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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.09.2013

Kalte Enteignung

Warum die Interessen der Sparer nicht die des Staates sind

Von Georg von Wallwitz

Sparer bekommen nur einen winzigen Zinssatz für ihre Ersparnisse auf Sparkonten. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Sparer bekommen nur einen winzigen Zinssatz für ihre Ersparnisse auf Sparkonten. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Schaut man auf die Kurve von Zins und Inflation, reibt man sich die Augen: Das, was man für zurückgelegtes und verliehenes Geld bekommt, liegt unter der Geldentwertung durch die Inflation. Ein miserables Geschäft? Nicht für jeden - dem Staat nutze es, meint der Autor Georg von Wallwitz.

Heute bekommen in Ländern wie Deutschland die Sparer nur einen winzigen Zinssatz für ihre Ersparnisse in Sparkonten, Lebensversicherungen oder Staatsanleihen. Zieht man davon noch Steuern und Gebühren ab, so bleibt derzeit kaum mehr als ein Prozent Rendite für den Rentier, wie der Sparer früher gern genannt wurde. Diesem Gewinn steht aber eine Inflationsrate von etwa zwei Prozent im Jahr gegenüber.

Für den Staat ist die Rechnung einfach: Er zahlt ein Prozent Zinsen, steigert seine Einnahmen durch Inflation, Wachstum und kalte Progression aber um vier oder fünf Prozent im Jahr. Die kalte Progression ist der Effekt, wodurch der Staat mit jeder Lohnerhöhung einen prozentual immer höheren Anteil vom Arbeitnehmerlohn bekommt. So kann er seine Schulden reduzieren, ohne tatsächlich zu sparen.

Enteignung durch Niedrigzins

Für den Rentier stellt sich die Sache weniger angenehm dar. Er wird jedes Jahr ein Stückchen ärmer, selbst wenn er nichts ausgibt. Der Zins ist so niedrig, dass er sogar von einer geringen Inflation mehr als aufgefressen wird. Wer heute eine Million in Staatsanleihen anlegt, hat nur etwas über 800 Euro im Monat zum Leben. Willkommen auf dem Existenzminimum, das da aus ganz ungewohnter Perspektive auch für die Reichen aufscheint. Aber die Millionäre aller Länder vereinigen sich nicht und die Revolution bleibt aus. Denn wie die kalte Progression im Steuerrecht so trifft auch diese kalte Enteignung durch den Niedrigzins die Mittelklasse.

Die Armen, die echten Hartz-IV-Empfänger, leiden nicht, da die staatlichen Transferleistungen nicht vom Zins abhängen. Und die tatsächlich Reichen investieren ihr Geld sowieso lieber in Aktien oder Immobilien und profitieren so eher vom niedrigen Zinsniveau als darunter zu leiden. Die Mittelklasse trifft es, weil sie sichere Anlagen schätzt, egal wie hoch der Preis ist.

Da die Mittelklasse weder wegläuft noch den Aufstand probt, löst der Staat im Wesentlichen auf ihre Kosten sein Schuldenproblem. Das ist für die Betroffenen bedauerlich, für den Staat aber rational. Die Mittelklasse wählt ja weiterhin die Parteien, von denen sie geschröpft wird.

Dieses Vorgehen hat erfolgreiche historische Vorbilder, insbesondere in den USA. Als in der Weltwirtschaftskrise die Menschen Gold horteten, um für schlechte Zeiten vorzusorgen, erließ Präsident Roosevelt ein Gesetz, wonach alles Gold beim Staat abzuliefern war - zu einem sehr schlechten Kurs. Es ging der Regierung darum, das Geld wieder in Umlauf zu bringen, und wenn die Menschen das Geld nicht ausgaben, so wurden sie eben enteignet.

Sparer können dem Staat egal sein

In den 1940er-Jahren war die Parallele zu heute noch deutlicher. Die langfristigen Zinsen lagen in den USA nie über 2,5 Prozent und die kurzfristigen nie über 0,5 Prozent. Und das, obwohl etwa im Jahr 1947 die Inflationsrate bei für uns kaum fassbaren 25 Prozent lag. Dennoch führte das nicht zur Destabilisierung des Finanzsystems oder gar zu Aufständen der Sparer.

John Maynard Keynes, der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts, spielte sogar mit der Idee, dass die kalte Enteignung des Mittelstands auch ihr Gutes haben könnte. Er sprach in einer Zeit, als dieser Begriff noch ironisch verwendet werden konnte, von der "Euthanasie der Rentierschicht”. Der Rentier ist für ihn ein "funktionsloser Investor”, der nicht kreativ mit seinem Geld umgeht und kein Unternehmen weiter bringt.

Wer bloß passiv auf seinem Geld sitzt und Zinsen kassiert von Leuten, die etwas anpacken und riskieren, kann nach Keynes ohne großen Schaden scheibchenweise enteignet werden. Das führe allenfalls dazu, dass er und seine - wahrscheinlich faulen - Erben animiert werden, sich nicht weiter auszuruhen, sondern etwas zum Sozialprodukt beizutragen. Die Sparer können dem Staat egal sein, ihm kommt es nur auf die Ersparnisse an.

Ganz so einfach, wie Keynes sich das vorgestellt hat, ist die Sache mit der Rentierschicht sicher nicht, aber es zeigt, wie es derzeit um den sparenden Mittelstand steht: Er lebt nicht aufregend, aber gefährlich.

Georg von Wallwitz (Katharina von Wallwitz)Georg von Wallwitz (Katharina von Wallwitz)Georg von Wallwitz, Fondsmanager und Autor, geboren 1968 in München, studierte Mathematik, Philosophie und Irankunde. Nach der Promotion und einem wissenschaftlichen Jahr an der Universität Princeton, USA wurde er Fondsmanager, zunächst angestellt bei einer Münchner Privatbank, dann ab 2004 selbstständig als Teilhaber der "Eyb&Wallwitz Vermögensmanagement".

Über die Finanzwelt schreibt er als Analyst ein regelmäßiges "Börsenblatt für die gebildeten Stände". Letzte Buchveröffentlichung: "Mr. Smith und das Paradies: Die Erfindung des Wohlstands" (Berenberg Verlag 2013).

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