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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2005

Keine Macht den Mobbern!

Karl Gebauer über "Mobbing in der Schule"

Rezensiert von Kim Kindermann

Viele Schüler leiden unter den Schikanen ihrer Mitschüler (AP)
Viele Schüler leiden unter den Schikanen ihrer Mitschüler (AP)

Mobbing beginnt oft schleichend: Hier eine blöde Bemerkung, da ein kleiner Schubs. Nichts Aufregendes. So scheint es für die betroffenen Schüler zunächst. Doch dann plötzlich folgen gezielte Quälereien und regelmäßige Schikanen. Mobbing in der Schule ist leider kein Einzelfall mehr, sondern gehört zum Alltag. Für Schüler, Lehrer und auch für Eltern. Schützen kann nur gezielte Aufklärung, sagt Karl Gebauer. Und so fordert er in seinem neuen Buch "Mobbing in der Schule": Keine Macht den Mobbern!

Wenn ein Kind nicht mehr gerne zur Schule geht, sich zurückzieht, stumm in seinem Zimmer hockt und nur noch wenig Kontakt zu anderen Kindern aus seiner Schule hat, dann steckt dahinter oft mehr als nur schlechte Laune. Vielmehr können es Zeichen dafür sein, dass der kleine Mensch zu einem Mobbing-Opfer geworden ist. Sprich: Er oder sie ist Ziel von systematischen und wiederholt auftretenden Schikanen. Schikanen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und die von Beschimpfungen über Ausgrenzung bis hin zu körperlicher Gewalt reichen.

Die Folgen sind immer furchtbar, denn es ist egal, welche dieser gezielten Quälereien ein Kind über sich ergehen lassen muss, ihnen allen ist gemein, dass das Opfer sich nicht wehren kann, still vor sich hin leidet, sich zunehmend isoliert fühlt und letztendlich krank wird. Bauch- und Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit können die körperlichen Folgen sein, psychisch leiden Mobbing-Opfer unter Vereinsamung und einer Herabsetzung ihrer Person. Und sie alle fragen sich: Warum gerade ich? Was habe ich falsch gemacht?

Nichts, sagt Karl Gebauer in seinem Buch "Mobbing in der Schule". Die Mobber sind es, die falsch handeln. Sie, so schreibt der Pädagoge, sind es, die ihr schlechtes Selbstwertgefühl, ihre innere Leere und Unsicherheit dadurch aufpolieren, dass sie andere herabsetzen. Erst wenn sie Macht über andere Kinder haben, fühlen sich Mobber wertvoll und erleben ein Gefühl der Sicherheit, der Überlegenheit, der Allmacht. Denn eins ist ganz klar: Kinder, die mobben, stehen nie allein. Sie brauchen Mitläufer, die ihr Verhalten aktiv unterstützen und bei den Schikanen mitmachen. Und sie brauchen Zuschauer, die das Geschehen zur Kenntnis nehmen, aber nicht eingreifen oder verraten.

Besonders schlimm wird es, wenn Lehrer und Eltern die Vorgänge nicht durchschauen und nicht eingreifen. Dann nämlich wächst die Macht des Mobbers ins Gefährliche. Das aber kann und darf nicht sein, und so setzt Karl Gebauer genau bei der Durchbrechung dieses Teufelskreises an und fordert: Keine Macht den Mobbern!

Um das zu schaffen, sind alle gefragt: Eltern, Lehrer und Schüler. Sie alle müssen fit gemacht werden für die Wahrnehmung von Notsignalen, und zwar für die des Opfers genauso wie für die des Täters. Denn beide brauchen Hilfe und Unterstützung. Es geht nicht darum, einen Buhmann zu finden, der Schuld hat und den man dann auch wieder ausgrenzen kann, sondern es geht darum, das Miteinander zu üben und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Das ist zunächst nicht neu. Neu aber ist Karl Gebauers Ansatz: Der ehemalige Lehrer will nicht nur Lösungsvorschläge anbieten, sondern er appelliert in seinem 160-seitigen Buch vor allem dafür, Mobbing als Chance für neue Einsichten zu begreifen und sie zum Lernfeld für psychosoziale Prozesse zu machen. Ein spannender Ansatz, der das Buch besonders lesenswert macht. Zumal Karl Gebauer alle am Prozessbeteiligten in die Pflicht nimmt und ihnen anhand von Fallbeispielen konkrete Handlungsanweisungen zur Seite stellt.

So zeigt er etwa wie ein Lehrer durch Rollenspiel mit seinen Schülern deutlich machen kann, wie sich ein Mobbing-Opfer fühlt. Oder aber wie man Wut zulassen kann, indem man die Kinder dazu ermutigt, ein Bild über diese zu malen. Ganz wichtig, so Gebauer, ist bei Umgang mit Mobbing aber stets: Es muss immer mit aller Klar- und Offenheit reagiert werden. Erst wenn das Geschehen für alle sichtbar gemacht wird, verliert es seine Macht und bietet das Potential für neue Erfahrungen. Dabei geht das kleine, gutleserliche Buch über einen reinen Ratgeber hinaus, zumal der Buchautor immer auch den Blick auf die zugrundeliegenden psychologischen Ursprünge des Problems richtet und so auch über neue Erkenntnisse moderner Hirnforschung berichtet. Mobbing, das wird hier mehr als deutlich, hat seinen Ursprung fast immer in einem unsicheren Bindungsgefühl. Kinder, die zu Mobbern werden, fehlt ein fester Bezugspartner, der ihnen Sicherheit und Nähe gibt und der sie spüren lässt, dass sie gewollt sind – auch dann, wenn sie nicht perfekt funktionieren. Hier gilt es anzusetzen und das bedeutet auch für Eltern, dass sie sich anschauen müssen, wie sie ihre Kinder erziehen und wie sie sie behandeln. Dabei wird klar: Wegschauen gilt auch hier nicht! Auch dann nicht, wenn es weh tut und Initiative verlangt. Wie genau diese aussehen kann, versucht der Autor durch zahlreiche Anregungen zu skizzieren, wobei Karl Gebauer seinen Schwerpunkt weniger auf konkrete Erziehungstipps à la Supernanni legt, als vielmehr die Notwenigkeit betont, Kindern dabei zu helfen, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Oft, so Gebauer, reicht es dazu schon, seinem Kind aufgeschlossen zu begegnen und es bei seinen Aktivitäten interessiert zu begleiten. Wobei Qualität mehr zählt als Quantität, so der Buchautor, der damit nichts wirklich Neues zum Thema schreibt. Und genau das ist das kleine Problem dieses Buches. Denn vieles in Klaus Gebauers neustem Werk ist nicht so absolut neu, wie der Autor es vielleicht gerne hätte. Denn letztendlich ist zu dem Thema Mobbing und Schule in den letzten Jahren schon vieles geschrieben worden, auch von Karl Gebauer selbst. Und so beschleicht den Leser, ab und an das Gefühl, lediglich einen aufgewärmten Aufguss zum Thema in der Hand zu halten. Ärgerlich ist das aber nicht, denn "Mobbing in der Schule" ist trotz allem ein empfehlenswertes Buch und das liegt vor allem daran, dass es Hilfe anbietet ohne mit dem Zeigefinger auf Schuldige zu deuten, um ihn anschließend zu verteufeln. Vielmehr fordert Karl Gebauer uns alle zum offenen Dialog heraus. Und das tut erfrischend gut, in einem Klima, wo die Forderung nach härteren Strafen auch vor den Toren der Schulen nicht Halt macht. Dabei beschönigt Karl Gebauer die Situation keinesfalls, aber er zeigt: Nur Kinder, die in einer emotional stabilen Umgebung leben und zur Schule gehen, die Erwachsene begegnen, die sie stützen und ihnen helfen Wege aus einer Mobbingsituation zu finden, reifen zu selbstbewussten, konfliktfähigen Menschen heran.

Karl Gebauer: Mobbing in der Schule
Patmos Verlag, 2005, Paperback
160 Seiten, Preis: 14.90 Euro

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