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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 28.08.2013

Kämpferin gegen Frauenhandel in Argentinien

Eine Mutter sorgt mit der Suche nach ihrer Tochter für breite Öffentlichkeit

Von Victoria Eglau

Susana Trimarco neben einem Foto ihrer verschwundenen Tochter Marita (Victoria Eglau)
Susana Trimarco neben einem Foto ihrer verschwundenen Tochter Marita (Victoria Eglau)

Die Argentinierin Susana Trimarco sucht seit elf Jahren ihre Tochter. Die wurde vermutlich entführt und zur Prostitution gezwungen. Mit einer Selbsthilfeorganisation macht sie Druck auf die Politik, dem Frauenhandel im eigenen Land entgegenzutreten.

Dezember 2012, in einem Gerichtssaal von San Miguel, Hauptstadt der Provinz Tucumán im Norden Argentiniens. Soeben sind dreizehn Personen freigesprochen worden, die wegen Verschleppung und sexueller Ausbeutung einer jungen Frau angeklagt waren.

Während sich die Freigesprochenen erleichtert umarmen, beschimpfen Angehörige und Bekannte des Opfers die Richter. Eine Frau - Ende fünfzig - verlässt mit versteinertem Gesicht das Gericht. Sie heißt Susana Trimarco und ist die Mutter von Marita, die vor elf Jahren entführt und zur Prostitution gezwungen wurde – und bis heute verschollen ist.

Ein halbes Jahr später. Susana Trimarco öffnet die Tür ihres Hauses in San Miguel, und bemüht sich, den aufgeschreckten Hund zu beruhigen. Vor dem hohen Eisengitter, das das Haus von der Straße abschirmt, steht rund um die Uhr ein Polizist – Susana Trimarco ist mehrfach bedroht wurden, seit sie ihre Tochter Marita sucht:

"Wir waren eine ganz normale Familie, als meine Tochter verschwand. Ich hatte nie etwas von Frauenhandel und sexueller Ausbeutung gehört. Nachdem Marita nicht nachhause gekommen war, begannen wir, sie zu suchen. Schließlich sagte mir eine Prostituierte, sie wisse, was meiner Tochter zugestoßen sei. Ich wollte einfach nicht glauben, dass Marita verschleppt, verkauft und zur Prostitution gezwungen worden sei",

erinnert sich Susana Trimarco am Tisch ihrer geräumigen Küche. Als Marita im April 2002 von einem Arzttermin nicht zurückkehrte, war sie 23 und hatte selbst schon eine dreijährige Tochter. Weil Polizei und Justiz nur schleppend ermittelten, begannen sie und ihr Mann, auf eigene Faust zu suchen. Ein befreundeter Kommissar half der Familie:

"Bei der Suche nach meiner Tochter habe ich entdeckt, dass in Argentinien eine Mafia den Frauenhandel und die Zwangsprostitution organisiert. Und diese Mafia hat Komplizen in der Justiz, Polizei und Politik. Ohne diese Komplizen könnten die Frauenhändler nicht so straflos agieren. Ich habe selbst erlebt, wie Durchsuchungen von Bordellen immer wieder manipuliert und verzögert wurden."

Trimarco gab sich als Zuhälterin aus

Susana Trimarco (Mitte) und Micaela Veron (rechts), Mutter und Tochter der verschwundenen Maria Veron, während eines Demonstrationszuges vor dem Gericht von Tucuman. (picture alliance / dpa / Sebastian Delgado/Infoto)Susana Trimarco (Mitte) und Micaela Veron (rechts), Mutter und Tochter der verschwundenen Maria Veron, während eines Demonstrationszuges (picture alliance / dpa / Sebastian Delgado/Infoto)Dass Susana Trimarco in Argentinien heute eine Berühmtheit ist, liegt daran, dass sie bei ihrer Suche vor nichts zurückschreckte. Sie gab sich als Zuhälterin aus und verschaffte sich Zutritt zu Bordellen, wo ihr Frauen zum Kauf angeboten wurden. Sie sprach mit Dutzenden von Prostituierten, um Informationen über ihre Tochter zu erhalten.

Und stellte dabei fest, dass die meisten von ihnen Opfer von Menschenhändlern waren und von Zuhältern und Bordellbesitzern ausgebeutet wurden. Einige Frauen berichteten, sie hätten Marita gesehen – zuletzt in einem Bordell in einer anderen Provinz, rund sechshundert Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt. Sie sagten in dem Prozess aus, der schließlich 2012, ein Jahrzehnt nach Maritas Verschwinden, begann. Und mit dem Freispruch der dreizehn Angeklagten endete:

"Solange es in der Justiz nicht ein wirkliches Bewusstsein für das Verbrechen des Frauenhandels gibt, solange Richter Unrecht statt Recht sprechen, wird sich nichts ändern. Die Zeuginnen, die ausgesagt haben, waren selber Opfer. Sie haben ihren Leidensweg geschildert, und dennoch gingen die Angeklagten straffrei aus - eine Schande!"

Dass heute über Frauenhandel und sexuelle Ausbeutung gesprochen wird, dass das Problem von der Gesellschaft wahrgenommen wird, ist nicht zuletzt Susana Trimarcos Verdienst. Und auch, dass die Politik reagiert hat.

2008 trat in Argentinien ein Menschenhandels-Gesetz in Kraft. Im selben Jahr schuf die Generalstaatsanwaltschaft eine Sondereinheit zur Bekämpfung von Menschenhandel und Ausbeutung, auch am Arbeitsplatz.

Das Büro befindet sich im Zentrum der Hauptstadt Buenos Aires, im dritten Stock eines Graffiti-beschmierten Altbaus. Kein Schild, nur ein Zettel verrät, dass hinter der unscheinbaren Tür der Handel mit Menschen, insbesondere Frauen, juristisch verfolgt wird. Der Leiter der Sondereinheit ist Staatsanwalt Marcelo Colombo, ein schlanker Endvierziger im grauen Anzug, in dessen Bücherregal Familienfotos stehen:

"Bis 2008 unternahm der argentinische Staat fast nichts gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen, selten wurden Bordelle geschlossen. Seit das Menschenhandels-Gesetz in Kraft ist, gibt es eine größere Aufmerksamkeit der Behörden für dieses Verbrechen."

Vertreter des Staates sind Komplizen

Wie viele Frauen werden in Argentinien sexuell ausgebeutet, und in wie vielen Bordellen findet dieses Verbrechen statt? Staatsanwalt Colombo will keine Zahlen nennen – es gebe sie nicht, sagt er. Doch er kann sagen, wo die Opfer herkommen: meist aus den armen Provinzen im Norden, wie Tucumán und Misiones, und aus dem Nachbarland Paraguay.

Vertreter des Staates schauen weg oder werden zu Komplizen. Der Staatsanwalt leugnet das nicht:

"In vielen Fällen erleben wir, dass Polizisten oder kommunale Inspektoren mit Zuhältern und Bordellbesitzern unter einer Decke stecken. Manchmal sehen wir auch, dass die Justiz mangelhaft ermittelt, was den Verdacht aufkommen lässt, dass das mit Absicht geschieht. Unsere Herausforderung ist, diejenigen Beamten aufzuspüren, die käuflich sind, die Ermittlungen behindern und zulassen, dass Frauen sexuell ausgebeutet werden."

Seit Inkrafttreten des Menschenhandels-Gesetzes 2008 sind mehr als 130 Personen wegen dieser Delikte verurteilt worden. Und über 2000 Frauen wurden aus Bordellen befreit. Ende letzten Jahres wurde das Gesetz verschärft – damit könne die sexuelle Ausbeutung nun noch effizienter bekämpft werden, versichert Staatsanwalt Colombo:

"Vorher gab es Richter, die Prostitution nicht als sexuelle Ausbeutung betrachteten, wenn die Frau volljährig war. Das Argument: sie sei erwachsen und habe dieser Situation wohl zugestimmt. Sie verurteilten Frauenhändler und Bordellbesitzer nur, wenn die Opfer minderjährig waren. Oder wenn klar erwiesen war, dass die Frau mit Gewalt zur Prostitution gezwungen wurde."

Die Ausnutzung der Bedürftigkeit, der Armut – fast immer liegt sie dem Frauenhandel zugrunde. Die Argentinierin Mercedes Assorati arbeitete früher bei der Internationalen Organisation für Migration, und ist heutige unabhängige Expertin für die Problematik des Menschenhandels. Sie beschreibt das typische Profil der Opfer:

"Eine junge Frau zwischen 16 und 25, die Kinder oder Angehörige zu versorgen hat und die wenig oder gar keine Schulbildung hat. Meist stammen die Frauen aus ländlichen Gegenden. In vielen Fällen sind sie Opfer häuslicher Gewalt, sie wurden Zuhause vergewaltigt oder geschlagen. Das heißt, um dieser Situation zu entfliehen, sind die Frauen erst einmal bereit, jedes Arbeitsangebot anzunehmen."

Die Händler versprechen den Frauen reguläre Jobs

Zumal die Frauenhändler ihren Opfern selten die Wahrheit sagen. Sie erzählen ihnen, sie würden einen Job als Kellnerin, Hausangestellte oder Altenpflegerin bekommen. Wenn die Frauen dann in einer anderen Stadt als Prostituierte arbeiten, schicken manche Ausbeuter den Familien Geld, um sie ruhig zu stellen.

In San Miguel, der Hauptstadt der nordargentinischen Provinz Tucumán, gibt es seit 2007 eine Stiftung, die Opfern sexueller Ausbeutung und ihren Familien rechtlichen, psychologischen und praktischen Beistand leistet. Gegründet hat sie Susana Trimarco, die Mutter der von Frauenhändlern entführten Marita.

Die Stiftung befindet sich in einem hellgrün gestrichenen Haus in der Innenstadt. Im überdachten Innenhof hängen an einer Wand Dutzende von Fotos. Darauf sind Frauen und Mädchen zu sehen, die von ihren Familien vermisst werden. Auf einigen Bildern klebt das Wort wiederaufgetaucht. Eines der Opfer, die ihren Ausbeutern entkommen konnten, ist Fátima. Sie sitzt in der Stiftung auf dem Sofa ihres Anwalts. 27 Jahre alt, langes, welliges Haar und mit einen knappen Jeans-Minirock bekleidet. Weil sie als Sechzehnjährige neun Monate lang zu sexuellen Beziehungen gezwungen wurde, soll im nächsten Jahr ein Prozess beginnen:

"Ich habe ein wenig Angst, aber ich habe beschlossen, der Justiz zu vertrauen. Hoffentlich werden sie diese Leute ins Gefängnis stecken, die mir und anderen Frauen so viel Leid zugefügt haben. Einige dieser Frauen haben erzählt, was man ihnen angetan hat, andere schweigen, aus Angst."

Fátima redet, trotz der Angst und obwohl sie sich immer noch bedroht fühlt. Nach und nach erzählt sie, wie sie vor elf Jahren bei einem Ehepaar als Kindermädchen arbeitete, wie sie den Job dann an den Nagel hängte, und kurze Zeit später von ihren früheren Arbeitgebern auf offener Straße verschleppt und in deren Haus festgehalten wurde. Dort traf sie auch andere Frauen, und Männer gingen ein und aus. Fátima sagt, sie habe Prügel bekommen, als sie einen Kunden nicht bedienen wollte, sie sei unter Drogen gesetzt und in bewusstlosem Zustand vergewaltigt worden:

"Manchmal stand ich auf, mein ganzer Körper tat höllisch weh und ich hatte blaue Flecken. Ich merkte, dass sie sich an mir vergangen hatten. Nach einer Zeit wurde mir alles gleichgültig. Mir war schon so viel passiert, ich fühlte mich so wertlos, dass mir alles egal war. Ich dachte, wenn sie mich umbrächten, täten sie mir einen Gefallen - freikommen würde ich niemals."

Die Glaubwürdigkeit der Opfer infrage gestellt

Zur Flucht verhalf Fátima die Mutter ihrer Peinigerin. Ihre Entführerin und deren Ex-Mann, müssen sich nun vor Gericht verantworten – nicht zum ersten Mal. Sie wurden bereits im Prozess um das Verschwinden von Marita angeklagt, und freigesprochen. Fátima trat in dem Verfahren als Zeugin auf, und berichtete, Marita sei von demselben Ehepaar festgehalten worden wie sie selbst. Die Richter maßen ihrer Aussage keine Bedeutung bei. Die Anwälte der Beschuldigten zweifelten die Glaubwürdigkeit Fátimas an. Sie und die anderen Zeuginnen genossen vor Gericht keinerlei Opferschutz – Fátimas Anwalt Germán Díaz erklärt, warum:

"Die Fälle Fátimas und Maritas liegen zeitlich vor dem Inkrafttreten des Menschenhandels-Gesetzes. Die Opferschutz-Prinzipien, die in dem neuen Gesetz verankert sind, müssen also nicht angewandt werden. Aber wir versuchen, dem Gericht klarzumachen, dass Opfer von Frauenhandel und sexueller Ausbeutung einer besonderen Rücksichtnahme bedürfen. Es muss vermieden werden, dass sie in Anwesenheit der Angeklagten aussagen, und dass sie von deren Anwälten eingeschüchtert werden."

Der Anwalt hofft, dass die Richter in Fátimas eigenem Prozess sensibler mit der jungen Frau und den Zeuginnen umgehen werden. Und, dass die Richter die mutmaßlichen Täter diesmal für schuldig befinden – anders als im Fall Marita.

Auf ihrem Handy zeigt Fátima die Fotos ihrer vier Kinder, von denen eins geistig und körperlich behindert ist. Fátima ist alleinerziehend. Sie arbeitet zur Zeit als Hausangestellte, und erhält finanzielle Unterstützung von der Stiftung und ihrer Familie. Auch, wenn sie weiß, dass ihre Aussage vor Gericht entscheidend ist – am liebsten würde sie alles vergessen:

"Ich möchte mich nicht mehr an die Gesichter erinnern. Es ist schwer zu ertragen, auf der Straße jemanden zu erkennen, und zu denken: der, der hat mir auch wehgetan. Und nichts dagegen tun zu können."

Die Stiftung, die Maritas Mutter Susana Trimarco gegründet hat, hilft nicht nur den Opfern, sie geht auch in Schulen, Polizeiwachen, Justiz-Einrichtungen und Stadtteil-Zentren, um über das Problem des Frauenhandels und der sexuellen Ausbeutung zu informieren.

Für ihre Arbeit bekommt die Stiftung seit einigen Jahren Geld von Argentiniens Nationalregierung. Susana Trimarco pflegt persönliche Kontakte zu Präsidentin Cristina Kirchner und anderen Politikern und lobt die Regierung gerne öffentlich. Nicht wenige nehmen der couragierten Frau so viel Nähe zur Macht übel. Die Mutter selbst betont, es gehe ihr nur darum, den Opfern des Frauenhandels zu helfen, und ihre Tochter Marita zu finden:

"Es war nicht einfach, den Politikern meines Landes die Augen zu öffnen. Seit meine Tochter vor elf Jahren verschleppt wurde, kämpfe ich. Argentinien hat in dieser Zeit große Fortschritte im Kampf gegen den Frauenhandel gemacht. Aber es gibt weiterhin viel zu tun. Ich gebe nicht auf. Mein Ziel ist, meine Tochter wiederzufinden. Während meiner langen Suche habe ich viel für mein Land getan, und vielen Familien geholfen, ihre Töchter wieder zu bekommen."

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