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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.10.2011

Kein dauerhaftes Atom-"Elefantenklo" für Anselm Kiefer

Rheinland-Pfalz reagiert auf AKW-Kauf-Pläne des Künstlers mit Skepsis

Von Ludger Fittkau

Der Künstler Anselm Kiefer stößt mit seinen AKW-Kaufplänen auf ein geteiltes Echo. (AP Archiv)
Der Künstler Anselm Kiefer stößt mit seinen AKW-Kaufplänen auf ein geteiltes Echo. (AP Archiv)

Anselm Kiefer möchte den Kühlturm des stillgelegten Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich bei Koblenz kaufen und ihn zu einem "Pantheon" der Kernkraft machen. Er verhandelt darüber mit dem RWE-Konzern als Besitzer. Das Land Rheinland-Pfalz, das den Rückbau der Anlage atomrechtlich begleitet, will aber keinen dauerhaften Kiefer-Kunst-Kühlturm.

Ein Pantheon war in der Antike ein Gebäude, das den Göttern geweiht war. Es kann aber auch ein Ort sein, in dem bedeutende Persönlichkeiten bestattet sind. Vielleicht auch Ideen und Technologien. Anselm Kiefer, einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler deutscher Zunge, will nun sein persönliches Pantheon gefunden haben - bei einer Besichtigungstour in der Nähe von Koblenz - auf dem Gelände des stillgelegten AKW Mülheim-Kärlich.

Den 161 Meter hohen Kühlturm will Anselm Kiefer kaufen. Was er genau mit dem Monstrum vor hat, ist noch nicht klar. Doch schon stößt er auf Widerstand - nicht auf der Straße vor dem AKW, sondern in Mainz. Dort sitzt die Regierung des Landes Rheinland-Pfalz, auf dessen Boden das stillgelegte Atomkraftwerk steht. Eveline Lemke, die grüne stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes, will keinen Kiefer-Kunst-Kühlturm auf Dauer:

"Die Menschen in Koblenz haben das dringende Bedürfnis, das dieses – und das ist der Spottbegriff 'Elefantenklo' da mal wegkommt. Sie müssen sich vorstellen, dass die Menschen, die in der Bürgerinitiative lange gegen das AKW gekämpft haben und auch jetzt noch, dass die wirklich wollen, dass es weg muss. Es darf da nicht mehr zu sehen sein, es muss richtig von der Bildfläche verschwinden. Und so lange das nicht der Fall ist und man möglicherweise denken könnte, es wird verherrlicht, weil es vielleicht hübsch angemalt ist oder irgend so was, dann wird denen das extrem gegen den Strich gehen.

Ich finde es eigentlich witzig, auch mit Kunst Vergangenheitsverarbeitung zu betreiben - auch zur Frage der Atomenergie, aber da sind wir noch nicht. Wenn das letzte AKW in Deutschland abgeschaltet ist, dann können wir gerne auch das letzte abgeschaltete AKW für ein solches Kunstprojekt verwenden."

Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich liegt zehn Kilometer nordwestlich von Koblenz. Es lief nur wenige Wochen und wurde dann per Gerichtsbeschluss stillgelegt. (picture alliance / dpa / Friedel Gierth)Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich liegt zehn Kilometer nordwestlich von Koblenz. Es lief nur wenige Wochen und wurde dann per Gerichtsbeschluss stillgelegt. (picture alliance / dpa / Friedel Gierth)Dass Anselm Kiefer den Kühlturm von Mülheim-Kärlich hübsch anmalen und damit die Abgründe der nicht beherrschbaren Technologie verharmlosen würde – davon sollte man allerdings nicht ausgehen. Auch das Argument, erst wenn das letzte AKW vom Netz gegangen sei, könne man über andere, künstlerische oder auch profanere Nutzungen nachdenken, ist nicht ganz stichhaltig: Denn auch ein anderes AKW ist längst zu einem Menetekel eines großtechnischen Irrwegs geworden, indem es zu einem "Kernwasserwunderland" umgebaut wurde, zu einem riesigen skurrilen Freizeitpark, in dem man sogar übernachten kann: der Schnelle Brüter in Kalkar nämlich. Keine Kunst, aber eine ironische Aneignung, die man nicht unbedingt verharmlosend finden muss.

Auch dieses eingemottete Atomkraftwerk liegt am Rhein – stromabwärts, an der holländischen Grenze. Hat man in Rheinland-Pfalz nicht Angst, die Künstlergröße Anselm Kiefer mit einer allzu schroffen Reaktion auf seine Atom-Kunst-Idee zu verprellen? Offenbar nicht, zumindest, wenn man die stellvertretende Ministerpräsidentin hört:

"Ich glaube, es wird immer wieder Chancen gibt, ihn zu erleben und die werden wir auch nutzen. Aber nicht jede Chance, die man haben kann, sollte man auch nutzen."

Immerhin: Eine Brücke will Eveline Lemke Anselm Kiefer in Sachen Kühlturm dann doch noch bauen: Wenn der Meister den Turm nicht dauerhaft in Beschlag nähme, ja dann könnte man über Kunst im AKW doch noch mal reden. Aber nur dann:

"Es gibt einen festen Fahrplan zum Abbau dieses AKW und es ist mein Auftrag, dafür zu sorgen, dass es auch ordentlich abgebaut wird. Und da stehen wir auch ein bisschen in der Schuld der Bürgerinnen und Bürger, wir wollen dass das Ding da wegkommt und genau dafür will ich sorgen. Wenn es zwischendurch eine Kunstaktion gibt, die Kiefer nutzt, dann finde ich das gut, dann finde ich es charmant und auch schön, aber es darf unseren Fahrplan nicht beeinträchtigen."

Klingt nicht so, als ob unter diesen Bedingungen Mülheim-Kärlich tatsächlich zu Kiefers Pantheon würde. Denn Eveline Lemke ist als Wirtschaftsministerin auch für die rechtlichen Schritte verantwortlich, die nötig sind, um das Kraftwerk endgültig aus dem Atomrecht herauszunehmen und es einer anderen Nutzung zuzuführen. Ob der Kunst oder schlicht der Bearbeitung durch Abrissbirnen. Stand heute spricht Vieles dafür, dass in diesem Fall die Abrissbirnen im Land die bessere Lobby haben. Die Anti-Atom-Lobby nämlich.

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