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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.12.2015

Kampf gegen WildererDrohnen über der Savanne

Von Michael Lange und Frank Grotelüschen

Nashorn im Krüger-Nationalpark in Südafrika (imago/Anka Agency International)
Hightech-Waffen sollen Nashörner in Nationalparks vor Wilderern beschützen. (imago/Anka Agency International)

Wildhüter rüsten auf: Um bedrohte Tiere vor Wilderern zu beschützen, setzen sie auf modernste Waffen-Technologie. Schutzsysteme aus Drohnen und Satelliten sollen die Tiere davor bewahren, getötet und auf dem Schwarzmarkt zu Spitzenpreisen verkauft zu werden.

Ein etwa drei Tonnen schweres Nashorn und ein Jungtier stehen im hohen Gras der Savanne. Den Bus, der sich langsam nähert, scheinen die beiden gar nicht zu bemerken.

Der Wissenschaftler David Bunn begleitet eine Besuchergruppe durch den Krüger Nationalpark in Südafrika.

"Ich bin sehr überrascht, Nashörner hier zu sehen. Der zuständige Wildhüter hat mir gestern berichtet, dass fast alle Tiere in diesem Teil des Parks von Wilderern getötet wurden. Der Nationalpark verliert sehr viele Nashörner jedes Jahr."

Knapp 20.000 Breitmaulnashörner leben im südlichen Afrika. Es ist die größte frei lebende Nashorn-Population. Aber die Zahl der Tiere sinkt dramatisch. Wenn es so weiter geht, ist in zehn bis zwanzig Jahren kein Nashorn mehr übrig.

"Charismatische Tiere, sie haben fast so etwas Urweltartiges mit einer Haut, die eher aussieht wie ein Panzer."

Als Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt reist der Zoologe Christof Schenck immer wieder nach Afrika, um Schutzprojekte zu koordinieren. Eine Begegnung mit einem Nashorn ist für ihn jedes Mal ein Erlebnis.

"Die haben zum Beispiel einen sehr guten Geruchsinn. Sie können über 700 Meter schon Witterung aufnehmen. Sie haben auch einen guten Gehörsinn, aber sie sehen sehr schlecht. Und wenn da irgendetwas ist, das sie nicht einschätzen können, und weil sie so groß und wehrhaft sind, dann ist Angriff oft die beste Verteidigung. Und deshalb sollte man sich da schon sehr in Acht nehmen."

Weltweit leben fünf Nashornarten: Drei in Asien und zwei in Afrika. Dort unterscheiden Biologen zwischen den Spitzmaulnashörnern und den Breitmaulnashörnern. Einst waren sie über den gesamten afrikanischen Kontinent verbreitet bis nach Ägypten. Heute gibt es nur noch Restpopulationen.

"Also wir sehen uns durchaus nach wie vor einem Tsunami der Wilderei ausgesetzt. Deswegen müssen wir unsere Anstrengungen unbedingt erhöhen."

Beim Breitmaulnashorn gibt es zwei Unterarten. Das nördliche ist so gut wie ausgestorben. Zurzeit versuchen Wissenschaftler die Unterart durch moderne Techniken aus der Reproduktionsmedizin zu retten. Das "südliche Breitmaulnashorn" in Südafrika und Namibia hat von allen Unterarten die besten Überlebenschancen. Was den Tieren jetzt zum Verhängnis wird, ist ihre wichtigste Waffe: ihr Horn auf der Nase. Die afrikanischen Rhinozerosse besitzen zwei Nasenhörner, ein großes vorne und dahinter ein kleineres. Der Marktwert für ein großes Horn beträgt in Vietnam, China oder im Jemen bis zu 150.000 Euro.

Der Sozialwissenschaftler David Bunn koordiniert ein Forschungsprogramm für ländliche Entwicklung. Es gehört zur "University of the Witwatersrand" in Johannesburg. Die Entwicklung im Krüger-Nationalpark bereitet ihm große Sorge.

"Zurzeit spitzt sich die Lage zu. Immer mehr Nashörner werden von Wilderern getötet. Auf der anderen Seite spenden Naturschutzorganisationen Geld zum Schutz der Tiere. Sie unterstützen die Ranger, ihre Ausbildung und Bewaffnung. Sogar Ballone mit Infrarotkameras schweben am Himmel – all solche Dinge."

Das Naturschutzgebiet "Krüger-Nationalpark" ist etwa so groß wie das Bundesland Rheinland-Pfalz. Tagsüber fahren Tausende Touristen friedlich durch den Park. Nach Sonnenuntergang jedoch herrschen kriegsähnliche Zustände. Schnelle Geländewagen, Nachtsichtgeräte und Maschinengewehre kommen zum Einsatz.

"Die meisten glauben, nur eine militärische Lösung könne die Nashörner retten. Einige Nashornschützer fordern, dass Wilderer auf frischer Tat erschossen werden sollten. Das ist in anderen Ländern wie Kenia erlaubt. In Südafrika dürfen die Ranger nur schießen, wenn das Feuer auf sie eröffnet wird. Und viele Ranger und Naturschützer sind tatsächlich schon in Feuergefechte geraten."

Der Naturschützer Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt sieht in der "Aufrüstung" zwar nicht die Lösung des Problems, er hält sie aber für notwendig, um den Kampf gegen die Wilderer nicht zu verlieren.

"Diese Wilderer tragen ja Waffen - und oft auch sehr hoch gerüstete Waffen. Und deshalb ist das sehr gefährlich für die Ranger. ... Von daher ist es nur logisch, dass die Ranger Gebrauch von ihren Waffen machen und das auch dürfen."

Nun erhalten die Ranger weitere Unterstützung – Hilfe durch Hightech, Hilfe aus der Luft.

"Nashörner haben große Reviere, und wir haben überlegt, wie wir den Wildhütern helfen können, diese Reviere möglichst gut im Blick zu haben. Die Lösung ist eine Drohne – ein kleines unbemanntes Flugzeug, das vom Himmel aus die Tiere erkennt, aber auch andere Objekte identifiziert, z.B. Autos und Menschen."

Camiel Verschoor, Chef von Dutch UAS, einer Startup-Firma aus Amsterdam.

"Unsere Drohne ist anderthalb Meter groß, mit Tragflächen aus Styropor. Angetrieben wird sie von zwei Elektropropellern. Sie fliegt etwa 60 km/h schnell und bis zu 125 Meter hoch. Gesteuert wird sie per Autopilot und GPS. Eine Kamera an Bord macht Luftbilder, und die werden dann per Funk an einen Laptop geschickt."

Auf dem Laptop läuft eine spezielle Software. Sie erkennt automatisch die Nashörner, aber auch andere Objekte, etwa die Autos von Wilderern. Der Vorteil: Nicht der Wildhüter muss jedes Foto auf dem Bildschirm mühsam durchmustern, sondern die Software markiert automatisch die Tiere oder verdächtige Objekte.

"Das System erweitert das Sichtfeld des Rangers. Der hält einfach ein Tablet in den Händen und gibt den Kurs ein. Dann startet er die Drohne und kann sich einen Überblick über seine Umgebung verschaffen, kann z.B. nachschauen, wo die Tiere gerade sind. Wichtig dabei: Die Drohne fliegt vollautomatisch, der Wildhüter braucht keinerlei Erfahrung als Modellflugzeug-Pilot."

Mittlerweile hat das Team von Camiel Verschoor die Technik mehrfach getestet.

"Das Ergebnis: Im Prinzip ist unser System in der Lage, die Nashörner in der offenen Savanne automatisch zu erkennen."

Die Kosten für eine Drohne: weniger als 10.000 €, finanziert durch Spenden. Allerdings müssen die Experten die Software noch verfeinern, damit sie die Nashörner nicht mehr mit anderen Objekten verwechselt, mit umgestürzten Baumstämmen etwa. Die Vision der Techniker: Langfristig sollen solche Aufklärungsdrohnen nicht nur als verlängertes Auge des Wildhüters dienen, sondern als autonomes Überwachungssystem.

"Das wäre ein System, bei dem mehrere Drohnen kontinuierlich über einem Wildpark kreisen. Für den Krüger-Nationalpark etwa, der so groß ist wie Rheinland-Pfalz, würde man 250 Drohnen brauchen, um ihn vollständig zu überwachen."

In eine ähnliche Richtung geht das Projekt von Professor Thomas Snitch von der University of Maryland in den USA. Zusätzlich zu den Drohnen setzt er auf eine Unterstützung aus dem All.

"Wir verwenden superscharfe Satellitenaufnahmen mit einer Auflösung von einem halben Meter. Auf diesen Bildern lässt sich alles erkennen, was größer ist als ein Laptop. Auf Basis dieser Aufnahmen erstellen wir eine präzise topographische Karte eines Wildparks: Wo sind Flüsse, wo Erhebungen, wo ist es besonders steil? Dadurch können wir herausfinden, wo sich die Tiere in einem Wildpark höchstwahrscheinlich aufhalten und wo nicht. Nashörner meiden zum Beispiel sehr felsige und steile Areale. Hier müssen wir also nicht patrouillieren."

Auf diese Karten lassen die Forscher dann ausgefeilte mathematische Algorithmen los, in die verschiedenste Daten einfließen. Etwa dass die Wilderer meist zwischen halb sieben und acht Uhr abends zuschlagen, also wenn es bereits dunkel ist. Dass sie bevorzugt bei Vollmond agieren, der besseren Lichtverhältnisse wegen. Und dass sie meist in der Nähe einer Straße agieren, dann ist der Fluchtweg gesichert.

"Das alles hilft uns abzuschätzen, wo sich die Tiere und auch die Wilderer sich bestimmten Zeiten aufhalten. Und genau dorthin schicken wir dann unsere Ranger."

Die Ranger sind mit kleinen Aufklärungsdrohnen ausgerüstet, drei Meter Flügelspannweite, bestückt mit Nachtsichtkameras.

"Die Drohnen können die Wilderer bereits aus einer Entfernung von 5 bis 10 Kilometern erkennen, wie sie sich auf die Tiere zubewegen. Genug Zeit für unsere Ranger, die Wilderer rechtzeitig abzufangen."

2013 haben Snitch und seine Leute das System erstmals erprobt. Es folgten weitere Einsätze, zuletzt in Mosambik.

"In manchen Gegenden, wo pro Monat bis zu 19 Nashörner getötet worden waren, hörte die Wilderei eine Woche, nachdem wir mit unserer Operation begonnen hatten, komplett auf. Selbst in Mosambik, wo wir unsere Drohnen nicht einsetzen durften, weil wir keine Flugerlaubnis erhielten, waren wir erfolgreich. Dort konnten wir allein auf Basis der Satellitenbilder und unserer mathematischen Algorithmen ziemlich genau sagen, wo sich die Nashörner in einem Areal von 500 Quadratkilometern aufhielten. Übrig blieben einige wenige Gebiete, wo die Tiere in Gefahr waren. Und es reichten 6 bis 7 Wildhüter, um diese Gebiete zu überwachen und die Wilderei zu unterbinden."

Offenbar ein erfolgversprechendes Konzept. Doch es gibt auch Einschränkungen und manches Problem. Bei starkem Regen etwa können die Drohnen nicht fliegen. Und:

"Wenn die Wilderer merken, dass wir ein Gebiet überwachen, weichen sie auf ein anderes aus."

Sämtliche Gebiete lückenlos zu überwachen scheint unrealistisch, weil zu teuer. Deshalb sollte man die Einsatzgebiete der Drohnen-Teams nach dem Zufallsprinzip wechseln, schlägt Thomas Snitch vor. Denn ein Zufallsmuster kann kein Wilderer durchschauen, er müsste also ständig damit rechnen, auf frischer Tat ertappt zu werden. Und das sollte manch einen Wilderer abschrecken, so die Hoffnung. Eine weitere Hürde: die Ranger vor Ort. Sie zeigen sich anfangs nicht gerade begeistert von den Drohnen.

"Meist reagieren die Wildhüter skeptisch oder sogar feindselig auf unsere Technologie. Sie befürchten, dass ihnen die Drohnen den Job wegnehmen! Doch dann zeigen wir ihnen, welche Vorteile die Technik für sie hat. Denn immer wieder kommen Ranger ums Leben, weil sie auf ihren Patrouillen von Wilderern überrascht werden, oder auch von Löwen. Drohnen können das verhindern: Sie erkennen die Wilderer aus sicherer Entfernung, und die können dann nicht mehr aus den Hinterhalt angreifen."

Doch die größten Probleme liegen nicht in der Technik und auch nicht in der Akzeptanz der Wildhüter. Die eigentlichen Hemmnisse heißen Bürokratie und Korruption, meint Thomas Snitch.

"Die größte Herausforderung in Afrika besteht darin, von den Behörden eine Flugerlaubnis für die Drohnen zu erhalten. Da gibt es sehr strenge Regeln. In Südafrika etwa mussten wir sogar eine eigene Fluggesellschaft gründen, um unsere Drohnen einsetzen zu können. Manchmal aber fragen wir uns, ob überhaupt der politische Wille da ist. Um ehrlich zu sein: Es gibt in Afrika viel Korruption. In manchen Behörden gibt es Leute, die die Wilderei gar nicht stoppen wollen, weil sie damit viel Geld verdienen. Deshalb stoßen wir in einigen Ländern auf große Widerstände: Sie verweigern uns schlicht, auf ihren Territorien operieren zu dürfen."

Drohnen und Satelliten können das Problem zwar nicht lösen, aber zumindest mildern, meint Thomas Snitch. Auch der Zoologe Christof Schenck befürwortet moderne Techniken zum Schutz der Tiere, aber er weiß auch, dass sich der Kampf um das Nashorn allein mit Drohnen und mit Waffen nicht gewinnen lässt.

"Südafrika investiert enorm viel, auch in die Ausrüstung der Ranger, in der Ausbildung, in der Informanten-Arbeit, in der Anschaffung von Helikoptern und Nachtsichtgeräten. ... Man muss die Chancen enorm erhöhen für die Wilderer gefasst zu werden. Und dann muss es eine sehr gute Strafverfolgung geben."

Trotz aller Bemühungen: Derzeit werden nur wenige Wilderer gefasst und kommen vor Gericht. Und wenn, dann fehlen oft die nötigen Beweise, um sie zu verurteilen. Um das zu ändern, haben Wissenschaftler der Universität von Pretoria eine DNA-Datenbank für Nashörner angelegt. Etwa 3.000 Blut- und Gewebeproben der Tiere haben die Forscher um Cindy Harper am Labor für Veterinär-Genetik bereits genetisch untersucht.

"2012 hat die Regierung beschlossen, biologische Proben aller Nashörner in Südafrika zu sammeln und die DNA-Daten zu erfassen. Seitdem haben wir begonnen, eine Datenbank namens Rhodis aufzubauen. Damit lassen sich Nashörner und Nashornspuren identifizieren, genau wie mit dem genetischen Fingerabdruck in der Gerichtsmedizin."

Sprecherin:
Sobald Wildhüter einen Nashornkadaver entdecken, entnehmen sie kleine Mengen der Haut oder etwas Blut der Tiere. Sie packen die Proben in spezielle Plastiktaschen und beschriften sie. Damit sie alle Daten schnell und sorgfältig vor Ort erfassen können, haben Mitarbeiter von Cindy Harper eine spezielle App entwickelt.

Die App auf dem Tablet oder dem Smartphone speichert zunächst die GPS-Koordinaten des Fundortes, außerdem den Barcode auf der Plastiktasche mit den biologischen Proben.

Das funktioniert mit einem Scanner. Alternativ lässt sich auch ein Zahlencode eintippen.

Noch ein Foto der Tasche mit den Proben, ein Foto vom Fundort, abspeichern und fertig.

Die Daten werden online an die Zentrale der DNA-Datenbank nach Pretoria übermittelt. Die Tasche mit den verpackten Proben erreicht ein paar Tage später das Labor von Cindy Harper.

"Beim Rhinozeros untersuchen wir 24 Positionen im Erbgut. Das sind mehr als man für den genetischen Fingerabdruck zur Identifizierung von Menschen braucht. Diese Genauigkeit ist notwendig, weil unsere heutigen Nashörner in Südafrika alle von nur etwa einhundert Tieren abstammen. Sie sind einander genetisch sehr ähnlich. Deshalb müssen wir genau hinschauen, um die einzelnen Tiere eindeutig zu identifizieren. Wir brauchen eine große Sicherheit - zum Beispiel in Gerichtsverhandlungen."

"Einige Wilderer konnten durch die DNA-Datenbank bereits überführt werden. Es reicht, wenn die Ermittler winzige Spuren Pulver aus Nasenhorn in einer Tasche finden oder auf einer Waffe. Durch die Datenbank können die Wissenschaftler den Behörden mitteilen von welchem Nashorn die Spuren stammen. Die genaue Datenerfassung liefert so handfeste Beweise."

Cindy Harper öffnet einen Schrank und nimmt eine durchsichtige Kunststoffhülle heraus. Darin ein großes Messer - wie eine Machete.

"Das hier stammt aus einem aktuellen Fall. Die Polizei hat die Waffe bei einem Verdächtigen gefunden. Wir nennen das ein Panga, eine Art Machete, mit der die Wilderer das Horn der Tiere abschlagen. Wenn wir jetzt Nashorn-DNA auf der Klinge nachweisen, und die gleiche DNA bei einem getöteten Tier gefunden wurde, dann kann dem Verdächtigen die Tat nachgewiesen werden."

Bereits mehrfach hat die Genetikerin Cindy Harper als Gutachterin an Gerichtsverhandlungen teilgenommen. Sie konnte dazu beitragen, dass einzelne Wilderer oder Schmuggler in Südafrika verurteilt wurden. Die Drahtzieher jedoch lassen sich bisher nicht überführen.

Viele Beobachter wie Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt haben den Eindruck, dass die Behörden der Einfuhrländer die Bekämpfung des Handels mit Nasenhorn nicht als vordringliche Aufgabe betrachten. Im Jemen und in Südostasien hat der Nashornhandel Tradition über viele Jahrhunderte. In der chinesischen Medizin werden dem Pulver aus Nasenhorn verschiedene heilende Wirkungen zugeschrieben.

"Man nimmt Nasenhorn für alle möglichen Krankheiten: Chronische Krankheiten, Krebserkrankungen, wo man keine Hoffnung mehr hat. Es ist eher ein Aberglauben in der westlichen Welt, dass Nasenhorn zur Potenzsteigerung verwendet wird. Das ist nicht die Hauptverwendung. Das sind nur wenige Fälle. Aber man nimmt es für alles Mögliche. Zum Beispiel wissen wir, dass es luxuriöse Partys gibt in der neureichen Gesellschaft in Asien. Da nimmt man Nasenhorn als hangover treatment gegen die Kopfschmerzen am nächsten Tag. Das reibt man dann in das Glas, und dann weiß jeder Gast auf der Party, dass so ein Glas 2.000 Euro wert ist."

Dabei gibt es keinerlei Hinweis auf irgendeine medizinische Wirkung des Nasenhorns, das haben mehrere Studien gezeigt. Wie Fingernägel oder Haare besteht das Horn aus dem Eiweiß Keratin. Wer Nasenhorn nimmt, könnte ebenso gut an seinen Fingernägeln kauen.
Bis dieses Wissen auch die reiche Kundschaft erreicht, suchen Experten in Südafrika nach Notlösungen, um die nächsten Jahrzehnte zu überbrücken.

Vielleicht würde es reichen, einige Dutzend Tiere ohne Nasenhorn in kleinen Farmen oder umzäunten Reservaten zu schützen. Sie könnten dann, wenn die Wilderei irgendwann besiegt ist, eine neue Nashorn-Population begründen, so der Plan.

Der Rückzug in umzäunte Reservate ist in Augen von Naturschützern jedoch nur eine Notlösung. Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt betont: Es gehe nicht nur um den Schutz einer einzelnen Art, sondern um den Schutz der Wildnis.

"... Wenn man zu kleine umzäunte Gebiete hat, dann kommt man sehr dicht an die Entwicklung eines Zoos. Aber bei besonders bedrohten Arten kann das durchaus auch eine nützliche Hilfe sein."

Die Besitzer der privaten Nashornfarmen und Safariparks haben ohnehin andere Vorstellungen. Naturschutz und Artenschutz stehen für sie nicht im Vordergrund. Ihr Geld verdienen sie mit Jagdgästen, Tourismus und dem Verkauf lebender Tiere. In Zukunft würden sie gerne mitverdienen am Nasenhornmarkt. Denn Nasenhorn wächst nach - es ließe sich ernten wie Früchte oder Getreide.

"Nasenhorn kann man tatsächlich den Tieren abnehmen, ohne die Tiere töten zu müssen. Man muss sie narkotisieren. Und man muss einen Teil des Horns stehen lassen, die untere Basis. Aber den Rest könnte man in der Tat absägen."

Die Regierung Südafrikas lässt bereits untersuchen, ob eine kontrollierte Legalisierung des Nashorn-Marktes möglich wäre. Die wichtigste Frage lautet: Würde nachwachsendes Nasenhorn von privaten Farmen den Preis pro Horn senken? Und würde die Wilderei in der Folge tatsächlich nachlassen? Christof Schenck hält das für unrealistisch.

"Die Marktpreise in Asien sind so astronomisch hoch. Wir sprechen da bei Nasenhorn von etwa 150.000 Euro pro Horn. Das heißt: Selbst wenn man einige Nasenhörner auf den Markt bringen würde, würde das einen marginalen Effekt haben. Aber wir wissen, dass die Vermischung von einem illegalen und einem legalen Handel immer den illegalen Handel enorm verstärkt. Deshalb würden wir sagen: In keinem Fall irgendeine Handelsfreigabe zu machen bei Elfenbein oder bei Nasenhorn."

Beim Nashorn geht es ohnehin längst nicht mehr in erster Linie um ein Heilmittel für die traditionelle chinesische Medizin. Das Horn aus Afrika ist in Asien zum Statussymbol geworden. Durch das Verschwinden der Tiere wird das Angebot weiter sinken, gleichzeitig steigt die Nachfrage - und damit der Preis. Eine bessere Geldanlage als ein oder mehrere Nashorn-Hörner im Safe ist kaum vorstellbar, wenn auch illegal.

"(...) in Vietnam wie in China und anderen asiatischen Ländern gibt es inzwischen sehr reiche Menschen. Und diesen Reichtum muss man zeigen,... Und das tut man mit Elfenbein und Nasenhorn."

In den Dörfern rund um den Krüger Nationalpark ist die Wilderei ein ständiges Thema. Auf Seiten der Wilderer wie auf Seiten der Wildhüter sind es Menschen aus der Region, die im Kampf um die Nashörner ihr Leben riskieren.

Auf einem zentralen Platz haben sich viele meist junge Dorfbewohner zu einem Fest getroffen. Während die Musik aus dem Lautsprecher kurz unterbrochen wird, führen ein paar junge Männer traditionelle Tänze auf.

Der Sozialwissenschaftler David Bunn ist viel in den Dörfern am Rande des Krüger Nationalparks unterwegs. Er leitet ein Programm der University of the Witwatersrand zur Entwicklung des ländlichen Raums.

"Sie werden die Wilderei niemals beenden, indem sie jedes einzelne Nashorn verteidigen. Das ist unmöglich in einem so riesigen Gebiet. Die Nashörner können nur gerettet werden, wenn die Gemeinden rund um den Nationalpark beim Schutz mitmachen."

Die jungen Männer versichern, dass aus ihrem Dorf niemand Nashörner töten würde. Aber der Dorfvorsteher verrät: Einen Elefanten habe man kürzlich erlegt, als er den Nationalpark verlassen hatte und die Felder des Dorfes zertrampelte.

Für David Bunn jedoch ist es zu wenig, die Nashörner nur zu verschonen. Er will jeden Dorfbewohner zum Nashornschützer machen.

"Indem wir die Gründung neuer Schutzgebiete fördern, die von den umliegenden Gemeinden betrieben werden, werden Pufferzonen entstehen. Hier leben dann Rhinozerosse unter dem Schutz der einheimischen Bevölkerung. Die Bewohner werden dann Einnahmen aus dem Tourismus erhalten."

Einfach umzusetzen sind solche Pläne nicht. Das zeigt eine Doktorarbeit zum Thema "illegaler Nasenhornmarkt". Annette Hübschle-Finch, eine junge Südafrikanerin aus Cape Town mit einem deutschen Vater hat sie für das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln erstellt. Ein Jahr lang war sie in der Region unterwegs und hat über 400 Interviews geführt.

"Ich habe mit verurteilten Nashorn-Wilderern und Schmugglern gesprochen. Das waren die interessantesten Interviews meiner Forschungsarbeit. So habe ich einen Eindruck gewonnen von der Situation vor Ort, von der Struktur des Marktes und von der Wertschöpfungskette."

Annette Hübschle-Finch glaubt, dass es weniger die Armut ist, die junge Männer zu Wilderern macht. Vielmehr ist es das Gefühl der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ungerechtigkeit. Und das hat viel mit der Geschichte des Landes zu tun: Dem Erbe der Kolonialzeit und der langen Apartheit in Südafrika.

"Es geht um Menschen, die ihr Land und ihre Jagdrechte verloren haben. Und jetzt werden sie aus den großen staatlichen Nationalparks und privaten Safari-Parks ausgesperrt. Nach dem Ende der Apartheit wurden einige Parks vergrößert, viele Bewohner verloren ihren Besitz und mussten die Parks verlassen."

Sie fand heraus, dass auch nach der Verurteilung die meisten Wilderer keine Reue zeigen und kein Verständnis für den Schutz der Nashörner.

"Sie empfinden Wut oder fühlen sich zurückgesetzt. Ich habe in vielen Gesprächen erfahren, dass sie nicht verstehen, warum die Jagd auf Nashörner und der Handel mit Nasenhorn illegal sein sollten."

Annette Hübschle-Finch ist auch über die Grenze ins Nachbarland Mosambik gefahren. Was sie dort gesehen hat, zeigte ihr drastisch die Folgen, die der hochgerüstete Kampf um jedes Nashorn bei den Einheimischen hinterlassen hat.

"Im letzten Jahr wurden etwa 50 Wilderer getötet. Denn Wildhüter und Schutzpersonal dürfen auf Wilderer schießen - zur Selbstverteidigung. Ich war sehr erschrocken, als ich den Friedhof hinter der Grenze besuchte und erfuhr, dass über 300 Menschen in den letzten fünf Jahren getötet wurden. Die Menschen in den Dörfern sind entsetzt. Und was ich in Gesprächen mit den Einwohnern immer wieder hörte, war der Satz: Ein wildes Tier ist hier anscheinend mehr wert als ein Mensch."

Die Arbeit der Wissenschaftlerin macht klar, wie fatal der bewaffnete Kampf um jedes einzelne Nashorn ist - für Menschen in der Region und letztlich auch für die Tiere.

Die Aufrüstung innerhalb und außerhalb der Schutzgebiete schadet letztlich auch dem Tourismus. Deshalb ist es so wichtig, die Drahtzieher des Nasenhornhandels ausfindig zu machen und zu verurteilen. Aber die Zeit wird knapp. Das weiß David Bunn. Das von ihm koordinierte Forschungsprogramm für ländliche Entwicklung soll Auswege finden.

"Nur wenn die Bevölkerung wirklich spürt, dass sie von den Wildtieren profitiert, wird sie beim Schutz der Nashörner mitmachen. Was haben die Menschen denn zu verlieren? Die Wilderei bietet die Chance in wenigen Tagen so viel zu verdienen wie sonst in fünf Jahren. Das muss sich ändern. Ansonsten wird das Breitmaulnashorn die nächsten zwanzig Jahre nicht überleben. Es sei denn, wir tun etwas dagegen."

Wenn es nicht gelingt, sterben im südafrikanischen Kampf um den Artenschutz weiterhin jeden Tag vier Nashörner und jede Woche ein Mensch.

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(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 04.10.2015)

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