiert?

Graichen: Glücklicherweise muss ich sagen hat sich zumindest die Situation, dass wir mit vielen toten Kindern in dieser Form, wie Lea-Sophie es getroffen hat, hier in der Stadt nicht mehr zu tun haben. Aber das liegt natürlich auch daran, dass wir hier versucht haben, einiges zu tun.

Kolkmann: Sie haben einiges gemacht, indem Sie mehr aufgeklärt haben, auch ein Notfall-Telefon eingerichtet haben. Wird Ihnen mehr gemeldet, bevor etwas Schlimmes passiert?

Graichen: Glücklicherweise ist unser Konzept in dieser Form aufgegangen. Wir wollten ja mit der Maßnahme, Plakate in die Öffentlichkeit zu bringen und dieses Nothilfetelefon hier geschaltet zu haben, erreichen, dass die Öffentlichkeit und insbesondere die Leute, die mit Kindern indirekt oder direkt zu tun haben, sensibilisiert werden – zum einen für das Thema, zum anderen aber auch, um Verdachtsfälle, schlechte Gefühle bei den Mitmenschen einfach weitermelden zu können und hier einen festen Ansprechpartner zu haben, der ihnen dann weiterhelfen kann.

Kolkmann: Das Umfeld soll also hinschauen – Nachbarn, aber auch Ärzte, Lehrer, Erzieher und auch die Polizei, die ja manchmal aus ganz anderen Gründen gerufen wird und das entpuppt sich dann als ein Fall von Kindesmisshandlung. Wie oft kommt das vor?

Graichen: Das kommt schon relativ häufig vor. Das ist eigentlich auch der Aspekt, der uns die meisten Anzeigen einbringt, dass Kollegen von uns gerufen werden wegen ruhestörenden Lärms oder zum Beispiel auch bei häuslicher Gewalt, wenn die Ehepartner sich untereinander schlagen oder anschreien, und dann natürlich sehr viele Kollegen die Möglichkeit haben, in Wohnungen hineinzukommen und dann zu sehen: entweder die Wohnung ist in einem katastrophalen Zustand und Kinder leben dort, oder mitzubekommen, dass nicht nur die Ehefrau von der häuslichen Gewalt betroffen ist, sondern auch die Kinder eigenständig vom Kindesvater misshandelt wurden.

Kolkmann: Nun erkennt man das ja vielleicht nicht so ohne weiteres. Wie bilden Sie denn junge Polizisten aus, damit sie Misshandlung und Vernachlässigung in so einem Fall erkennen können?

Graichen: Wir versuchen natürlich nicht nur die Bevölkerung zu sensibilisieren. Wir haben auch sehr viele Fortbildungsmaßnahmen hier für unsere eigenen Kollegen. Das heißt, bei Bedarf, wer Zeit hat und wer es haben möchte, kann man uns sozusagen buchen. Wir reisen dann hier durch die Stadt von Dienststelle zu Dienststelle. Gerade für die Kollegen, die als erste am Ort sind, also die Funkwagenbesatzungen, ist es wichtig, dass sie ein Gefühl dafür kriegen: ist es zum einen eine Misshandlung, ist es eine Vernachlässigung, oder ist das grenzwertig. Gleichzeitig wollen wir ihnen die Sicherheit geben, wenn sie unsicher sind, dass sie dann bei uns anrufen können.

Kolkmann: Das klingt jetzt sehr theoretisch. Wie machen Sie das konkret? Zeigen Sie denen Bilder oder Filme?

Graichen: Das läuft in erster Linie so, dass wir sie natürlich mit den Gesetzen vertraut machen, die es betrifft. Das sind ja Spezialgesetze, die aber alle im Strafgesetzbuch stehen. Wir untermauern das ganze dann mit Bildern aus unseren Vorfällen, die wir hier zur Bearbeitung hatten, und versuchen dann auch klar zu machen: das ist jetzt eine Misshandlung oder das ist vielleicht auch grenzwertig und da müsste man vielleicht doch noch mal extra nachhaken.

Kolkmann: Wie reagieren denn die jungen Polizistinnen und Polizisten auf das Material, das Sie ihnen zeigen?

Graichen: Sie reagieren im Prinzip nicht anders als alle anderen Leute, denen wir unsere Vorträge bieten. Das ist schon viel Entsetzen, weil natürlich sehr häufig auch Kollegen damit noch nichts zu tun hatten und ich glaube sehr viele Menschen sich gar nicht so richtig vorstellen können, wie das wirklich ist, wenn ein Kind schwer misshandelt wurde.

Kolkmann: Wo haben Sie denn dieses Material her, wenn man zum Beispiel sieht, wie ein Kind misshandelt wird oder man Fotos sieht?

Graichen: Die Fotos, die wir zeigen, sind in erster Linie Tatortaufnahmen, die wir natürlich, wenn wir eine Misshandlung oder eine Kindesvernachlässigung gemeldet bekommen haben, von unseren Spezialisten anfertigen lassen. Das heißt, das Kind, was betroffen ist, wird fotografiert. Die Verletzungsspuren werden fotografiert. Das sind Beweismittel. Teilweise haben wir auch Täter, die dann selbst Fotos oder Filme anfertigen, und das sind natürlich erstklassige Beweismittel.

Kolkmann: Sind die auch besonders furchtbar?

Graichen: Sie sind schon grausam.

Kolkmann: Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie so etwas das erste Mal gesehen haben?

Graichen: Man muss hier ja sowieso, wenn man ständig mit diesen Delikten zu tun hat, eine sehr hohe professionelle Distanz haben. Man muss also für sich seine Grenzen ziehen können und sagen können, bis hierher lasse ich es an mich heran und nicht weiter, weil es keinen weiterbringt, wenn man dann zu sehr in Mitleid versinkt. Man muss schon Mitleid mit den Opfern haben, aber das darf einen nicht überrollen.

Kolkmann: Packt Sie manchmal auch die Wut, Sie und Ihre über 20 Mitarbeiter?

Graichen: Ja. Die Wut ist sicher auch manchmal bei jedem da. Nur dürfen wir das natürlich nicht in den Vernehmungen oder in den Ermittlungen zeigen, weil das würde alles hemmen.

Kolkmann: Unter dem Eindruck des Hungertods von Lea-Sophie im vergangenen November verabschiedete der Bundestag ja dann im Dezember ein 37-Punkte-Programm zum besseren Schutz von Kindern. Was hat das aus Ihrer Sicht gebracht?

Graichen: Jedes Programm, jedes Projekt, egal von wem, bringt bestimmt diesen ganzen Bereich weiter. Man darf natürlich jetzt nicht verlangen, dass so ein 37-Punkte-Programm oder irgendein anderes Projekt, was jetzt gerade wieder im Entstehen ist, sofort dann auch Abhilfe schafft. Man muss viel Geduld haben. Man muss eben sehen, dass es alles kleine Schritte sind, die aber dann in die richtige Richtung führen und am Ende vielleicht auch wirklich zu dem Erfolg, den man sich wünscht.

Kolkmann: Wie ist denn Ihre Zusammenarbeit in diesen Fällen mit den zuständigen Jugend- und Sozialämtern?

Graichen: Die Zusammenarbeit ist im Vergleich zu früher sehr viel besser geworden. Das liegt natürlich auch daran, dass die Senatsverwaltung das Netzwerk Kinderschutz in einer Projektgruppe hat entstehen lassen, zusammen damit auch beim Kindernotdienst angesiedelt ein Kinderschutztelefon, wo jeder anrufen kann. Die Zusammenarbeit ist dort sehr, sehr eng geworden. Wir haben von der Polizei aus immer den Auftrag, wenn ein Kind in eine Straftat involviert ist, egal ob als Opfer oder irgendetwas anderes, das zuständige Jugendamt zu informieren. Das tun wir auch. Häufiger als früher werden wir dann auch gemeinsam tätig und fahren gemeinsam zum Ort.

Kolkmann: Vielen Dank Hauptkommissarin Gina Graichen. Sie ist Leiterin des Dezernats für Misshandlungen und Vernachlässigung von Schutzbefohlenen beim Berliner Landeskriminalamt, bundesweit eine einzigartige Einrichtung. Vielen Dank für das Gespräch.

Graichen: Gerne.

Kolkmann: Und die Notfallnummer für den Kinderschutz ist in Berlin die 030/610066.

Das Gespräch mit Gina Graichen können Sie bis zum 1. Dezember 2008 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

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