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Lesart | Beitrag vom 31.12.2015

Kinderbuch-Autor Kai LüftnerMehr Ruhe und Zeit, weniger Rotz'n Roll

Von Elmar Krämer

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Berlin / Köpenick: Angefangen hat die "Karriere" des "Haus- und Hofdichters" Kay Lüftner vor etwa drei Jahren, als Texter des Kinderlieder-Sänger-Duos Ulf & Zwulf. Später schaltete Lüftner Kleinanzeigen in den großen Stadtmagazinen: "Verschenke Reime für jeden Anlass". Die Resonanz verblüfft noch heute. "Rund 70 Leute haben sich gemeldet", berichtet der 25-jährige gelernte Erzieher. Seit gut einem Jahr reimt, dichtet und schreibt Kai Lüfter auf Anfrage, seit Mai nennt er seine Wohnung "Wortatelier". Fünf Mark kostet die Zeile. Wer Lüftners Wortatelier in Internet anklickt, findet ein Bestellformular und einen Fragebogen vor. Am liebsten telefoniert Lüftner aber mit seinen Auftraggebern persönlich, bei Bedarf erklärt er dann, wo was zu betonen ist, rät zu Pausen, bespricht den Rhythmus. Schließlich hält er die Reden ja nicht selber. Es rteizt ihn, fremde menschen kennenzulernen, in Familieninterna einzutauchen. Meistens sind es ausgesprochen nette Geschichten, die Lüftner in Reime gießt oder zu Reden verarbeitet. Kai Lüftner hat sich in seiner Marktlücke eingerichtet. (picture alliance / dpa / Fröhling Mike)
Kinderbuch-Autor Lüftner: Kampfsport, Spaziergänge und ein Feuer im Kamin (picture alliance / dpa / Fröhling Mike)

Wer Kinder hat, dem ist Kai Lüftner in der Regel bestens bekannt. 2012 wurde das erste Kinderbuch des Berliners veröffentlicht, dann folgten "Die Milchpiraten" und zwei "Rotz'n Roll Radio"-CDs. Fürs neue Jahr hat sich Lüftner nur eines vorgenommen: sich mehr Zeit zu nehmen.

Kai Lüftner lebt mit seiner Familie in Köpenick. Fernab vom Trubel der Berliner Trendbezirke.

"Alter, Punktlandung du hast doch bestimmt genau auf diese Uhr gekieckt, komm rinn, hi!"

"In Köpenick bin ich geboren und hab hier immer schon gelebt. Ick liebe diesen Kiez, ick liebe mein Köpenick, ick liebe diese Mischung aus Großstadt und Land."

Abgezogene Dielen, ein großes Sofa, auf dessen Lehne etliche Kinderbücher liegen. Neben dem Sofa eine Akustik-Gitarre, im Kamin ein Feuer, das gemütliche Wärme ausstrahlt. Auch hier will Kai Lüftner die kommenden Wochen verbringen.  Sein Vorsatz: Erst mal ruhiger treten.

"Ich hätte normaler Weise noch 50 Gigs machen können bis Ende Januar, aber ich wollte das nicht, ich hab jetzt Bock auf Kamin und ein bisschen lesen. Hier, ich hab mir richtig fülle hingestellt und meine Gitarre ist wieder draußen – wunderbar."

Die Familie, die Bücher, der Kamin und vor der Tür viel Wasser, an dem Kai Lüftner gerne spazieren geht – dort, wo die Dahme in die Spree mündet. Köpenick ist sein Kiez. Für den Autor der beste Ort zum runterkommen.

"Ick liebe vor allem ditt Fließgewässer, watt is – insofern: Ist er ja wie eine Meidbewegung beim Sport so ein Ruheort, so ein Pol an den ich mich zurückziehe, wenn ick mal nicht weiter weiß."

Meidbewegungen sind Ausweichbewegungen im Kampfsport, die auch Ruhe und Übersicht ins Kampfgeschehen bringen sollen.

Schreiben und Kampfsport haben ihm das Leben gerettet, sagt Lüftner

Kampfsport spielt, genauso wie das Schreiben, eine entscheidende Rolle für den Autor – beides hat ihm das Leben gerettet, so sagt er. Als Teenager war er Punk ohne große Zukunftshoffnungen.

"In der Zeit hab ich gedacht, ich werde nicht dreißig."

Beim Kampfsport lernte er Aggressionen zu kontrollieren und Respekt vor dem Gegner zu haben – genauso wichtig wie Tagebuch zu schreiben.

"Weil ick irgendwann kapiert habe, dass mir meine Beobachtungen, was ich in der Welt sehe, was ich an jemandem analysiere, eine Charaktereigenschaft, oder mein Alltag nur, wenn ich das alles aufschreibe, hat das für mich denselben Effekt, wie meiner Wut einen Kanal zu geben, indem ich jemandem auf die Schnauze haue, ganz simpel gesprochen oder mich selbst zerstöre mit Drogen oder so."

Kai Lüftner studierte Sozialpädagogik, arbeitete als Türsteher, Pizza-Bote, auf dem Bau, wurde Streetworker und schrieb und schrieb und schrieb: Werbetexte, Hochzeitsreden, Gags für Comedians.

"Er blieb stets unter seinen Möglichkeiten, würde ick sagen."

Wenn man ihn so sieht - Glatze, Vollbart, tätowierte Arme, ist schwer vorstellbar, dass es etwas gibt, wovor der Typ Angst haben könnte.

Schon seit er sieben ist, schreibt Kai Lüftner auch Geschichten für Kinder, später auch erste Lieder. Doch lange Zeit traut er sich nicht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

"Ich wusste früh, dass ich damit etwas machen will, habe aber viele Jahre damit verbracht, dass zu hinterfragen – mit Meidbewegungen. Ich empfinde auch rückblickend, dass das eine der krassesten Mutproben für mich war, mich als der Typ, der ich bin, hinzustellen und das zu machen, was ich liebe und was ich kann, und das sind nun mal Kinderbücher schreiben. Und das war für mich ein anderer Mut, dazu zu stehen. Zu sagen, ich schreibe Bücher wie "Die weltbeste Lilli", als z.B. nicht der Erste zu sein, der wegrennt, wenn dir jemand aufs Maul hauen will. Das ist ein anderer Mut, den ich lernen musste."                                                                                             

Kinderbücher gingen ihm auf die Nerven - da musste er selbst eines schreiben

Als sein Sohn Edgar auf die Welt kommt und Kai Lüftner irgendwann anfängt vorzulesen, da bekommt er auch etliche Kinderbücher in die Hand, die ihm auf die Nerven gehen.

"Ich fand das ganz schrecklich, dass mir das so geht, dass ich bei etwas, was ich liebe feststelle, dass ich auf Grund dessen, was ich da vorlese, schlechte Laune bekomme und dann hab ich gedacht, was mach ich jetzt? Und hab dann gedacht: Irgendwie ist es ganz logisch, wenn ich nicht nur meckere, dass das so scheiße ist, was es da gibt, sondern wenn ich es besser mache: Und so ist auch eines meiner Kredos entstanden: Fresse halten, besser machen!"

Kai Lüftner schreibt wie er redet: Unverblümt, direkt und mit Wärme und Witz.

Elf Bücher, zwei Musik CD's, Hörbücher, unzählige Auftritte in Radio und Fernsehen, in Schulen und Kindergärten und große Konzerte und Auftritte vor mehreren Tausend kleinen Leuten.

"Und ich merke langsam auch, weil ich mal hinter der Doppeldeckung hervorgucken kann, was so passiert ist, dass ich eben in weit entfernte Bundesländer fahre und da kennt man mich oder meine Bücher oder kann meine Lieder mitsingen. Das Leben hat sich dahingehend verändert, dass ich noch viel mehr darauf achte, wie mir das, was gerade passiert, noch besser tut, das ist nämlich auch herausfordernd, wenn es knallt, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben und zu schauen, wie man dem allen gerecht wird."

Da sind sie wieder, die Meidbewegungen aus dem Kampfsport, wo Kai Lüftner unbedingt auch wieder hin will:

"Und wenn es nur 1x die Woche ist, mit vierzig ist das auch okay."

Vielleicht klappt das ja. Wenn alles nach Plan läuft, ist bis Ende Januar sein Sohn der Einzige im Haus, der schreibt – fast siebzig handschriftliche Seiten hat der Sechsjährige schon geschrieben - und den nächsten Auftrag für Papa Kai hat er auch schon parat:

"Eine Geschichte mit Zauber ..."

"Aber die schreibst Du doch schon Ede!"

"Ich weiß, aber ich will auch noch mal eine von Dir hören!"

"Ach so!"

Spätestens im Februar geht es dann wieder mit Volldampf weiter:

"Das gibt  mir auch so ein bisschen den Wumms, jetzt mal so ein bisschen in Karrenz zu gehen, gerade so in dieser schönen Winter-Raunachtszeit so zwischen den Jahren, gehe ich tatsächlich so ein bisschen in Klausur und guck mir mal an, wie ich die nächste Zeit gestalten will. Ick kann nur sagen, ick gloobe ditt, wenn es ein Geheimrezept ist: Hab dich lieb!"

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