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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.12.2010

Kim kann’s

Dauerkrise um Nordkorea

Von Frank Sieren

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-Il führt Jahr für Jahr die Welt vor.
Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-Il führt Jahr für Jahr die Welt vor.

Zuweilen gehen westliche Politiker ihren selbst erfundenen Klischees auf den Leim. Das gilt ganz besonders für den Umgang mit dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-Il. Diktatoren aus den Schurkenstaaten sind autistisch, brutal und ideologisch verblendet, lautet das Klischee. Man müsse sie nur isolieren, dann brächen sie unter ihren eigenen Widersprüchen zusammen. Doch Kim stolpert einfach nicht, er strauchelt nicht einmal.

Im Gegenteil. Jahr um Jahr führt er die Welt vor. Er bricht die Sechs-Parteien-Gespräche ab und beginnt sie wieder, wenn immer es ihm passt. Er baut weiter an seiner Urananreicherungsanlage, ballert mit Granaten umher, versenkt Schiffe und verkauft Waffen an den Iran. Kim hat es sich in seinen Widersprüchen sehr bequem gemacht.

Seit Jahren nun schon hält er seine Nachbarn geschickt in Schach, den Partner China ebenso wie die Feinde Südkorea, Japan und die Vereinigten Staaten. Insofern hat Dai Bingguo, der Sicherheitsberater des chinesischen Präsidenten Hu Jintao, wohl recht, wenn er gegenüber seinem US-Kollegen betont, dass Kim nach seinem Schlaganfall seinen "scharfen Verstand" nicht verloren hat.

Noch Immer lässt Kim sich nur selten in die Defensive drängen und dann nur kurz. Meist gibt er das Tempo und die Richtung des Machtspiels an den Küsten des chinesischen Meeres vor. Die Welt ist empört, aber sie hastet hinterher. Auch diesmal ist das so – und das, obwohl er sich nunmehr eine ungeheuerliche Frechheit erlaubt: Er lässt ein kleines Dorf auf einer südkoreanischen Insel mit Raketen zu beschießen, weil er sich von den Manövern der Amerikaner und Südkoreaner gestört fühlt. Jetzt ist das Maß eigentlich voll. Kim ist zu weit gegangen. Doch es passiert wieder nichts. Wieso kuschen der Westen und die asiatischen Nachbarn?

Sie kuschen nicht, sie handeln nach ihren Interessen. Denn niemand – außer vielleicht die USA – ist an einem Zusammenbruch Nordkoreas interessiert. Die Südkoreaner nicht, weil ihnen der wirtschaftliche Aufbau des Nordens nach einer Wiedervereinigung zu teuer ist. Die Chinesen nicht, weil sie in einem vereinigten Korea die 30.000 Mann starken amerikanischen Truppen direkt an ihrer Grenze hätten. Die Japaner nicht, weil sie kein starkes Korea als politischen und wirtschaftlichen Wettbewerber haben wollen. Und auch die Russen nicht, weil sie in Zentralasien genug Unruhe an ihren Grenzen haben. Und selbst die amerikanischen Strategen fragen sich, wer wohl noch amerikanisches Militär in Asien brauche, wenn es die Bedrohung durch Nordkorea nicht mehr gibt.

Deshalb geben sich der Westen, aber auch die Nachbarn Koreas heute empört, lenken aber morgen schon ein und liefern tonnenweise Reis, damit das Land stabil bleibt. Der chinesische Vizeaußenminister He Yafei verrät mehr über sein Land, als er will, wenn er Kim als ein "verwöhntes Kind" bezeichnet, das bei den "Erwachsenen" um Aufmerksamkeit heischt. Denn bei den "Erwachsenen", die ihn verhätschelt haben, steht China an vorderster Stelle.

Das alles weiß auch Kim und kann es sich deshalb seit Jahren leisten, den dicken Max zu geben. Die Forderung aus dem Westen, die in den letzten Tagen immer wieder zu hören war, China solle doch nun endlich Farbe bekennen und sich auf die Seite der Guten und Vernünftigen schlagen, klingt vor diesem Hintergrund geradezu grotesk.

Und wer sich derzeit darüber freut, mit der Forderung nach mehr Kooperation in der Korea-Frage Chinas Führung unter Druck setzen zu können, ist schon taktisch ein wenig ungeschickt. Ein neutrales China, das beide Seiten akzeptiert, ist für den Westen und die asiatischen Nachbarn viel nützlicher. Wer soll denn sonst vermitteln in künftigen Gesprächen? Wenn Kim überhaupt noch jemandem vertraut, dann dem einen oder anderen chinesischen Politiker.

Frank Sieren (privat)Frank Sieren (privat)Frank Sieren, Jahrgang 1968, studierte Politikwissenschaft und arbeitet als Journalist, Dokumentarfilmer, Buchautor und Korrespondent der "Zeit". Seit über eineinhalb Jahrzehnten lebt er in Peking. Er gilt als einer der führenden deutschen China-Kenner. 2010 ist sein Buch "Der China Schock" (Ullstein Verlag) erschienen.

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