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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.01.2012

Kinder brauchen Kinder

Herbert Renz-Polster: "Menschenkinder", Kösel-Verlag, München 2011, 192 Seiten

Die wichtigste Aufgabe bestehe darin, Kindern einen Rahmen zu bieten, so Renz-Polster. (picture alliance / dpa)
Die wichtigste Aufgabe bestehe darin, Kindern einen Rahmen zu bieten, so Renz-Polster. (picture alliance / dpa)

Eltern wollen das Beste für ihr Kind - und das ist zum einen anstrengend und vielleicht sogar das Problem. Im Wirrwarr von Elternwünschen, schulischen Wegen und Erziehungsratgebern kann man sich schnell verlaufen. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat jetzt einen "Gegenratgeber" vorgelegt.

Gebe ich meinem Kind genug? Genug Klarheit und Grenzen? Genügend Disziplin? Sollte ich den Kleinen zum Klavierunterricht schicken? Zur Logopädie, Therapie, Frühförderung Englisch, Chinesisch?

Die systematische Verunsicherung von Eltern ist ein Unding, erklärt der Kinderarzt und vierfache Vater Herbert Renz-Polster in seiner Streitschrift "Menschenkinder". Schuld daran sei die Armada angeblicher Erziehungsexperten, die geschwätzig neu zu definieren versuche, was doch seit Jahrtausenden in unserer Natur verankert sei: das Heranwachsen vom Kind zum Erwachsenen.

Der Autor argumentiert schwungvoll und mit spürbarer Lust an der Debatte: Jedes Kind habe von der Evolution einen gut geölten Entwicklungsmotor mit auf den Weg bekommen. Die wichtigste Aufgabe Erwachsener bestehe darin, dem Nachwuchs einen vertrauten Rahmen zu bieten und ihm ansonsten nicht im Weg zu stehen. Schon gar nicht mit Disziplinorgien und Fördermarathons.

Auch wenn der Autor keinen Erziehungsratgeber vorlegen möchte, liefert seine evolutionäre Perspektive doch eine Fülle hilfreicher Erkenntnisse. Zum Beispiel der Kampf um Kinder, die abends klaglos in ihr dunkles Zimmer marschieren: Die kindliche Panik ist evolutionär angelegt, erklärt der Autor, schließlich war die Nähe Erwachsener in der Wildnis der einzige Garant, den Morgen zu erleben. Oder das Gezerre ums Mittagessen: Na klar wollen viele Kinder kein Gemüse, stellt der Autor klar. Alles, was grün und bitter aussieht, ist in freier Wildbahn potenziell giftig. Mit dem Älterwerden verwachse sich die eingebaute Abneigung gegen unbekannte Nahrungsmittel von ganz allein.

Kapitel um Kapitel bricht Herbert Renz-Polster mit guten Argumenten eine Lanze für entspanntere Eltern und die Freiheit der Kinder. "Geht raus spielen", habe die wichtigste Erziehungsmaxime seiner eigenen Eltern gelautet - und das sei nicht verkehrt gewesen. Kinder brauchen Kinder, ruft der Autor, um ihr soziales Gehirn aufzubauen und sich ihren eigenen Reim auf die Welt zu machen. Statt dessen hätten die Erwachsenen die Kindheit okkupiert und setzten zurzeit noch eins drauf.

Scharf greift der Kinderarzt in seinem Buch den Retrodrill der gegenwärtigen Populärpädagogik an, doch seine Kritik trifft mitten ins Schwarze. Kinder, die in der Schule auf Überflieger getrimmt werden, hätten gewiss Karrierechancen. Doch können sie auch ein Gemeinwesen tragen? Im reichsten Land Europas werden die wenigsten Kinder geboren, und die überdurchschnittlich häufig in prekären Verhältnissen. Nicht die soziale Frage da unten bedrohe die Gesellschaft, klagt der Autor an, sondern die mangelnde Integration dort oben.

Die sich selbst und ihre Disziplin beweihräuchernde Elite habe sich in Wahrheit von der Verantwortung für die Gesamtheit losgesagt - welch eine Bankrotterklärung. In Afrika gibt es ein Sprichwort. Es bringt die Grundgedanken von Herbert Renz-Polster auf den Punkt: "Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein Dorf."

Besprochen von Susanne Billig

Herbert Renz-Polster: Menschenkinder - Plädoyer für eine artgerechte Erziehung
Kösel-Verlag, München 2011
192 Seiten, 17,99 Euro

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