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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.01.2013

Kaltblütige Kollaboration mit den Nazis

Das "Teatro La Cometa" in Rom zeigt ein Theaterstück über die Judenverfolgung in Italien

Von Thomas Migge

Ein Viehwaggon im Mailänder Hauptbahnhof erinnert an die Deportation von Juden in Italien während des Zweiten Weltkriegs. (picture alliance / dpa / Matteo Bazzi)
Ein Viehwaggon im Mailänder Hauptbahnhof erinnert an die Deportation von Juden in Italien während des Zweiten Weltkriegs. (picture alliance / dpa / Matteo Bazzi)

Aus Italien wurden Tausende Juden deportiert. An der Verschleppung dieser Menschen haben sich auch Italiener beteiligt - ein Thema, das bis heute totgeschwiegen wird. Das römische Teatro La Cometa rührt deshalb mit dem Stück "Der Familienschrank" an einem Tabu.

Clara hat alle Hände voll zu tun, ihre eigenen Kinder durchzubringen. Es herrscht Krieg. Man schreibt das Jahr 1943. Der Duce Benito Mussolini wurde entmachtet.

Clara ist von Beruf Hebamme und allein erziehende Mutter. Unter der deutschen Besatzung werden fast alle Juden deportiert – und auch Clara weiß, wie die meisten ihrer Landsleute, was das bedeutet.

Clara versteckt ein junges jüdisches Ehepaar bei sich. Die junge Frau ist hochschwanger. Während der Geburt ihres Kindes stirbt sie. Clara nimmt sich des Neugeborenen an. Den Behörden gegenüber, die von den Deutschen kontrolliert werden, gibt sie es als das ihre aus.

Clara ist eine Heldin in schlimmer Zeit. Autor des Schauspiels ist Nicola Zavagli:

"Die Familie ist in unserem Land ein Spiegel für gesellschaftliche Dynamiken und Veränderungen. Das war schon immer so und deshalb entschied ich mich, meine Geschichte in einer Familie anzusiedeln. In einer Familie ohne Mann, denn Clara ist allein und muss deshalb schwer wiegende Entscheidungen ganz allein treffen. Das Stück spielt fast ausschließlich im Wohnesszimmer der Protagonistin."

Aber es gab auch Italiener, die kaltblütig ihre jüdischen Mitbürger den Nazis auslieferten, als diese, Stadt für Stadt und Region für Region, das von ihnen besetzte Italien judenfrei zu machen versuchten.

Rund 7000 italienische Juden wurden von den Deutschen in Vernichtungslager deportiert, cirka 6000 starben dort. Im Unterschied zu den Deutschen im Dritten Reich waren die meisten Italiener keine Antisemiten. Auch nicht nach den 1938 verhängten Rassegesetzen. Der wohl überzeugendste Beweis für das fehlende antisemitische Bewusstsein der italienischen Faschisten war der Umstand, dass bis 1938 rund 85 Prozent aller italienischen Juden für Mussolini waren.

Zavaglis Stück zeigt die beiden Seiten der Italiener jener Zeit: Da ist Clara, die unter Lebensgefahr Juden rettet, und da sind Nachbarn von ihr, die Juden den Deutschen ausliefern. Das Stück, so der Historiker Vittorio Emiliani, bringt das ganze Drama jener Jahre in Italien auf den Punkt:

"Ein Hotelbesitzer, der noch nicht einmal Antifaschist war, ein Kommandant der Carabinieri, der zwar seinen Treueeid auf den Duce geleistet hatte, aber in Juden Staatsbürger wie alle anderen sah, Frauen wie Clara: Die verschiedensten Personen retteten Juden aus purer Zivilcourage. Ihr Argument war immer nur eines: jenen zu helfen, die in Not waren."

Und dann waren da diejenigen, die sich dank der Auslieferung von Juden zu bereichern versuchten. Geschichten, die in der Nachkriegszeit schnell unter den Teppich gekehrt wurden - wie auch die Gräueltaten der Deutschen in Italien. Von all dem wollte eine breite Mehrheit und auch die neuen Politiker des demokratischen Italien nichts mehr wissen. Tempi passati, vergangene Zeiten.

Kurz vor Weihnachten legte eine deutsch-italienische Historikerkommission einen ersten Bericht vor, der sich der deutschen Kriegsverbrechen in Italien annimmt. Verbrechen, die nach dem Zweiten Weltkrieg totgeschwiegen wurden. Historiker deckten in den letzten Jahren die Hintergründe für dieses Totschweigen auf. Dabei ging es vor allem um die schnelle Verbesserung der bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien – Aufsehen erregende Prozesse gegen Kriegsverbrecher störten da nur. Bis auf die Prozesse gegen Herbert Kappler und Erich Priebke verliefen fast alle Forderungen seitens der Italiener gegenüber der deutschen Justiz im Sande.

Erst in den 90er-Jahren wurde in den Kellern des römischen Militärgerichts ein Schrank wieder gefunden, in dem die Unterlagen zu mehr als 400 NS-Kriegsverbrechen in Italien lagerten. Aber auch dieser Fund führte nicht automatisch zu einer historischen und juristischen Aufarbeitung jener historischen Periode, weder bezüglich deutscher Kriegsverbrechen an Italienern im Allgemeinen noch bezüglich der Deportation und Ermordung italienischer Juden. Auch die Beteiligung von Italienern an der Shoah ihrer jüdischen Landsleute ist immer noch ein schwarzer Fleck in der italienischen Geschichtsschreibung.

Der jüdische Journalist und Historiker Guido Vitale ist davon überzeugt, dass die meisten Italiener im Faschismus das Böse sahen und sehen, das, so seine Worte, "vom Himmel fiel oder aus Deutschland kam und an dem niemand konkret schuld hatte". Das bis Anfang Februar in Rom zu sehende Theaterstück "Der Familienschrank", so Vitale, beweise aber das genaue Gegenteil:

"Jahrzehnte lang dachten man, dass das Phänomen des Faschismus in Italien fast schon etwas Außerirdisches war. Erst jetzt beginnt man bei uns, ganz langsam, mit der konkreten Thematisierung jener Jahre und macht deutlich, wie in diesem Theaterstück in Rom, dass der Holocaust nichts Unerklärliches war, sondern auch in Italien sehr wohl erklärt und dargestellt werden kann."

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