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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.10.2013

Katholiken stehen "am Anfang eines Epochenwechsels"

Bewegung "Wir sind Kirche" fordert transparenten Reformprozess

Christian Weisner im Gespräch mit Julius Stucke

Auch Ihr seid Kirche, findet Papst Franziskus. (picture alliance / dpa / Ettore Ferrari)
Auch Ihr seid Kirche, findet Papst Franziskus. (picture alliance / dpa / Ettore Ferrari)

Kirche sei kein Hierarchiegebäude mit Unten und Oben, sagt Christian Weisner, Sprecher von "Wir sind Kirche". Er lobt den von Papst Franziskus angestoßenen Dialog und fordert "neuen Wein in neuen Schläuchen".

Julius Stucke: Dieser Papst macht einiges anders – Franziskus, seit März das Oberhaupt der katholischen Kirche, traf sich mit Drogenabhängigen, mit Flüchtlingen, er forderte Barmherzigkeit für Homosexuelle und für Geschiedene und er will offenbar, dass auch die Kirche anders wird. Ab heute tagt eine Kommission aus acht Kardinälen, um über Reformschritte für die katholische Kirche nachzudenken. Erst mal soll es um die Struktur gehen, um Veränderungen der römischen Kurie, also der Ämter der katholischen Kirche, die Bürokratie des Vatikans, sie soll sich neu aufstellen. Aber es könnte auch mehr werden, grundlegender: "Wir müssen das Image Roms ändern", so ein Mitglied der Reformgruppe, Kardinal Reinhard Marx. Wie kommt das bei der Basis an? Kommt hier etwas Großes in Bewegung? Dazu gleich ein Gespräch mit einem Vertreter der Bewegung "Wir sind Kirche".

Zuerst aber und das Reformvorhaben. Tilman Kleinjung mit einem Blick auf die Probleme der Kurie

Stucke: Beginnt mit der Arbeit dieser Reformgruppe aus acht Kardinälen eine wesentliche Veränderung der Kirche? Darüber möchte ich mit einem Vertreter der Bewegung "Wir sind Kirche" sprechen, also einer Gruppe, die sich für eine Erneuerung der Kirche einsetzt. Christian Weisner, Sprecher von "Wir sind Kirche". Guten Morgen, Herr Weisner.

Christian Weisner: Ja, guten Morgen, Herr Stucke.

Stucke: Herr Weisner, bleiben wir zuerst mal beim organisatorischen, also strukturellen Teil der Reform, also der römischen Kurie. Viele Bischöfe haben vor der Papstwahl darauf aufmerksam gemacht, dass die Verwaltungsstrukturen im Vatikan moderner werden müssen. Bei Ihnen heißt das: mehr Kommunikation statt Kontrolle. Was soll sich konkret im Vatikan ändern?

Weisner: Ja, dass es da wirklich ein großes Kommunikationsdefizit gibt und dass da alles hinter verschlossenen Türen stattfindet und dass die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche damit entscheidend gelitten hat, das wissen wir alle. Wir haben also wirklich eine große Kirchenleitungskrise. Aber es kann jetzt nicht nur darum gehen, wirklich dieses wieder so klein, aber fein, und hinter verschlossenen Türen wieder neu zusammenzustellen, sondern es geht wirklich darum: Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, wir haben jetzt bei der Papstwahl gelernt, dass 62 Prozent der Katholiken und Katholikinnen schon in Lateinamerika leben.

Also, wir müssen internationaler werden und die Ortskirchen, da wo wirklich Kirche stattfindet, mit den Bischöfen, mit den Priestern, aber auch mit den Ordensleuten und den Laien, die alle Kirche sind, da muss wirklich etwas möglich werden. Und bisher haben wir immer sehr, sehr starke Kontrolle gehabt. Das ist aber nicht mehr passend in die heutige Zeit, und vor allen Dingen nicht in die jesuanische Botschaft, die wirklich eine Botschaft eigentlich der Freiheit des Christenmenschen ist.

Stucke: Herr Weisner, höre ich da richtig heraus, dass Sie ein bisschen daran zweifeln, ob diese Reformkommission, diese acht Kardinäle die richtigen sind, um hier etwas zu ändern?

Weisner: Ich hoffe sehr, dass es die richtigen sind. Und diese Kardinäle lernen ja auch voneinander. Jetzt lebe ich selber in München, wir kennen hier Kardinal Marx in Deutschland. Er ist auch einer, der in der Steuerungsgruppe von dem Gesprächsprozess in der deutschen Kirche ist. Da hat sich der Kardinal Marx noch nicht sehr als dialogbereiter Kardinal gezeigt. Und auch bei seiner eigenen Reform in seinem Bistum, da ist noch deutlich Luft nach oben, noch deutlich mehr Dialog möglich.

Ich hoffe also ein bisschen auch, dass er von Papst Franziskus und natürlich von den anderen Kardinälen lernt. Es geht jetzt wirklich, ich sag mal, ums Ganze, um diese Glaubwürdigkeit. Das soll nicht heißen, dass jetzt alles öffentlich ist, aber es wäre doch gut gewesen, wenn Kardinal Marx auch hier bei den deutschen Bischöfen, bei der Bischofskonferenz gefragt hätte: Was sind eure Anliegen? Denn er ist ja nicht nur Vertreter jetzt des Münchner Erzbistums da, sondern er ist auch Vorsitzender der Europäischen Bischofskonferenz, er ist Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz.

"Pastorale Probleme müssen in Rom zur Sprache kommen"

Also da hätte schon mehr, ich sag mal Gegenstromprinzip, von unten nach oben fließen können, damit wirklich die pastoralen Probleme, die auf der ganzen Welt drängend sind – das ist ja nicht nur in Deutschland, dass es das Problem der nach Scheidung Wiedergeheirateten gibt –, dass diese pastoralen Probleme auch in Rom zur Sprache kommen müssen. Wir müssen im Augenblick wirklich schauen, dass wir eine Struktur in der katholischen Kirche finden, die wirklich der heutigen Zeit und der Botschaft Jesu entspricht. Das ist keine leichte Aufgabe. Der Prozess ist aber angestoßen, aber er muss weitergehen, er muss transparenter werden.

Stucke: Okay, das ist sozusagen der strukturelle Teil der Reform, Herr Weisner. Wie sieht es denn inhaltlich aus? Wenn sich an der Struktur jetzt etwas ändert, wenn es offener wird, wie Sie es sagen und wie es Ihrer Ansicht nach werden soll – haben wir dann am End alten Wein in neuen Schläuchen, weil die ganze Kirche sich nicht ändert, sondern nur die Struktur?

Weisner: Nein, wir brauchen neuen Wein in neuen Schläuchen. Und genau das hat auch Franziskus gesagt. Wir müssen schauen, dass überholte Strukturen abgebaut werden. Das Wichtigste aber, und das ist mir in den letzten Tagen auch, als ich die Bischofskonferenz hier in Fulda auf ihrer Herbstvollversammlung verfolgt habe, das Wichtigste scheint aber, wir brauchen einen Mentalitätswechsel. Und gerade die Bischöfe und wir alle eigentlich, die wir immer nur Verbote aus Rom gehört haben, die wir immer nur Gehorsam geübt haben, die wir immer aus Rom zurückgepfiffen wurden, wie zum Beispiel mit diesem Gotteslob jetzt. Wie müssen wieder lernen, dass Kirche überall vor Ort stattfindet. Dass auch hier mehr Verantwortung vor Ort übernommen werden muss. Und das hatte gerade jetzt noch gestern der neue zweite Mann im Vatikan, der neue Staatssekretär Pietro Parolin gesagt. Kirche ist kein Hierarchiegebäude, dass es da ein Unten und da ein Oben gibt, sondern wir alle sind Kirche.

Insofern ist diese Botschaft "wir sind Kirche", denke ich, das ist die zentrale Botschaft. Das müssen wir alle lernen. Und das ist kein neues Zeug, sondern das hat sogar schon Pius XII., ein eher konservativer Papst, 1946 gesagt. Die Menschen müssen das Gefühl haben nicht nur, dass sie zur Kirche gehören, sondern sie sind Kirche. Und ich denke, dieses neue Bewusstsein von Kirche, das brauchen wir alle. Und dann kommen die anderen Sachen auch, die Frage eben, wie wir mit Homosexuellen umgehen, wie wir einen Platz für die Frauen, einen gleichberechtigten Platz schaffen. Dann kommen diese anderen Fragen auch. Ich glaube, wir sind erst am Anfang eines Epochenwechsels, aber es ist wichtig, dass das, was Franziskus jetzt, ich sag mal, ermöglicht hat, diese Denkverbote aufgehoben hat, dass das umgesetzt wird.

Stucke: Sagt Christian Weisner, Sprecher von "Wir sind Kirche". Herr Weisner, ich danke Ihnen für das Gespräch, wünsche einen schönen Tag.

Weisner: Gerne, Herr Stucke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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