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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.12.2015

Jungfräuliche Geburt im TierreichOhne den heiligen Geist

Von Susanne Billig

Zwei Sägefische schwimmen in knietiefem Wasser. (imago)
Sägefische können sich ohne Männchen vermehren (imago)

Wie Maria zu dem Kinde - Parenthogenese ist die nicht-geschlechtliche Fortpflanzung in der Tierwelt. Forscher haben nun herausgefunden, dass auch Wirbeltiere aus besonderen Situationen heraus in der Lage sind, Nachwuchs mit nur einem Erbgut zu erzeugen.

Die theologische Deutung ist klar. Wenn Maria das Gotteskind "jungfräulich" gebar, so hat das im Ursprung nichts mit Sexualfeindlichkeit zu tun, sondern es soll heißen: Jesus trat aus der Sphäre des Absoluten in diese Welt, aus der Sphäre des einen unteilbaren Gottes, der sich von nichts ableitet – und bestimmt nicht von Josef. Der irdisch-volkstümliche Glaube an die jungfräuliche Geburt gilt heute als grob unwissenschaftlich. Maria soll ohne Mann schwanger geworden sein? Jungfrauengeburt, "Parthenogenese" bei einem nicht-pflanzlichen Lebewesen – geht das überhaupt?

Es geht, weiß die Biologie. Und es ist gar nicht so selten.

Manche Tiere können im Zoo auf nicht-geschlechtliche Fortpflanzung umschalten

Jeder, der den Ableger einer Pflanze neu in die Erde steckt, kennt das Prinzip der asexuellen, nicht-geschlechtlichen Vermehrung. Einige Pflanzen können auch aus unbefruchteten Samen Nachwuchs hervorbringen – Brombeere, Frauenmantel und Löwenzahn zum Beispiel. Auch kleines Getier und Gewürm, wie es die Bibel wohl nennen würde, versteht sich auf die Fortpflanzung ohne Sex: Bärtierchen und Fadenwürmer, Rüsselkäfer und Gespenstschrecken, Fransenflügler, Marmorkrebse, manche Schnecken, viele Milben und die Honigbiene, deren männliche Drohnen aus den unbefruchteten Eiern der Bienenkönigin schlüpfen. Lange dachte die Forschung, Wirbeltieren sei der sexfreie Weg zum Nachwuchs unmöglich – bis man in Zoologischen Gärten darauf stieß. Der Meeresbiologe Andrew Fields von der Stony Brook Universität im Bundesstaat New York.

"Wir wissen von einer Reihe von Hai-Arten, die sich in Gefangenschaft parthenogenetisch fortgepflanzt haben. Und es gibt einige Fälle, in denen man im Uterus von Schlangen parthenogenetische Nachkommen fand. Es sieht so aus, als könnte das mit niedrigen Populationsdichten zu tun haben."

Eine ganze Reihe von Tieren können im Zoo auf Parthenogenese umschalten, etwa der Weißgepunktete Bambus- und der Kalifornische Schwellhai oder Echsen wie der australische Gecko und eine Reihe von Schlangen. Die Ursachen sind noch unklar. Auslöser könnten der fehlende Geschlechtspartner sein, vielleicht auch Viren- und Bakterieninfektionen oder Fehlentwicklungen der Eizelle. In jedem Fall braucht der Embryo zwei Chromosomensätze – und sie kommen beide von der Mutter.

Fields. "Wenn ein Ei heranwächst, werden gleichzeitig drei weitere Ei-Zellen gebildet. Sowohl das eigentliche Ei wie auch diese drei Extra-Zellen haben je ihren eigenen Chromosomensatz. Wir glauben, dass eine von diesen kleinen Extra-Zellen mit dem Ei verschmilzt und zu einem Embryo wird."

Ist der Sex nun verzichtbar, wenn es doch auch ohne geht?

Vor einigen Monaten nun ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen der Zoologen: Andrew Fields und sein Team hatten Sägefische an den Küsten Floridas genetisch untersucht. Die beeindruckenden, fünf Meter langen Kolosse sind vom Aussterben bedroht. Die Biologen wollten herausfinden, ob es unter den Sägefischen Floridas überhaupt noch genetische Vielfalt gibt. Oder zeugen die Tiere ihren Nachwuchs ständig mit Verwandten? Die Antwort war eine Riesenüberraschung: Drei Prozent der Sägefische haben sowieso nur eine Mutter – sie sind das Resultat von Parthenogenese.

"Das war ein totaler Zufallsfund, wir waren ganz schön schockiert! Ich meine, wir haben einfach keine Parthenogenese erwartet. Die Sägefische haben sich überhaupt nicht unterschieden, als wir sie gefangen haben. Erst als wir die DNA analysiert haben, sahen wir diesen deutlichen Unterschied zu all den anderen Individuen, die wir untersucht haben."

Den jungfräulich gezeugten Fischen scheint es zudem ziemlich gut zu gehen, sie sehen genau so aus wie ihre Artgenossen und die Wissenschaftler bemerkten weder Krankheiten noch Degenerationen. Allerdings hatten sie das auch nicht speziell untersucht, denn die Parthenogenese entdeckten sie erst bei der DNA-Analyse im Labor. Die große Frage nun ist: Werden sich die jungfräulich gezeugten Fische auch fortpflanzen können?

"Das ist noch so etwas, worauf wir bislang keine Antwort haben. Wir müssen warten, bis die Tiere ausgewachsen sind – und das könnte lange dauern, denn Sägefische werden mit einer Länge von sechzig Zentimetern geboren und sind mit drei Metern erst geschlechtsreif."

Der Zufallsfund der amerikanischen Biologen hat die Wissenschaftsgemeinde aufgeweckt. Schließlich könnte es sein, dass die Parthenogenese bei wild lebenden Wirbeltieren richtig häufig vorkommt – vielleicht bei Tierarten in Not, deren Populationen immer weiter schrumpfen, weil ihr Lebensraum verloren geht.

Ist der Sex nun verzichtbar, wenn es doch auch ohne geht? Nein, denn die Sexualität hat im Tierreich viele Aufgaben. Die Fortpflanzung ist nur eine davon. Auf genetischer Ebene kommt es dabei zu einer wichtigen Durchmischung: Nur die sexuelle Fortpflanzung bringt vielfältige Nachkommen hervor, die keine Klone ihrer Eltern sind und sich an neue Umweltbedingungen gut anpassen können. Sex stärkt aber auch den Zusammenhalt sozial lebender Tiere. Er macht Paare vertraut miteinander, hilft bei der Versöhnung. In sexuellen Begegnungen lassen sich soziale Beziehungen vertiefen, wobei Tiere vieler Arten gerne auch gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte pflegen. Und Sex hat etwas mit purem Vergnügen zu tun, weshalb es viele Tiere gern auch ohne Partner tun. Zu Nachwuchs kommt es dabei weder jungfräulich noch sexuell – die Lust vermehrt sich und die Lebensfreude.

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