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Kampf im Reich der Insekten

Michael Crichton, Richard Preston: "Micro", Blessing Verlag, München 2012, 544 Seiten

Nach dem Lesen von "Micro" wird man ein anderes Bild von Milben haben als zuvor.
Nach dem Lesen von "Micro" wird man ein anderes Bild von Milben haben als zuvor. (AP)

Gegen ihren Willen geschrumpfte Studenten stehen in "Micro" Ameisen und Spinnen auf Augenhöhe gegenüber. Der vom 2008 verstorbenen Michael Crichton begonnene Thriller wurde von Richard Preston zu Ende geschrieben – und bietet einen ambivalenten Blick auf die Natur.

Auch zunächst sehr konstruiert wirkende literarische Einfälle können zu interessanten Ergebnissen führen, wenn man sie nur konsequent genug durchzieht. So ist es bei dem Thriller "Micro", den einer der klassischen Autoren dieses Faches, der US-Amerikaner Michael Crichton, vor seinem Tod im Jahr 2008 noch angefangen hat und zu einem Drittel fertig geschrieben haben soll – und der nun von seinem Autorenkollegen Richard Preston in seinem Sinne fertiggestellt wurde.

Die Grundidee erinnert dabei an B- oder auch gleich C-Horror-Movies aus den 50er-Jahren: Man lässt Menschen schrumpfen und schickt sie in einem mörderischen Kampf ins Reich der Insekten. So ist das auch in "Micro". Gerade einmal 13 Millimeter groß sind die Mitglieder der Studentengruppe, die sich in ihm, nachdem der Bösewicht sie etwa auf Seite 100 gegen ihren Willen in die Schrumpfungsanlage geschickt hat, durch den Urwald von Hawaii kämpfen muss, Begegnungen mit Ameisensoldaten, Wespen und selbstverständlich Spinnen inklusive, und zwar wortwörtlich auf Augenhöhe. Klar, dass das nicht alle Mitglieder der Gruppe überleben werden.

Aber seltsam, obwohl diese Idee weit hergeholt wirkt und obwohl die Charakterzeichnungen der einzelnen Figuren, gelinde gesagt, etwas flach ausfielen – das Ergebnis ist nicht nur ein spannender Pageturner, sondern sogar auch ein Roman, der einem seine alltägliche Umgebung mit neuen Augen sehen lässt. Auf Milben und Regenwürmer wird man danach anders sehen als zuvor.

Denn während die Krimihandlung absehbar ist – ein aufstrebender Technikkonzern versucht seine Erfindungen geheim zu halten, um sie besser ausbeuten und zu Geld machen zu können –, ist die Welt der Kleintiere im Urwald großartig beschrieben. So wie die Dinosaurier in Crichtons Welterfolg "Jurassic Park" machen hier Schmetterlinge und Tausendfüßler, Weberknechte und Käfer die Show. Crichton/Preston beschreiben ihr Verhalten stets nachvollziehbar und stellenweise sogar liebevoll. "Ein Wunderland voll unbekanntem Leben" entdecken die Studenten in ihrer ungewohnten mikroskopischen Perspektive.

Der Mutterboden selbst erscheint für sie lebendig, so sehr kreucht und fleucht es in ihr an wimmelnden Kleinstlebewesen. Eine Bodenprobe von nicht einmal einem Quadratmeter Fläche enthält mehr Kleinlebewesen, so wird dem Leser an einer Stelle erklärt, als es auf der ganzen Erde Großlebewesen gibt. Wer der Natur auf die Spur kommen will, muss sich eben in diese Mikro-Perspektive begeben, das ist im Kern das Anliegen dieses Romans. Und wenn man diese 500 Seiten durchgelesen hat, glaubt man ihm das durchaus.

Der Blick auf die Natur fällt dabei ambivalent aus, wie stets bei Michael Crichton. Neben ihrer Schöpfungskraft beschreibt er auch ihre Gleichgültigkeit den einzelnen Lebewesen gegenüber, uns Menschen eingeschlossen. Denn die Studenten sind selbstverständlich nicht nur Beobachter, sondern auch Beute. "Wir sind nur Eiweiß", sagt einer der Studenten an einer Stelle. Aber immerhin, kann man dem nach der Lektüre entgegenhalten, Eiweiß, das ziemlich interessante Technik- und Naturthriller zu schreiben versteht. "Micro" ist jedenfalls ein Buch, dem man überraschend viele Einsichten abgewinnen kann.

Besprochen von Dirk Knipphals

Michael Crichton, Richard Preston: Micro
Aus dem Englischen von Michael Bayer
Blessing Verlag, München 2012
544 Seiten, 22,95 Euro

Mehr zum Thema auf dradio.de:
Buchrezension "Micro", (DLF, Wissenschaft im Brennpunkt vom 17.6.2012)
Science und Fiction - Wie Thriller den schmalen Grat zwischen Fakten und Fiktion meistern, (DLF, Wissenschaft im Brennpunkt vom 17.6.2012)



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