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Religionen / Archiv | Beitrag vom 26.05.2012

Ketzer ohne Käfig

Ungläubige treffen sich in Münster

Von Timo Grampes

Das alte Rathaus in Münster
Das alte Rathaus in Münster (Claus Bredel)

Im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten sind rund Tausend Mitglieder organisiert. Für viele in der Gruppe in Münster, die früher eine Konfession hatten, war der Weg zum Unglauben lang. Doch am Ketzerstammtisch ist nicht nur Platz für Atheisten.

"Ketzer, das klingt nach was! Klingt ein bisschen wilder. Sonst könnte man ja auch sagen: Warum nennt die Band sich 'Motörhead' und nicht 'Rock'n'Roll-Band'?"

Ulf ist 39, trägt einen Rauschebart und ein Heavy-Metal-T-Shirt mit der Aufschrift "Painkiller". An diesem Abend ist er einer von acht Teilnehmern des "Ketzerstammtisches". Sechs Männer und zwei Frauen zwischen 22 und 47. Hotelier. Rechtsanwalt. Wirtschaftsinformatik-Student. Materialdisponentin. Alle sind Mitglied im IBKA, dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten, der weltweit rund 1000 Mitglieder hat – davon allerdings 930 allein in Deutschland.

50 Euro jährlicher Regelbeitrag finanzieren Flyer und Aktionen. Ergänzend die örtlichen Kaffeekassen. Bei den Münsteraner Ketzern ist das eine Spardose in Form des Mainzer Doms mit der Aufschrift: "Kirchensteuer? Um Gottes Villen!" – wobei "Villen" mit "V" geschrieben ist.

Die Journalistin, Autorin und Stammtischvorsitzende Daniela Wakonigg, 39, läutet die Sitzung ein. Es geht um die aktuelle Kampagne des IBKA:

"Das ist in diesem Jahr die Kampagne 'Gerdia', gegen religiöse Diskriminierung am Arbeitsplatz. Das ist die Problematik, die wir häufiger schon hatten. Dass Leute arbeiten in Krankenhäusern oder kirchlichen Organisationen. Und die dann konfessionalisiert sein müssen, der Kirche angehören müssen, sich in der Lebensführung anpassen müssen, nicht offen schwul leben dürfen, nicht streiken dürfen. Das ist die Kampagne, die sich da für eine Aufklärung einsetzt und dafür, dass sich politisch etwas ändert."

Eine klarere Trennung von Staat und Kirche wünschen sich die Stammtischler um Daniela Wakonigg. Orientierung gibt ihnen der "politische Leitfaden" des IKBA, in dem es neben dem Thema "Kirche und Arbeitsrecht" unter anderem auch um staatliche Kirchenfinanzierung in Deutschland geht und den Einfluss der Kirche auf Hochschulen.

"Es geht mir nicht darum, die Kirche abzuschaffen. Die soll ruhig existieren. Die soll nur keine Macht über mich haben können. Und über andere am besten auch nicht. Soll dann halt wie ein normaler Verein gehandhabt werden. Entweder man ist Mitglied oder nicht. Aber keine Konsequenzen sonst."

Sagt Ulf, früher evangelisch – und heute konfessionslos wie die anderen Stammtischler. Fünf von acht Anwesenden waren katholisch. Nur zwei von ihnen haben nie einer Konfession angehört. Nachdem Daniela Wakonigg die IBKA-Kampagne zu religiöser Diskriminierung am Arbeitsplatz und einige Presseartikel über Pius-Brüder, homosexuelle Priester und den Papst-Stammtisch in Münster vorgestellt hat – ja, auch den gibt es! – geht es um die persönlichen Wege zum Unglauben. Für die Ex-Katholikin Daniela Wakonigg war es ein weiter Weg, obwohl sie schon mit 15 aus der Kirche austrat:

"Bei mir war immer so der Gedanke: Wenn die glauben – da muss doch irgendwas dran sein! Ich habe immer versucht, herauszufinden: Was ist da jetzt dran? Was verstehe ich nicht, was die verstehen?"

Die Suche nach der Antwort führte über das Studium der Philosophie – und der katholischen Theologie.

"Das Studium hat mich eigentlich immer weiter weggebracht vom Glauben. Weil mir keine Fragen beantwortet wurden, sondern – ganz im Gegenteil – die Antworten immer kurioser wurden. Bis ich dann irgendwo an dem Punkt war, wo ich gesagt habe: Nee, Freunde! Jetzt reicht's! Ich kann das nicht glauben. Und es liegt nicht an mir, sondern es liegt am Glauben. Das ist Mist! (…) Ich bin auf eine katholische Schule gegangen, hatte Kommunion und Taufe. Aber letztendlich glaube ich, dass ich wohl gewissermaßen religiös unmusikalisch bin. Dass ich mich irgendwann mit 16, 17, mit atheistischen und säkularen Positionen beschäftigt habe. Und dann aus Überzeugung den Glauben abgelehnt habe."

Wirtschaftsinformatik-Student Carlos ist mit 22 der Jüngste in der Runde. Daniela Wakonigg beneidet ihn ein bisschen: Wie gerne wäre es ihr auch so leicht gefallen, sich vom Glauben zu verabschieden! Bei den meisten am Tisch, die früher eine Konfession hatten, war der Weg zum Unglauben lang und gewunden.

Daniela Wakonigg beschreibt sich als hin- und hergerissen zwischen Skepsis und Neugier.
Sie bezeichnet sich als Agnostikerin, nicht als Atheistin. Sie lässt offen, was sie nicht wissen, nicht beantworten kann. Am Ketzerstammtisch ist also nicht nur Platz für Atheisten, die restlos von der Nicht-Existenz Gottes Überzeugten.

Daniela Wakonigg: "Das Schöne an uns ist: Wir sind keine religiösen Fundamentalisten. Wir sind auch keine nicht-religiösen Fundamentalisten!"

Sogar Gläubige sind hochwillkommen, sagen die Stammtischler. Bisher ward allerdings keiner gesehen. So bleiben die Ungläubigen zunächst unter sich. Suchen vielleicht doch auch ein wenig die Nähe zum Glauben, indem sie sich treffen, um über ihn zu reden. Und fühlen sich als schweigende Mehrheit.

Daniela Wakonigg: "Ein Zusammenschluss von Leuten, die sagen: Die Kirche hat einen unglaublichen Einfluss in diesem Staat. Daran muss sich was ändern, weil es entspricht nicht den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Es gibt inzwischen ein Drittel Konfessionsfreie in der Gesellschaft."

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