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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.04.2009

Jung, smart und?

Die aufgehenden Polit-Stars

Von Jens Schneider

Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in New York (AP)
Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in New York (AP)

Eigentlich stand der Mann arg unter Jungschnösel-Verdacht. So wie Karl-Theodor zu Guttenberg daherkommt, wurde in Berlin gewarnt, kann einer nicht populär werden. Strahlt doch der junge Wirtschaftsminister eine selbstverständliche Sicherheit aus, die dazu einlädt, ihn erst mal als arroganten Sonderling einzustufen.

Doch er ist nicht nur schnell zu einem Liebling der Journalisten geworden, er kommt auch in Umfragen an. Und das nicht, weil er sich als ein ganz anderer herausgestellt hätte, etwa als liebenswürdiger Polit-Schmeichler, der nur auf den ersten Blick sehr selbstbewusst wirkt. Nein, er ist im wahrsten Wortsinne selbstbewusst: Er pflegt eine klare und unverbrauchte Sprache, weil er selbst genau weiß, wovon er spricht. Er muss sich nicht pofallahaft an Floskeldeutsch festhalten. Hier hat einer Profil und Haltung mitgebracht.

Erleichtert möchte man nach einer Unverbrauchtepolitikerbeförderungsrichtlinie rufen. Einer Richtschnur, die den Parteien die Suche nach weiteren solchen Talenten als Pflicht auferlegt. Die Parteien freilich, allen voran seine CSU, lehnen sich stolz zurück. Sie sehen ihre Nachwuchsförderung durch sein Beispiel doch bestätigt. So wie die CDU-Führung es tat, als Ursula von der Leyen sich in der Hauptstadt durchsetzte, oder die FDP, als sie den Niedersachsen Phillip Rösler entdeckte, einen der jüngsten Wirtschaftsminister im Land.

Dabei hat hier nur der glückliche Zufall das System der Parteien ausgetrickst, das gerade nicht dazu angelegt ist, einen Nachwuchs zu rekrutieren, der viel mehr gesehen hat als Hörsäle und Parteigremien, und deshalb auch mehr zu sagen hat, als das, was Gremien zulassen. Es könnte sich also lohnen, angesichts des Phänomens zu Guttenberg Mutmaßungen über die Frage anzustellen, was solche Politiker-Überraschungen besonders macht.

Erstens: Ihre Jugend allein gewiss nicht. Jedem dürfte ein Dutzend junger Politiker einfallen, die nach wenigen Jahren kantenlos wirken, als wären sie in einem politischen Windkanal geformt.

Auch ist, zweitens, die Erkenntnis nicht überraschend, dass junge Talente, wenn sie als eigenständig auffallen, Erfahrung aus einem Berufsleben vor der Politik mitbringen. Aus der Wirtschaft, der Wissenschaft oder einem Krankenhaus wie die Ärzte von der Leyen und Rösler.

Nicht so naheliegend, aber, drittens, mindestens genau so wichtig: Es ist für sie sicher entscheidend gewesen, dass sie nicht zu früh gelernt haben, ihr Leben nur den Karrieremustern ihrer Parteien anzupassen. Und es ist sicher für ihre Entwicklung gut gewesen, dass sie die berühmte "Ochsentour" nicht machen mussten. Sie sollten Statur mitbringen. Aber sie dürfen gerade keine unbeleckten politischen Anfänger sein. Zu oft sind in der Bundespolitik vermeintliche Talente an ihrer Unkenntnis der Spielregeln und der Ränkespiele gescheitert. Der Wirtschaftsminister wie auch die Familienministerin kommen aus Familien, die stark vom politischen Leben geprägt wurden. Und der eigenwillige niedersächsische Wirtschaftsminister Phillip Rösler ist von seinem Vorgänger gecoacht worden.

So bringen sie beides mit: den Mut und die Unabhängigkeit, um für ein Ziel auch einmal im richtigen Moment die starren Regeln der Politik zu durchbrechen – aber auch das Gefühl dafür, diese Regeln genug zu achten, mit ihnen zu spielen, um nicht an ihnen zu zerbrechen wie die vielen gescheiterten älteren Seiteneinsteiger.

Genau diese Verbindung sollten die Parteien fördern lernen. So könnten sie, was angesichts ihrer Personalnot sehr zu wünschen wäre, zu ihrem eigenen Nutzen auch Akademien der politischen Nachwuchspflege werden.

Jens Schneider, Journalist, wurde 1963 in Hamburg geboren, ist seit 1991 Redakteur der "Süddeutschen Zeitung". Er berichtete und kommentierte zunächst als außenpolitischer Redakteur vor allem über den Balkan. Von 1996 an war er fast neun Jahre lang Korrespondent für Ostdeutschland mit Sitz in Dresden. 2005 wechselte er als Parlamentskorrespondent in das Hauptstadtbüro der Zeitung nach Berlin, seit 2008 ist Schneider Norddeutschland-Korrespondent mit Sitz in Hamburg.

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