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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.01.2013

Katholikinnen fordern Weiterentwicklung

Maria Flachsbarth, Präsidentin des Frauenbundes, bedauert den Zustand der katholischen Kirche

Noch weigert sich die katholische Kirche, Priesteramt und Diakonat für Frauen zu öffnen. (picture alliance / dpa)
Noch weigert sich die katholische Kirche, Priesteramt und Diakonat für Frauen zu öffnen. (picture alliance / dpa)

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) fordert eine Weiterentwicklung der Kirche und die Stärkung von Frauen in Führungspositionen. Wie KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth sagte, kann die Kirche ihre Botschaft nicht mehr glaubwürdig vermitteln. Auszutreten sei aber keine Option..

Marietta Schwarz: Wenn es der katholischen Kirche ernst ist um ihre Gläubigen, dann hat sie derzeit wirklich Grund zur Sorge. Das Vertrauen der Katholiken in ihre Institution, so belegt eine von der Kirche in Auftrag gegebene Studie, das hat gerade in den letzten zwei Jahren noch mal enorm nachgelassen. Das Heidelberger SINUS-Institut hat zweistündige Interviews mit Katholiken aller Milieus geführt. Einig sind sie sich darin, dass die Kirche in Deutschland, so wie sie im Moment ist, keinen Bestand hat. Dabei sind es die klassischen Streitthemen, die die Menschen bewegen, Sexuallehre, Zölibat, Frauen in der Kirche. Dies sehen Katholiken aller Milieus kritischer denn je. Am Telefon ist Maria Flachsbarth, für die CDU im Bundestag und Kirchenbeauftragte, und sie ist auch Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Guten Morgen!

Maria Flachsbarth: Ja, guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Frau Flachsbarth, hat Sie irgendetwas an dieser Studie überrascht? Es sind ja die üblichen Kritikpunkte!

Flachsbarth: Ja, es sind die üblichen Kritikpunkte. Ich bin sehr froh, dass die Kirche diese Studie in Auftrag gegeben hat, um tatsächlich ein klares Bild auf die Binnenbefindlichkeiten zu bekommen. Denn dass es unserer Kirche in Deutschland nicht wirklich gut geht, das fühlen viele, das wissen viele, das wissen auch die Bischöfe. Und dass das noch mal, ja, so aufgeschrieben ist und differenziert erforscht worden ist, das ist erst mal für mich ein Pluspunkt.

Schwarz: Dennoch natürlich ein alarmierendes Zeichen, wenn sich die Gläubigen von der Institution abkehren. Woran liegt es denn?

Flachsbarth: Ja, es liegt tatsächlich an diesen vielen verschiedenen Punkten, die Sie aufgezählt haben. Ich glaube, das Grundproblem ist es, dass die Kirche ihren Glauben, der ja etwas Befreiendes haben soll – Evangelium bedeutet frohe Botschaft, freimachende Botschaft –, dass sie diese Botschaft nicht mehr glaubwürdig vermitteln kann. Dass eben es da viele, viele Punkte gibt, wo die Menschen heute fragen, die kritischer sind möglicherweise als die Menschen in vorherigen Generationen, passt denn das, was ihr verkündet, mit dem, wie ihr lebt und wie ihr mit Menschen umgeht, zusammen?

Schwarz: Aber könnte es auch sein, dass diese Themen – Sexualität, Zölibat, Diskriminierung von Frauen – vielen Gläubigen gar nicht so wichtig sind, dass die einfach, ja, so glauben, wie sie es für richtig halten?

Flachsbarth: Das ist ohne Zweifel auch ein Punkt, dass die Lehren, die die Kirche verkündet, vielen Menschen einfach gar nicht mehr präsent sind, dass sie nicht mehr so sehr in den biblischen Geschichten zu Hause sind, dass sie sich in den Vorgaben der Kirche, im Katechismus zum Beispiel, überhaupt nicht mehr auskennen. Das ist ein weiterer Punkt. Aber die Frage ist letztendlich, was war zuerst oder beeinflusst nicht beides beides, also, ist mein Interesse an der Kirche und an den Lehren der Kirche nicht vielleicht auch deshalb nicht mehr so ausgeprägt, weil ich halt einfach nicht mehr überzeugend finde, was mir da vorgetragen wird?

Schwarz: Also, eine wachsende Entfremdung zwischen Mitglied und Institution. Wie macht sich das denn in Gemeinden bemerkbar?

Flachsbarth: Na ja, da verrate ich jetzt auch keine Neuigkeiten, wenn ich sage, dass tatsächlich die Kirchen immer leerer werden. Also, wenn Sie sich die Sonntagsgottesdienste ansehen, wenn Sie Kirchenaustritte ansehen, dann macht sich da zum einen ein demografischer Effekt breit, aber zum anderen ist es eben tatsächlich auch so, dass Menschen ihrer Kirche den Rücken kehren, dass Kirche eben nicht mehr zentral und wichtig ist für viele Menschen in unserer Gesellschaft.

Schwarz: Ja, aber es gibt immer noch viele, die Ehrenämter machen, es gibt die Frauen, die Gemeindereferentinnen sind und so weiter. Mich hat, Frau Flachsbarth, eines an dieser Studie tatsächlich überrascht: Dass es zwar vermehrt Kritik gibt, aber dass der Austritt vielen dann doch zu weit geht. Wäre das nicht die wirksamste Konsequenz, um irgendetwas zu erreichen?

Flachsbarth: Nein, ich glaube nicht. Ich glaube, dass man nur tatsächlich von innen etwas erreichen kann. Wenn Kirche und Glaube und Religion gemeinsam irgendeine Bedeutung hat – und das konnten wir in der Milieustudie ersehen, dass viele diesen Dreiklang tatsächlich noch zusammen sehen –, dann macht es Sinn, in der Kirche zu bleiben. Sehen Sie, als Präsidentin des KDFB, die wir 220.000 Frauen bundesweit vertreten, können wir genau das erkennen: Es sind engagierte Frauen, es sind Frauen, die sich zu ihrer Kirche hinwenden, die in ihrer Kirche leben und arbeiten, die für andere da sind, denen ihr Glaube wirklich etwas bedeutet, die auch an ihrer Kirche leiden. Und die möchten, dass sich etwas verändert. Aber das geht eben eigentlich nur, wenn man in der Kirche ist und da tatsächlich sich zur Verfügung stellt. Und ich sage Ihnen, als Katholikin, die glaubt, haben wir dann tatsächlich die Hoffung, dass so etwas wie heiliger Geist da auch wirken möge!

Schwarz: Der heilige Geist, ja. Von Papst Benedikt, vom Papst, vom Vatikan sind ja nach den Erfahrungen der letzten Jahre keine Reformen, keine Veränderungen zu erwarten. Also gilt es jetzt, geduldig, einfach auf den nächsten zu warten?

Flachsbarth: Na ja, also, wir haben in Deutschland, nach dem schweren Missbrauchsskandal, den es gegeben hat in der katholischen Kirche, ja einen Dialogprozess angestoßen, die Bischöfe haben ihn angestoßen. An diesem Prozess beteiligen sich viele Glieder der Kirche, auch der Katholische Deutsche Frauenbund, und wir haben schon verschiedenste Vorstellungen, also gerade zum Umgang mit der Frau in der Kirche, in Bezug auf Führungspositionen, aber auch in Bezug auf das Diakonat, also auf ein Weiheamt, die wir ganz offensiv in diesen Dialogprozess einbringen. Und wir glauben tatsächlich, dass Kirche tatsächlich in einem solchen Entwicklungsprozess sich befinden muss. Wir feiern das 50-jährige Jubiläum der Einberufung des zweiten Vatikanischen Konzils und Kerngedanke dieses Konzils ist ja eigentlich die Teilhabe aller Getauften und aller Gefirmten. Also, Kirche ist nicht nur Kirche von Priestern und Bischöfen, sondern Kirche ist eben tatsächlich Kirche aller Christen, die sich entsprechend ihrer Talente einbringen müssen. Und das kann auch eine Chance für einen neuen Aufbruch sein, wir hoffen das sehr!

Schwarz: Maria Flachsbarth, Kirchenbeauftragte der CDU und Präsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Frau Flachsbarth, vielen Dank für dieses Gespräch!

Flachsbarth: Ich danke Ihnen herzlich!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr Infos zu diesem Thema auf dradio.de:

Das Anliegen der Frauen beim Zweiten Vatikanischen Konzil - Zeitzeugen erinnern sich

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