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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.06.2012

Kein Pathos, kein Gigantismus

Kay Schiller, Christopher Young: "München 1972"

Rezensiert von Bodo Morshäuser

Das Münchner Olympiastadion, erbaut von Frei Otto und Günter Behnisch
Das Münchner Olympiastadion, erbaut von Frei Otto und Günter Behnisch (Stock.XCHNG Matthias Schimmelpfennig)

Die britischen Historiker Schiller und Young haben eine Geschichte über das Selbst- wie das Fremdbild Deutschlands geschrieben – mit wohltuendem Abstand zu uns und bester Recherche.

Hauptfiguren dieser Geschichte sind der Präsident des deutschen NOK, Willi Daume, der Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der Architekt Günther Behnisch und der Designer Otl Aicher.

Mitte der 60er-Jahre macht Daume dem Internationalen Olympischen Komitee glaubhaft, Spiele in München würden in der Tradition von 1936 stehen, was einerseits stimmt und was natürlich gar nicht stimmt. Hans-Jochen Vogel dagegen versichert, man werde ein modernen Deutschland sehen und Spiele, die in die Zukunft weisen.

Cover Kay Schiller / Christopher Young "München 1972"Cover Kay Schiller / Christopher Young "München 1972" (Wallstein Verlag)Das Duo Daume/Vogel schafft es, die Traditionalisten und ihre Gegner gleichzeitig in den Plan einzubinden. In über 100 Staaten werden Klinken geputzt und Stimmungen aufgehellt. Man hat es im Inland mit Politikern zu tun, die dagegen sind, Steuergeld in die Planung der Spiele zu pumpen. Und man hat es mit Staaten zu tun, deren Zustimmung erkauft werden muss, das heißt dann Entwicklungshilfe. Man hat es mit Germanophilen und Germanophoben zu tun, mit Verfechtern des Amateursports ebenso wie mit Sportvermarktern.

Hans-Jochen Vogel kann diese auf den ersten Blick unvereinbaren Lobbyinteressen so geschickt bedienen, dass alle Seiten befriedigt sind. Willi Daumes guter Ruf im Ausland rührt von 1936 her und ist nützlich, um beim IOC-Präsidenten Avery Brundage Stimmung zu machen für die Spiele – Brundage, der noch in den 60er-Jahren in seinem Haus Besuch von Leuten in SS-Montur bekommt. 1966 ist es soweit: München darf die Spiele ausrichten.

"Nimmt es uns die Welt ab, wenn wir darauf hinweisen, dass das Deutschland von heute ein anderes ist als das Deutschland von damals? Vertrauen gewinnt man nicht durch Worte, sondern durch sichtbare Bezeugungen und gewonnene Sympathie. Es kommt weniger darauf an, zu erklären, dass es ein anderes Deutschland gibt, als es zu zeigen."

Dies ist eine der programmatischen Aussagen des Designers Otl Aicher, der für eine einheitliche visuelle Darstellung der Spiele kämpft und sich durchsetzt. Entscheidend für den Erfolg Münchens ist die Vorarbeit von Daume und Vogel, aber auch die Präsentation des Olympiaparks mit drei Spielstätten unter einem seinerzeit als futuristisch empfundenen Dach – eine der ersten Arbeiten des großen Architekten Günther Behnisch.

Ein anderer Erneuerer der Nachkriegszeit ist der eben zitierte Designer Otl Aicher, Mitbegründer der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung und Formgeber der Produkte der Firma Braun. Er setzt seine Vorstellung davon durch, diese vierzehn Tage in eine einheitliche Optik zu bringen. Aicher ist Meister im Hervorheben des Wesentlichen ebenso wie im Weglassen. Er verfügt, dass kein Olympiaprodukt die Farben Rot und Gold enthält. Von der Eintrittskarte bis zur Kleidung der Kampfrichter dominieren hellblau und hellgrün, die Optik der Spiele wird freundlich und weich. Er entwirft die bis heute verwendeten Piktogramme für Sportarten. Aicher schafft es, Bierzelte vom Olympiabereich fernzuhalten, er geht gegen alles vor, was mit den Begriffen laut oder streng assoziiert wird. Dreimal droht er mit Rücktritt, er will es gar nicht machen oder er will es auf diese Weise machen:

"Es gibt keine nationalen Demonstrationen, keinen Gigantismus. Sport wird nicht mehr in der Nähe militärischer Disziplin oder als ihre Vorschule gesehen. Pathos wird vermieden, ebenso der weihevolle Schauer. Tiefe drückt sich nicht immer im Ernst aus. Leichtigkeit und Nonkonformität sind ebenfalls Zeichen achtbarer Subjektivität. Die Olympischen Spiele von München sollen den Charakter der Ungezwungenheit, Offenheit, Leichtigkeit und Gelöstheit haben […] Festlichkeit nicht im Sinne traditioneller Gesellschaftlichkeit, sondern im Sinne spielerischer Improvisation."

Die Spiele beginnen, und sie zeigen Tag für Tag ein liberales, modernes Deutschland. Möglich, dass diese Selbstdarstellung zu blauäugig realisiert wird. Ob der Terroranschlag auf die israelische Mannschaft am neunten Tag der Spiele auf den Anspruch zurückzuführen ist, ein Deutschland ohne Uniformen und ohne Kontrollen zu präsentieren, oder ob der Terrorakt die damalige Vorstellungswelt übersteigt, darüber wird gestritten.

Die Autoren, die Historiker Schiller und Young, sind der Meinung, mit einer Geiselnahme konnte niemand rechnen. Sie haben eine Geschichte über das Selbst- wie das Fremdbild Deutschlands geschrieben, über ein paar gute Leute, die einen Plan hatten. Die britischen Historiker haben einen wohltuenden Abstand zu uns – nichts dabei, was unbedingt einmal gesagt werden musste, keine Mission. Dafür: beste Recherche.

Kay Schiller, Christopher Young: München 1972
Wallstein Verlag, Göttingen 2012
396 Seiten mit 23 Abbildungen