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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.01.2016

Junge deutsche FilmemacherPolitisch, unangepasst, radikal

Nico Hofmann im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der neue Intendant der Nibelungen-Festspiele, Nico Hofmann, sitzt am 10.11.2014 in Worms (Rheinland-Pfalz) in einer Pressekonferenz. (picture-alliance / dpa / Uwe Anspach)
Filmemacher, Produzent, Intendant, Förderer des Nachwuchs: Nico Hofmann tanzt auf vielen Hochzeiten (picture-alliance / dpa / Uwe Anspach)

Jungen Regisseuren wird gelegentlich vorgeworfen, ihre Stoffe vor allem nach der Filmförderung auszurichten. Regisseur und Produzent Nico Hofmann hält diese Kritik für völlig falsch: Er lobt den Nachwuchs als engagiert, innovativ und technisch versiert.

Der Produzent und Regisseur Nico Hofmann hat von der Riege junger Regisseure in Deutschland eine ausgesprochen hohe Meinung. Hofmann sagte im Deutschlandradio Kultur, die jetzige Generation junger Filmemacher sei extrem politisch und "auf eine sehr angenehme Weise radikal". Es gebe unter den jungen Regisseuren eine sehr engagierte Haltung gegenüber der Gesellschaft. Das sei etwas ganz Neues, sagte Hofmann. Er habe an den Filmhochschulen auch schon Jahrgänge erlebt, die vor allem Musikvideos imitiert hätten. Hofmann erhält heute auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken den Ehrenpreis für seine Bemühungen um den Filmnachwuchs.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Filmproduzenten, das kennt man aus Hollywood, sind bekanntlich die Herrscher übers Geld, mächtige Menschen also, denen mancher und manche gern zu Willen ist. Der Mann, den sie bei uns jetzt gleich hören werden, ist zwar auch der Mann fürs Pekuniäre, beim Film aber weit mehr als das. Er gilt als der "besessenste Geschichtenerzähler Deutschlands", so hat ihn jedenfalls mal "Die Zeit" genannt. Der Filmemacher und Produzent Nico Hoffmann.

Und ich muss nur ein paar Filmtitel aufzählen, dann kennen Sie zumindest einen kleinen Teil seiner Arbeit, denn inzwischen hat er über 300 Filme produziert. "Der Tunnel", den Emmy-prämierten "Unsere Mütter, unsere Väter", aber auch "Hanni und Nanni" oder "Das Wochenende" nach dem Buch von Bernhard Schlink. Alles klar? Nico Hoffmann bekommt beim heute beginnenden 37. Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken den Ehrenpreis, und ich habe vor unserer Sendung mit Nico Hoffmann gesprochen und ihm natürlich zuerst gratuliert. Glückwunsch, Herr Hoffmann!

Nico Hofmann: Tausend Dank!

von Billerbeck: Preise fürs Lebenswerk – da kann man sich ja schnell mal Sorgen machen, dass andere meinen, man sei schon fertig, habe alles schon bekommen, aber zum Glück ist das ja nur, muss man sagen, ein Ehrenpreis. Was bedeutet er Ihnen?

Hofmann: Ja, der Preis löst in der Tat seltsame Gefühle aus, weil man fühlt sich dann automatisch wie 70 ...

von Billerbeck: Dabei sind Sie erst Mitte 50.

Hofmann: Ich bin Mitte 50, aber es kriegt dann eine solche Anmutung. Ein bisschen spielt es mir schon noch rein, weil ich ja zum September mit Wolf Bauer die gesamte UFA-Führung übernommen habe. Das ist ja ein Schritt mehr in Richtung Management und ein bisschen weg vom Produzieren. Von daher ist es schon ein Lebensabschnitt, der da auch jetzt mit dem Preis einhergeht. Aber ich habe mich natürlich gefreut.

Ich habe mich deshalb gefreut, weil der Ophüls-Preis nach wie vor für den Filmnachwuchs das wichtigste Festival ist. Und mit eine meiner schönsten Aufgaben ist Ludwigsburg, die Filmschule, wo ich seit über 20 Jahren unterrichte, den Studiengang auch aufgebaut habe. Viele meiner Studenten waren beim Ophüls-Preis im Wettbewerb vertreten, und das ist natürlich ein sehr schöner Rahmen für mich, weil ich mich am meisten auch dort wohl fühle, auch im Kreise übrigens meiner Studenten, die in diesem Jahr dort auch ihre Filme zeigen.

von Billerbeck: Sie haben ja mit Bernd Eichinger zusammen 2000 den Preis "First Steps" ins Leben gerufen, der die besten Absolventenfilme der Filmhochschulen in deutschsprachigen Ländern ehrt – aus der Sicht des Produzenten: Wie steht es denn um den jungen deutschen Film und auch ihre eben schon erwähnten Studenten?

Die jungen Regisseure sind "auf eine angenehme Weise radikal"

Hofmann: Man muss wirklich sagen, dass sich das permanent verbessert, weil wir haben alle drei Jahre eine neue Generation, das ist einfach so. Ich empfinde die jetzige Generation als extrem politisch, auf eine sehr angenehme Weise auch radikal und auch sehr relevant in ihrem Erzählen.

Und dazu kommt, muss man einfach sagen - im Unterschied, wo ich damals studiert habe in der Münchener Filmhochschule - mittlerweile haben Studenten natürlich eine wahnsinnige technische Raffinesse gelernt aufgrund von iPhone und Computer. Sie kriegen da von 18-Jährigen Einreichungsfilme serviert, wo Sie sich wundern, wie die technisch überhaupt möglich sind.

Das technische Know-how kommt zusammen im Moment mit einer wirklich sehr, wie ich finde, politischen und auch sehr engagierten Haltung zu dieser Gesellschaft. Und das ist was ganz Neues. Wir hatten auch schon Jahrgänge, die im Grunde genommen nur MTV-Musikclipvideos imitiert haben und sich da quasi nur dem Handwerk hingegeben haben, mittlerweile eine Generation, die sehr genau weiß, was sie will.

von Billerbeck: Das heißt, Sie teilen die Kritik an manchen jungen Filmemachern nicht, denen ja vorgeworfen wird, sie seien, ich will mal sagen, ein bisschen risikolos und würden schon beim Stoffentwickeln auf die Filmförderung schauen und damit die berühmte Schere im Kopf haben und alles wegschneiden, was da nicht in die Filmförderkategorien passt?

Hofmann: Das ist wirklich definitiv Unfug. Ich würde sogar mal behaupten, die Leute, die das machen, gehen unter. Alle Studenten, die der Meinung sind, sie müssten den Mainstream auch noch imitieren, die gehen eigentlich unter.

Ich nenne mal ein Beispiel aus letzter Zeit, die beide bei mir studiert haben. Burhan Qurbani mit "Wir sind jung, wir sind stark", der jetzt gerade das beste Drehbuch gewonnen hat beim Bayerischen Filmpreis. Das ist ein junger Afghane, der aus Afghanistan mit seinen Eltern vor etlichen Jahren geflohen ist. Und dann macht der Junge solche Filme. Er war mit "Shahada" im Wettbewerb der Berlinale vertreten, da war der nicht mal 30. Das ist das Gegenteil von angepasstem Filmemachen.

Oder ich nenne Florian Schwarz, der diesen wunderbaren Uli-Tukur-Tatort letztes Jahr mit Uli Matthes gemacht hat und alle Preise der Welt gewonnen hat. Die sind auch beide von mir. Der Michael Pröhl, der Autor, und der Florian Schwarz, beides ganz ästhetisch gewagte, tolle radikale Regisseure und Autoren. Also ich kann nur sagen, ich empfinde in meinem Umfeld genau das Gegenteil.

von Billerbeck: Wenn wir den Blick mal von oben auf die deutsche Filmlandschaft werfen – was fehlt Ihnen, was muss sich da ändern aus der Sicht des Produzenten und des Firmenchefs?

Beim Filmemachen wird es auch in Deutschland den Umsturz geben

Hofmann: Ich glaube, es ändert sich sehr viel im Moment, weil diese Generation, die im Moment kommt, und das ist ja nicht nur eine, wir reden ja von zwei, drei Jahrgängen, die im Moment auch übrigens auch die kreative Szene dominieren. Ich kann Ihnen sagen, die Über-50-Jährigen haben im Moment eher Arbeitsplatzsorgen auch im Regiebereich als die Über-30-Jährigen. Das hat damit zu tun, dass da eine Generation kommt, die, wie ich vorhin schon sagte, auch handwerklich sehr genau weiß, was sie tut.

Ich glaube on the long run, dass wir wirklich einen großen Umsturz erleben werden. Das sehen Sie übrigens auch in der Internationalisierung der Programme. Auch so ein serielles Programm, das von mir kam, "Deutschland '83", auch, wenn es in Deutschland  nicht sehr gut lief, es lief auf der ganzen Welt sehr gut. Das hat Eddy Berger gemacht, der auch auf der Berlinale lief vor zwei Jahren mit "Jack", mit seinem großen Film.

Da kommt eine andere Generation, und die definiert im Moment auch eine völlig andere Marschrichtung, wo sie hinwollen. Und ich kann nur immer wiederholen, ich finde die Entwicklung extrem positiv. Die geht weg von jeder Angstbesetztheit, es geht auch weg vom sogenannten Redakteursdenken. Die fordern für sich eine eigene Radikalität ein und bringen das auch in ihren eigenen Filmen zustande. Das ist ja das Entscheidende.

von Billerbeck: Dieses Redakteursdenken hat ja auch dazu geführt, dass da so der Mainstream gefördert wurde. Nun haben Sie ja auch, sind Sie ja auch bekannt geworden mit dem Genre, ich sage jetzt mal in Anführungsstrichen "Geschichtsfilm", ich meine da "Unsere Mütter, unsere Väter". Dieser Film hat ja nicht bloß Preise abgeräumt, sondern auch dafür gesorgt, dass es wieder Diskussionen in den Familien gab, wieder einmal, wie es ja offenbar immer wieder passiert. Sind da alle Geschichten schon auserzählt, oder erwarten Sie da gerade von diesen ganz Jungen, die Sie gerade so als sehr politisch und radikal bezeichnet haben, auch ganz neue Sichtweisen auf scheinbar schon hundertmal Erzähltes?

Hofmann: "Unsere Mütter, unsere Väter" ist ein Beispiel. Der Philipp Kadelbach hat auch in Ludwigsburg studiert und ist beim Drehen des Films 33 gewesen. Stefan Kolditz, ein sehr erfahrener Autor, der in meinem Alter ist, aber die Regieleistung kommt eben von einem 33-Jährigen, der das Thema noch mal völlig neu, übrigens auch physisch sehr gewaltig und sehr modern erzählt hat. Deshalb hat es die Leute auch so angegriffen.

Es war ja auch ein kontroverser Erfolg, wenn Sie Richtung Polen denken. Aber es ist der richtige Weg, weil jede Kontroverse, jede Diskussion ist mir in diesem Land lieber, auch international lieber als abgeschmacktes, langweiliges Fernsehen. Und die Wege dorthin sind mühsam, das wissen wir alle, aber ich glaube, wir kommen nicht drum herum.

Jeder, der nur auf bekannten Pfaden wandelt, wird untergehen

Weil die Leute haben mittlerweile den Horizont auf ganz anderen Kanälen, von Netflix angefangen über Amazon Prime, sich ihr Programm abendlich zusammenzustellen, und wir können gar nicht mehr stehenbleiben. Jeder, der im Moment stehenbleibt, geht unter. Das hat einfach zu tun mit einer Gesamtwahrnehmung von Fernsehen und Film international. Und eine jüngere Generation orientiert sich nicht mehr nur in Deutschland. Die schaut eben ein weltweites Programm.

Übrigens, auf der Berlinale, wenn Sie die letzten Jahre gesehen haben, was Dieter Kosslick gemacht hat im seriellen Bereich – er hat ja eine ganze Reihe mit internationalem Fernsehen aufgesetzt, die komplett ausverkauft grundsätzlich ist –, und es ist einfach eine Bereicherung. Letztes Jahr, mit den italienischen Formaten, den dänischen Formaten. Wir schauen eben nicht nur deutsch fern, sondern wir schauen zumindest europäisch Fernsehen.

von Billerbeck: Nico Hoffmann war das, der Filmproduzent bekommt den Ehrenpreis beim Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Hofmann: Tausend Dank, alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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