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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.09.2015

Kinder rumänischer ArbeitsmigrantenWenn die Eltern ins Ausland gehen

Von Stephan Ozsváth

Ein rumänischer Junge schaut in Bukarest durch einen Maschendrahtzaun. (picture-alliance / dpa / Robert Ghement)
Viele Kinder in Rumänien wachsen ohne ihre Eltern auf. Denn die arbeiten und leben im Ausland. (picture-alliance / dpa / Robert Ghement)

Drei Millionen Rumänen leben und arbeiten im westlichen Ausland. Viele von ihnen haben Kinder, die im Land zurückbleiben und oft bei den Großeltern aufwachsen. Bei allen Beteiligten entsteht in dieser Situation ein brisanter Gefühlscocktail.

"Ich rede zweimal in der Woche mit meiner Mutter über Skype, erzählt der 12-jährige Valentin. Meist eine Stunde lang, oder auch zwei. Aber sie fehlt mir sehr. Es wäre viel besser, wenn sie hier bei uns wäre."

Seit er vier Jahre alt ist, lebt Valentin bei seiner Oma in Bukarest. Seine Mutter arbeitet in Italien. Einige Monate lang hatte sie ihren Sohn mitgenommen: Aber Job und Kind konnte sie nicht unter einen Hut bringen. Sie musste ihn in Rumänien zurück lassen. Das hatte Folgen, erzählt seine Oma Lenuta Sarbu:

"Der Junge ist sogar einmal sitzen geblieben, weil es so schwierig war für ihn. Jetzt lernt er wieder. Denn ich bemühe mich um ihn, rede mit den Lehrern, erkundige mich nach seinen Leistungen."

Es fehlt an nötiger Fürsorge

Die 6. Klasse hat Valentin inzwischen mit guten Noten abgeschlossen. Dank der Fürsorge seiner Großmutter. Das ist eher nicht die Regel. Hilfsorganisationen berichten, viele der zurückgelassenen Kinder schwänzten, weil sich niemand ausreichend um sie kümmert. Schuldirektor Dorin Zapada erzählt:

"Entweder werden diese Kinder sehr aggressiv, sie verweigern sich, oder sie werden extrem empfindlich: Dann weinen sie oft, sind tief traurig, unfähig zur Konzentration."

Etwa 80.000 Kindern geht es wie Valentin, jedes vierte dieser Arbeitswaisenkinder hat weder Vater noch Mutter in der Nähe. Hilfsorganisationen gehen sogar von bis zu 300.000 zurückgelassenen Kindern aus.

Gabriela Alexandrescu ist Vorsitzende der Organisation Save the Children Romania. Sie hat 16 sogenannte After-School-Projekte für die Kinder eingerichtet:

"Bei diesen Kindern entwickelt sich das Gefühl der Verlassenheit. Sie haben große emotionale Probleme, sind beherrscht von Angst und Beklemmung, werden depressiv."

Deren Eltern arbeiten im Ausland: So wie Valentins Mutter in Italien, oder in Spanien, Portugal, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland. Was er von den Arbeitsmigranten und ihren Kindern hält, sagte der frühere rumänische Verkehrsminister Ioan Rus in einer Fernseh-Sendung:

"Drei Millionen Rumänen arbeiten im Westen: Etwa eine Million Eisenflechter, Maurer – die im Bau oder Straßenbau eingesetzt sind. Und für die geschätzten 1500 Euro Lohn werden ihre Söhne zu Rüpeln und ihre Töchter zu Huren."

Die Großeltern sind überfordert

Die zynische Bemerkung kostete den Sozialdemokraten das Amt. Tatsache ist: Wenn die zurück gelassenen Kinder in die Pubertät kommen, sind die Großeltern dem oft nicht gewachsen.

Diese alte Frau muss gleich drei Enkelkinder aufziehen. Ihre beiden Töchter arbeiten in Spanien als Haushaltshilfe, deren Männer auf dem Bau:

"Egal was ich tue, klagt die Großmutter, die Mutter kann ich den Mädels nicht ersetzen."

Ein brisanter Gefühlscocktail braut sich in allen Beteiligten zusammen, berichten Hilfsorganisationen: in Kindern, Eltern und Großeltern. Der größte Fehler, beklagt Florian Nitu -  von einer Selbsthilfe-Gruppe, die Eltern und ihre Kinder berät -, sei, die Kinder verantwortlich zu machen für ihre Lage:

"Auf keinen Fall dürfen wir als Eltern, die Arbeit im Ausland suchen, sagen: Wir tun es wegen des Kindes. Viele Eltern, die sich schuldig fühlen, weil sie weggehen, übertragen diese Gefühle auf das Kind."

Monika-Emma-Gabriella ist sechs Jahre alt. Die Oma zeigt der Reporterin ein Foto von Monikas Mutter – seit zwei Wochen ist sie in Spanien, erzählt das kleine Mädchen. Und sie habe ganz viel Sehnsucht nach ihr.

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