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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.08.2009

Kinderkrankheiten und Psychologie

Rüdiger Dahlke, Vera Kaesemann: "Krankheit als Sprache der Kinderseele", Bertelsmann, München 2009, 528 Seiten

Dahlke und Kaesemann schreiben über kindliche Krankheitsbilder und ihre Bedeutung. (AP)
Dahlke und Kaesemann schreiben über kindliche Krankheitsbilder und ihre Bedeutung. (AP)

Krankheiten sind Botschaften der Psyche und haben einen tieferen Sinn für unser Leben – mit dieser Botschaft eroberte das Autorenteam Rüdiger Dahlke und Thorwald Dethlefsen Anfang der 1980er-Jahre die Bestsellerlisten. Bis heute verkauft sich ihr Buch "Krankheit als Weg" wie warme Semmeln.

Nun legt der Arzt und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke ein neues Buch vor: "Krankheiten als Sprache der Kinderseele", erschienen im Bertelsmann Verlag. Mit seiner Co-Autorin Vera Kaesemann, einer auf die Behandlung von Kindern spezialisierten Homöopathin, möchte Dahlke die psychologische Deutung von Krankheitssymptomen auf die Kinderheilkunde übertragen.

Umfassend legen Autorin und Autor ihr Themenspektrum an: Klassische Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps und Windpocken werden ebenso abgehandelt wie Hals-, Nasen-, Ohrenerkrankungen, Hautkrankheiten, Beschwerden der Atemorgane, Allergien, Beschwerden des Bewegungsapparates und seelische Probleme.

Wer einen klassischen Gesundheitsratgeber erwartet, wäre mit diesem Buch allerdings nicht gut bedient, denn Dahlke und Kaesemann leisten keine Einführung in schulmedizinisches Grundlagenwissen. Auch geben sie keine Hilfestellung, in welchen Fällen es sich empfiehlt, die Schulmedizin zu Rate zu ziehen. In ihrem Buch geht es ihnen allein darum, Krankheitssymptome von Kindern auf verborgene seelische Botschaften hin abzuklopfen. Dabei bewegen sich ihre Deutungen zwischen Analogieschlüssen ("Verstopfung: Ich kann nicht loslassen"), Alltagswissen ("Kopfschmerzen: Wir leben in einer kopflastigen Gesellschaft") und Spekulation ("Warzen: Ich bin ein kleiner Teufelsbraten").

Nach einem Abschnitt solch assoziativer Psychologie, angereichert mit den langjährigen Erfahrungen der Autoren aus eigener Praxis, folgen für jedes Krankheitsbild Fragen, die Eltern sich stellen sollen: Wie können wir unserem Kind besser zuhören? Muss unser Kind Angst haben, von uns verlassen zu werden? Schließlich folgt ein kleiner Katalog unterstützender Maßnahmen – von Wahrnehmungsübungen für Kinder bis hin zu Vorschlägen für sinnvolle Alltagsrituale.

Ein Teil des Buches widmet sich homöopathischen Arzneien – obgleich die Autoren darauf hinweisen, dass die umfangreichen Verfahrensweisen der Homöopathie sich einer Eigentherapie eigentlich entziehen.

Das meiste, was Rüdiger Dahlke und Vera Kaesemann auf 500 Seiten schreiben, entbehrt aus schulmedizinischer Sicht jeglicher Grundlage. Dahlkes Publikationen finden ihre Leserschaft aus anderem Grund: Sie stoßen in die große Leerstelle der Schulmedizin vor. Deren sterile Krankenhausflure und chromglänzenden Maschinen signalisieren einen Glauben an die Beherrschbarkeit der Natur und an das therapeutische Herauslösen körperlicher Einzelphänomene aus dem Ganzen des Menschen, von dem längst nicht mehr alle Patienten überzeugt sind. Auch die Ärzte nicht. Aber darüber wird am Krankenbett geschwiegen.

Vielfach oberflächlich und konstruiert, gibt auch dieses Buch etwas Wichtiges zu verstehen: dass es möglich sei, dem Kranksein einen persönlichen Sinn abzuringen. Das tut gut in kranken Zeiten – auch wenn man gut beraten ist, sich nicht in jedem küchenpsychologischen Detail von den Autoren lenken zu lassen.

Besprochen von Susanne Billig

Rüdiger Dahlke, Vera Kaesemann: Krankheit als Sprache der Kinderseele. Bedeutung kindlicher Krankheitsbilder und ihre ganzheitliche Behandlung
Bertelsmann, München 2009
528 Seiten, 24,95 Euro

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