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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 11.11.2009

"Kapitalismus - eine Liebesgeschichte"

Hannelore Heider über Michael Moores neue Abrechnung mit den USA

Während in der Nachkriegszeit die breite Bevölkerung vom Kapitalismus profitierte, sind es Jahrzehnte später nur noch wenige - diese These vertritt Regisseur Michael Moore in seinem neuesten Dokumentarfilm.

USA 2009, Regie: Michael Moore, Darsteller: (Mitwirkende) Michael Moore, William Black, Wallace Shawn, Jimmy Carter, ab 6 Jahren, 127 Minuten

Dass der Titel sarkastisch gemeint ist, versteht sich bei Michael Moore von selbst, doch die satirisch-dokumentarische Reise an die Wurzel allen Übels, das in der aktuellen Finanzkrise kulminiert ist, beginnt wirklich als Liebesgeschichte. Michael Moore belegt mit den Super-8-Filmen seiner eigenen Familie eine Kindheit, die nicht nur in der Rückschau, sondern vor allem auch im Vergleich zu den heutigen Verhältnissen rosig war. Der amerikanische Nachkriegskapitalismus ließ auch die sogenannten kleinen Leute an der Prosperität teilhaben.

Erkauft war das zu einem Gutteil durch den riesigen Markt, den der Krieg für den amerikanischen Kapitalismus in Europa freigeräumt hatte. Was Jahrzehnte später, in den 80er-Jahren unter Ronald Reagan, folgte und was Michael Moore gut recherchiert dokumentiert, war der gigantische Raubzug des großen Kapitals und seiner Erfüllungsgehilfen in der Regierung, die einen ganzen Staat für ihre profitmaximierten Verwertungsbedingungen umbaute.

Diese Erkenntnisse, auf die es Michael Moore bei aller Unterhaltsamkeit seines Filmmixes vor allem ankommt, kontrastiert er durch bewegende Begegnungen mit Menschen, die diesem Raubzug zum Opfer gefallen sind. Damals in Detroit, als eine ganze Stadt durch den Niedergang der Autoindustrie verarmte, ebenso wie heute, wo die Menschen im Ergebnis der Finanzkrise ihre Häuser, ihre Existenz verlieren.

Stärker noch als in seinen vorangegangenen Filmen und trotz aller Kritik an dieser "Personalisierung" bringt sich der Regisseur mit eigenen Erfahrungen, ja sogar seinem eigenen Vater im Interview ein. Die enttäuschte Liebe des Michael Moore offenbart eine große Portion Wut und die Absicht, mit den inzwischen perfektionierten, oft sehr unterhaltsamen Mitteln des Filmemachers, auch den Zuschauer in Erkenntnis und Widerstand einzubeziehen.

So findet er signifikante Beispiele für die "Entartung" des Kapitalismus als allein profitorientiertes Wirtschaftssystem, die keinen Zuschauer kaltlassen können, wie die elende Bezahlung von Piloten oder die durch Korruption erreichte, willkürliche Verbringung von Jugendlichen in Zuchtanstalten. Wie ein Thriller aufbereitet ist die ganz aktuelle Aktion des Großkapitals, sich unter Bush jr. zur Abminderung der Finanzkrise die Steuermilliarden einzuverleiben. Und letztlich steht Michael Moore auch wieder abgewiesen vor verschlossenen Chefetagen, worauf er die gesamte Wallstreet als "Crime scene" markiert.

Michael Moore hat längst die Grenzen des klassischen Dokumentarfilmes verlassen. Nicht der Unanfechtbarkeit von Dokumenten, sondern deren zwingender Verknüpfung und Bildhaftigkeit gehört sein vornehmliches Interesse. Mitdenken wird bei ihm im Kino zum Vergnügen, so komplex und schwierig das Thema auch jedes Mal ist. Und das danken ihm die Zuschauer.

Filmhomepage: "Kapitalismus - eine Liebesgeschichte"

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