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Profil / Archiv | Beitrag vom 17.10.2012

Kampf der Tastenvirtuosen

Der Pianist Andreas Kern und seine "Piano Battles"

Von Lotta Wieden

Andreas Kern macht's den HipHoppern nach: im "Piano Battle" müssen die Klavierspieler um die Gunst des Publikums kämpfen.
Andreas Kern macht's den HipHoppern nach: im "Piano Battle" müssen die Klavierspieler um die Gunst des Publikums kämpfen. (picture alliance / dpa / Martin Förster)

Der Pianist Andreas Kern tritt an der Musikhochschule Dresden auf - allerdings nicht mit einem gewöhnlichen Konzert, sondern mit "Piano Battle", einer Wettkampf-Show. Damit will er ein jüngeres Publikum für klassische Musik begeistern.

"”Ladies and Gentlemen, please welcome Mr. 2 souls and his fingers: Andreas Kern”"

"”Letztendlich kann man sagen der erste Piano Battle hat irgendwie noch was stattgefunden, zwischen Liszt und Thalberg. Liszt hat eingeladen dazu über eine Melodie zu improvisieren, vor Publikum, auch Chopin war dabei - und das ist schon ne andere Art Konzert als wie man’s so kennt.""

Eine spartanisch hergerichtete Bühne, zwei Flügel, zwei Musiker - der eine schwarz, der andere weiß gekleidet. Sechs Wettkampfrunden sind angesetzt: Andreas Kern, der Mann in weiß - groß, schlank, Ende 30, hat sein Haar auf Sturm gegelt, die nackten Füße stecken in hellen Designer-Slippern. Er, so viel ist gleich am Anfang klar, gibt hier den Punk - sein Kontrahent, Paul Cibis dagegen - schwarzer Anzug, korrekter Seitenscheitel, smartes Lächeln - macht auf sensibler Schöngeist.

Um Musik geht’s irgendwie auch: Gerade versucht Kern im romantischen Fach mit Schubert zu punkten:

"Aber in unserem Fall ist eigentlich klar, dass es nicht in allererster Linie darum geht, wer gewinnt. Es geht eigentlich darum, dass der Zuhörer anders zuhört, weil er eine Stimme abgibt. Weil indem Moment, wo ich eine Stimme abgegeben kann, bedeutet das einfach: Ich sag, gefällt mir das oder gefällt mir das nicht."

Abgestimmt wird mit Plastik-Feuerzeugen ab, die am Eingang verteilt wurden.

"Und da gibt’s jetzt keine Fachjury, sondern nur das Publikum entscheidet das, wer gewinnt."

Andreas Kern, geboren 1975 in Südafrika, ist das jüngste von drei Kindern - einer reisefreudigen und kunstsinnigen Familie. Der Vater, ein Deutsche, Ingenieur für Maschinenbau, hat eine Dozentenstelle an der Universität Johannisburg. Als Andreas Kern vier Jahre alt wird, zieht die Familie zurück nach Deutschland. Hier fällt der Mutter sein musikalisches Talent auf. Ein Instrument kommt ins Haus.

"Und so fing das Ganze an mit so einem Wirtshausklavier würde man sagen, also dann kam so irgendwie eins mit Kronleuchter nach Hause, klang noch bisschen schief, aber das war egal. Da stand erst mal ein Klavier zu Hause - das ist für jeden der Klavier spielen möchte schon ganz beeindruckend, wenn da so ein Möbelstück ins Haus kommt."

Zuweilen wird das Klavier wichtiger als alles andere, als Schule zum Beispiel, und da gibt’s bald noch ganz andere Probleme:

"Also ich erinnere mich noch, ich hab’ in der Schule eine Ehrenrunde gedreht, da war dann ein Lehrer, der dann meinte, dass ich halt so Klassenclown wäre, weil ich ein überhöhtes Geltungsbedürfnis habe. Da hab ich mich damals schon drüber aufgeregt. Weil, so was hört man nicht gern!

Aber natürlich, ich war der jüngste Sohn, und war in der Familie schon ein bisschen so der Spaßvogel, und diese Aufmerksamkeit hab’ ich lange Zeit gebraucht, eigentlich. Oder brauch sie vielleicht auch heute noch in gewisser Hinsicht."

Andreas Kern singt, begleitet sich selbst am Klavier. Dann: "”I was just kidding, Paul - we will never play side by side! – ‘One man band’!”"

Nach dem Studium geht Kern zum Fernsehen, entwickelt neue Sendeformate für Klassische Musik, organisiert Großveranstaltungen wie die "Piano City" 2010 - ein Festival der Hausmusik, daneben konzertiert er in Asien und Südafrika.

Mit seinen Piano Battle hat Andreas Kern nun erstmals alles vereint, was ihm wichtig ist: Eine Unterhaltungsshow, in der er Klavier spielen kann, singen, trommeln und Witze erzählen. Musik allein, das reicht ihm eben nicht:

"Also ich glaube jedes Konzert hat was mit Selbstdarstellung zu tun, Aber diese Interpretationen über die wir uns im Detail Gedanken machen, kommen kaum an im Publikum, also, das es jetzt sagt: Oho, da ist ja diese Nuance anders im zweiten Satz von dem Mozart-Klavierkonzert als das zum Beispiel Kissin spielt - so ein Publikum haben wir nicht und das wäre auch Wahnsinn das erwarten zu wollen - und das fehlt mir in der Musik. Mir fehlt, mit einer Scriabin Etüde - ein Statement abzugeben, und zu sagen: ja, Leute, das ist Rock’n Roll!"

Nicht von ungefähr moderieren Kern und sein Partner die Show auf Englisch - eine Empfehlung fürs Ausland, wo es möglichst bald weitere Konzerte geben soll. Die Aussichten dafür sind gut, meint Kern. Denn ob Mailand, Boston oder Birmingham - überall wird händeringend nach neuen Konzertformen gesucht:

"Weil wir eben nicht mehr das Publikum wie vor 100 Jahren haben. Das heißt: wenn ich in ein klassisches Konzert gehe, fänd ich es ganz schön, wenn das also nicht abläuft wie: Kannst froh sein, dass du hier rein kommst, Karte kostet 40 Euro, aber bitte nicht husten! Man vergibt sich dabei nichts, wenn man das aufbricht."