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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 22.12.2012

Karikatur des dumpfen Metternich-Geistes der Zeit

Vor 175 Jahren wurde "Zar und Zimmermann" uraufgeführt

Von Georg-Friedrich Kühn

Das Gemälde von Amandus Faure zeigt eine Szene aus der Oper "Zar und Zimmermann" von Albert Lortzing. (picture-alliance/dpa/bifab)
Das Gemälde von Amandus Faure zeigt eine Szene aus der Oper "Zar und Zimmermann" von Albert Lortzing. (picture-alliance/dpa/bifab)

Als putzige Kleinbürgerposse gilt Albert Lortzings "Zar und Zimmermann" heute. Vom Komponisten war die Spieloper um Zar Peter den Großen bei seinem Gastarbeiterausflug nach Holland anders gemeint. Am 22. Dezember 1837 wurde sie in Leipzig uraufgeführt.

Der "Holzschuhtanz" – immer noch ein Hit beim Opernwunschkonzert. "Ein bisschen viel Dreiviertel-Takt", monierten schon damals die gestrengen Hüter ewiger Werte. Aber in Wien beim Kongress, wo die Oberen den Nachlass der französischen Revolution verwalteten, tanzten sie doch auch: Walzer.

Und Metternichs Schergen spionierten derweil gar nicht so heimlich bei den Untertanen, lochten die der Unbotmäßigkeit Verdächtigen ein – wie der selbstgefällige Bürgermeister von Saardam van Bett, gleich zu Beginn als Meister des "Expektorierens" sich rühmt.

Nein, nix da von niedlich-lustigem Kleinstadtsingspiel mit holländischen Meisjes. Albert Lortzing, der Textdichter und Komponist, 1801 geboren in Berlin und '51 dort gestorben, war ein genauer Beobachter seiner Zeit, Freimaurer, Menschenkenner.

Von manchen akademisch Gebildeten zumal in Leipzig mit seinem ehrwürdigen Gewandhaus wurde er nur mitleidig beäugt. Lortzing als ehemals vagabundierender Schauspieler und Sänger, nun am Leipziger Stadttheater, war Autodidakt, scharfzüngig.

Der Leipziger Theateramtsleiter Demuth bestrafte ihn wegen despektierlicher Extempores auf der Bühne sogar mit Kerker, was Lortzing ihm prompt in der Figur des van Bett wieder auftischte.

Die Uraufführung seiner bekanntesten Oper "Zar und Zimmermann" war 1837 in Leipzig "nur" ein verhaltener Erfolg. Erst die Berliner Premiere zwei Jahre später brachte den Durchbruch. Im Urteil des angesehenen Kritikers Ludwig Rellstab:

"Das beste Werk, welches von einem jüngeren deutschen Komponisten auf die Bühne gebracht wurde."

Der Hintergrund der Geschichte ist historisch verbürgt: Anno 1690 taucht im holländischen Zaandam ein 25-jähriger Russe auf. Er nennt sich Kalv, will bei Bootsbauer Rogge das Schiffsbauhandwerk lernen. Gerüchte kursieren: Wer ist dieser Mann? Der Bürgermeister untersucht den Casus. Schließlich wird klar. Es ist der russische Zar.
Ein Herrscher als einfacher Handwerker – für Lortzing war er das Vorbild eines modernen Staatsmanns. Schon 1790 in einer ersten Vertonung des Stoffs durch André Grétry wurde auf den pädagogischen Effekt gesetzt. Der letzte französische König Louis Seize war noch nicht geköpft. Man hoffte auf seine Lernbereitschaft.

Ein Dutzend weiterer Komponisten versuchten sich an dem Stoff. Lortzings Oper allein hält sich bis heute in den Spielplänen. Die Gefahr, dass dabei der aufgeblasene Bürgermeister als Knallerbse dient, sah Lortzing voraus, auch wenn er den van Bett, der seine Wichtigkeit wie eine Hostie vor sich herträgt, als Karikatur eines guten Amtsverwalters zeichnete.

"Der Charakter ist nicht komisch. Einige übertreiben und das ist nicht gut. Die Rolle ist durchaus nicht zum Faxenmachen geeignet."

Als Gegenbild setzt Lortzing den Reußen-Herrscher:

"Ein Zar, der um das beste seines Volkes willen sich eine Zeitlang seiner hohen Würde begibt und in fremdem Lande als gemeiner Matrose lebt und arbeitet: Man würde es für eine der gröblichsten Unwahrscheinlichkeiten erklären."

Detailreich karikiert Lortzing den dumpfen Metternich-Geist der Zeit. In seiner letzten großen Oper "Regina" von 1848 lässt er Arbeiter gegen ihren Patron revoltieren. Sozialromantik würde man heute sagen. Damals ein heiß gehegter Wunsch nach Umkehrung der Verhältnisse von Unten und Oben. Das Szenario ist eröffnet: Auftritt Zar Peter mit Donnerschlag.

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